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07.10.13

Aufstieg der Smarthone-Messenger: Skypes große verpasste Chance

Während Smartphone-Messenger mit Chat-, VoIP- und Videofunktionen rasant Anhänger gewannen, schaute das vor allem für den Desktop konzipierte Skype nur zu. Nun verspricht der Microsoft-Dienst Anpassungen. Wahrscheinlich zu spät, um Services wie WhatsApp und Viber in die Quere zu kommen.

SkypeKaum eine Woche vergeht, ohne dass eine der zahlreichen populären mobilen Messenger-, VoIP- und Video-Apps für Smartphones erreichte Meilensteine oder andere Neuigkeiten von größerer Tragweite bekannt gibt. Ob WhatsApp, Line, WeChat, Viber, Hangouts oder Kik - das Segment boomt und verzeichnet viele hundert Millionen aktive Anwender (siehe). Selbst Facebook - freilich mit einer eigenen spezialisierte Chat-App namens Messenger präsent - gerät durch den Aufstieg der von Beginn an für die mobile Nutzung optimierten Applikationen in Bedrängnis. Ein Dienst allerdings hat diese Entwicklung trotz idealer Voraussetzung komplett verschlafen und versucht erst jetzt, verlorenen Boden gut zu machen: Skype. Skype will in der Cloud synchronisieren

Die am Wochenende von dem zu Microsoft gehörenden VoIP-Pionier angekündigten Veränderungen und Verbesserungen der technischen Architektur und Funktionweise sind gleichzeitig das Eingeständnis einer über viele Jahre andauernden Unfähigkeit des Unternehmens, wichtige Branchentrends und ein sich wandelndes Anwenderverhalten frühzeitig zu erkennen und davon ausgehend Konsequenzen für das eigene Produkt zu ziehen. Denn dass Skype - wie jetzt bekannt gegeben - Ende 2013 in die Lage versetzt wird, Chats und andere Nutzeraktivitäten cloudgestützt über verschiedene Geräte zu synchronisieren und so beispielsweise Mitteilungen von Nutzern übermitteln zu können, wenn diese mittlerweile wieder offline sind, ist mindestens zwei Jahre zu spät.

Alles fing so gut an

Dabei war die Ausgangslage ideal: Im Frühjahr 2009 veröffentlichte Skype die erste Ausführung seiner iPhone-App. Einige Monate zuvor erblickte bereits ein "Skype Lite"-Client für das damals noch ein Nischendasein fristende Android das Licht der Welt. 2010 erschien dann eine vollwertige Version im Android Market (heute Google Play Store). Noch bevor die in den Folgejahren in Windeseile die Herzen der kommunikationswilligen Smartphone-Besitzer erobernden Apps überhaupt auf der Bildfläche erschienen waren, erlaubte Skype Besitzern von iPhones und Android-Geräten bereits den Austausch per Chatnachricht oder kostenfreien VoIP-Gesprächen - genau die Features, die heute beim Gros der Messenger-Apps im Zentrum stehen.

P2P-Architektur wird zur Schwäche

Doch im Gegensatz zu den seit zwei Jahren explosionsartig wachsenden mobilen Chat-Anwendungen war das 2013 seinen zehnjährigen Geburtstag feiernde Urgestein mit dem weißen S auf hellblauem Grund im Logo nicht für den Einsatz auf Mobiltelefonen oder Tablets entwickelt worden, sondern ein reines Desktop-Produkt. Skypes Peer-to-Peer-Architektur (P2P), die jeden Skype-Client in einen Server verwandelt und dafür sorgt, dass Millionen Anwender miteinander telefonieren oder chatten können, ohne dass das Unternehmen dafür riesige Rechenzentren benötigt, galt lange Zeit als hochinnovativ. Doch sie brachte auch Beschränkungen mit sich. Denn als Skype-Anwender damit begannen, Skype nicht nur auf dem PC sondern auch auf dem Mobiltelefon zu nutzen, erkannten sie schnell, dass das Kommunizieren nicht so reibungslos und bequem abläuft, wie dies bei WhatsApp und Co der Fall ist. Wer dort eine Chatnachricht versendet, weiß, dass diese Sekunden später bei dem Empfänger ankommt, geroutet über zentrale Server.

