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28.06.12

Augmented-Reality-Brille: Wieso Google Glass niemals Marktreife erreichen muss

Mit seiner Augmented-Reality-Brille entzückt Google technologiebegeisterte Menschen rund um den Globus. Selbst wenn das Produkt niemals in die Läden käme, hätte der Internetkonzern ein wichtiges Ziel erreicht.

Google sieht sich einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber. Immerhin kämpft der Konzern an allen Fronten gegen die Konkurrenz. Doch um diese zu meistern, benötigt es die besten Talente. Genau für diese ist es jedoch längst nicht mehr selbstverständlich, ihre erste Bewerbung an Google zu schicken oder sich auf lange Zeit dem Unternehmen zu verpflichten. Speziell Facebook erwies sich in den letzten Jahren als Magnet für kompetentes Tech-Personal und konnte mehr als nur einige wenige Googler abwerben. Doch auch Twitter sowie Startups aus der zweiten Reihe wie Square, Zynga, Evernote oder Pinterest, buhlen um die Arbeitskräfte. Wie lautet die Antwort eines Unternehmens, das um jeden Preis die besten IT-Leute für sich gewinnen muss, um dauerhaft erfolgreich und relevant zu bleiben? Es entwickelt ein vollkommen disruptives, leicht utopisch angehauchtes Produkt, dessen alleinige Vorstellung Entwickler und Geeks rund um den Globus emotional in seinen Bann zieht und ihnen unmissverständlich vermittelt, bei welchem Arbeitgeber sie mit derartigen Innovationen in Kontakt kommen. Genau darum handelt es sich bei Google Glass.

Googles abgefahrene Augmented-Reality-Brille, die ihre Träger ohne den Einsatz der Hände mit Informationen zur Umgebung versorgt, sie Fotos aufnehmen und mit Freunden kommunizieren lässt, soll Anfang 2013 an Besucher der derzeit stattfindenden Google-Entwicklerkonferenz I/O ausgeliefert werden und happige 1500 Dollar kosten. Der offizielle Marktstart wird dann "weniger als ein Jahr später" erfolgen, also Ende 2013 oder Anfang 2014. Die finale Version soll im Preis günstiger ausfallen, allerdings nicht unbedingt billig werden.

Im Klartext bedeutet dies: Konsumenten, die erstmalig Ende 2011 von der Google-Brille erfuhren, müssen sich - eigentlich obligatorische Verspätungen im Entwicklungsprozess eingerechnet - mindestens zwei Jahre oder auch länger gedulden, bis sie tatsächlich in der Lage sein werden, eine mit Google-Diensten verbundene Cyberbrille zu erwerben. Und diejenigen, die sich auf dem I/O-Event für ein Google Glass registrieren, können das Gerät zwar bereits im nächsten Jahr in Empfang nehmen, zahlen dafür jedoch einen deftigen Preis und agieren gleichzeitig als Versuchskaninchen. Als Entwickler und Google-Anhänger ist dies natürlich genau, was sie wollen. Dennoch signalisiert die gewählte Launch-Strategie, dass man sich im Hause Google selbst noch sehr unsicher ist, ob und wie die Brille im Alltag überzeugen wird.

Angesichts der ethisch-moralischen Fragen , die eine Google-Brille mit eingebauter Kamera aufwirft, ist ein derartig vorsichtiges Vorgehen auch angeraten. Trotzdem entsteht der Eindruck, Google habe in Bezug auf Glass bisher noch sehr wenig über die momentane Experimentierphase hinausgedacht. Die lange Vorlaufzeit bis zur Lancierung, der für eine Firma, die 6.000 Entwickler mit Tablet, Smartphone und Audio-System beschenkt, ungewöhnlich hohe Preis für das Testmodell sowie das vollständige Schweigen der Google-Verantwortlichen zu den Privatsphäre- und Datenschutz-Implikationen lassen den Schluss zu, dass Google intern noch gar keine Entscheidung über einen endgültigen Marktstart getroffen hat. Und tatsächlich ist dies in der jetzigen Phase auch gar nicht notwendig. Denn ein Ziel hat die Firma aus dem kalifornischen Mountain View mit Glass bereits erreicht: Nach einer Phase der Konsolidierung, Fokussierung auf Kernbereiche und Neuorientierung, die Googles Arbeitgebermarke nicht unbedingt gut tat, steht sie wieder an der Spitze der innovationsfähigen IT-Unternehmen des Silicon Valleys und der Welt. Welcher Programmierer, Designer und Produktmanager möchte nicht in einer Organisation arbeiten, die keinerlei Kosten und Risiken scheut, um die Grenzen der digitalen Sphäre derartig auszudehnen, wie es Google mit Glass versucht - und die das Resultat der Forschungsarbeit dann im Rahmen eines live übertragenen Fallschirmsprungs präsentiert?

Ich behaupte nicht, das Google-Management ginge davon aus, Google Glass niemals für die Allgemeinheit verfügbar zu machen. Doch neben dem tatsächlichen Potenzial als nächster revolutionärer Schritt zur vollständigen Informationsgesellschaft erfüllt das Projekt zusammen mit den selbstfahrenden Google-Autos bereits im momentanen Entwicklungsstadium eine überaus wichtige Rolle: Es repariert einen Teil der Kratzer, die Google seinem Image in den vergangenen zwei Jahren zugefügt hat, und wird die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber für High Potentials deutlich erhöhen.

Vergessen wir nicht: Google ist ein Unternehmen, das Startups für 100 Millionen Dollar kauft, um deren Angestellte zu sich zu holen, und das am 1. Januar 2011 einfach die Gehälter seiner über 20.000 Angestellten um zehn Prozent erhöhte und zudem überraschend 1000 Dollar pro Kopf verteilte, um die Belegschaft bei Laune zu halten und auch in Zukunft hinreichend viele Bewerbungen intelligenter Kandidaten entgegennehmen zu können. Was dadurch für den Konzern an Mehraufwand angefallen ist, dürfte über den Entwicklungskosten für Google Glass liegen. Insofern erscheint der Gedanke, bei Glass handele es sich in erster Linie um ein Image- und Marketing-Werkzeug, dessen tatsächliche Markttauglichkeit in einem späteren Schritt und je nach öffentlichem (und politischem Echo) geprüft wird, gar nicht so abwegig, oder?

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