Skypes komplizierte, nach wie vor für typische Einsatzszenarien des Desktops angepasste Struktur hat dagegen zur Folge, dass Synchronisation und der Austausch über Plattformen und Geräte hinweg unzuverlässig und mitunter komplett unbrauchbar ist. Mal kommen Nachrichten beim Empfänger direkt an, mal nicht. Mal meldet sich das Smartphone bei einem eingehenden Skype-Anruf per Push-Mitteilung, mal nicht. Ganz nervtötend ist, wenn plötzlich Dutzende alte Beiträge aus einem per Desktop geführten Skype-Gruppenchat nacheinander auf dem Mobiltelefon eintreffen und das iPhone für einige Zeit quasi komplett lahmlegen. Manchmal geschieht dies auch erst zehn Minuten, nachdem man die Skype-App geöffnet hat. Im Prinzip taugen die mobilen Skype-Apps nur dazu, für zu führende VoIP-Gespräche eingeschaltet und danach wieder deaktiviert zu werden. Klar, dass die das "Always on"-Charakteristikum der SMS und Hanytelefonie emulierenden Chat-Messenger hier punkten konnten, muss man sich bei ihnen keine oder nur wenige Sorgen machen, Chats oder Gespräche zu verpassen.

Neulinge nehmen Zukunftsmarkt ein

Sicherlich ist die Vermählung des P2P-Ansatzes mit einer zentralisierten Cloudabwicklung der Chats und Gespräche eine anspruchsvolle und komplizierte Angelegenheit, die Skypes Ingenieure nicht mal nebenbei an einem Nachmittag umsetzen konnten. Dennoch bleibt festzuhalten, dass sich der einstige Vorzug des Dienstes - das P2P-Prinzip - in den letzten Jahren zu einem Nachteil entwickelt hat. Zumindest sofern es für Skype und die Konzernmutter erstrebenswert gewesen wäre, den nun von WhatsApp und Konsorten eingenommenen Markt selbst zu bedienen. Dass man in Redmond und in der Skype-Zentrale so denkt, zeigen die Darlegungen und Formulierungen, mit denen nun die Modifikationen der Architektur begründet werden. Selbst wenn Skype mit Privatnutzern trotz aller Versuche bisher wenig Umsätze generiert, ist es im Interesse das Dienstes, für alle Kommunikationsszenarien die erste Adresse zu sein. Dass WhatsApp allein mittlerweile mehr aktive Smartphone-Anwender vorweisen kann als Skype insgesamt und dass sich mit Viber ein noch stärker auf das Skypes-Kerngeschäft abzielendes Startup ziemlich erfolgreich entwickelt, ist für den bisherigen Branchenprimus tragisch. Denn alles, was Nutzer mit WhatsApp und Viber anstellen, wäre theoretisch auch mit Skype möglich - hätte man dort vor vier Jahren erkannt, wie das mobile Internet Nutzungsmustern eines Tages durcheinanderwirbeln würde, und die entsprechenden Weichen gestellt.

Skype zielt nie hoch genug

Trotz seines Kultstatus, der disruptiven Auswirkungen auf das traditionelle Telefongeschäft und der beeindruckenden Markenbekanntheit war Skype schon immer ein Dienst, der nie sein volles Potenzial auszuschöpfen schien und stets ein wenig enttäuschte. Die späte Erkenntnis, dass eine Dominanz im Desktop-Web nicht automatisch eine führende Marktstellung im mobilen Internet garantiert, passt gut ins Bild. Bisher schienen die Versäumnisse dem Dienst allerdings nie so richtig zu schaden. Daran hat sich auch seit der Übernahme durch Microsoft vor zweieinhalb Jahren nichts geändert. Die von dem IT-Giganten derzeit forcierte tiefgehende Integration von Skype in sämtliche seiner wichtigsten Software-Angebote sowie zweifellos praktische Funktionen für ernsthafte Nutzer wie SkypeIn und SkypeOut werden Skype wohl auch vorläufig vor einem Absturz in die Bedeutungslosigkeit schützen. Doch ob es gelingt, mit den versprochenen Verbesserungen im boomenden Segment der datenbasierten Alltagskommunikation mobiler Nutzer echte Akzente zu setzen und signifikante Marktanteile zu gewinnen, ist äußerst fraglich. Um diesen Zug noch zu erreichen, wäre mehr notwendig, als den Innovatoren hinterherzulaufen. /mw

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