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02.12.13

Schuften in Verteilerzentren: Amazons Menschenroboter und die Forderung, die niemand stellen will

Immer wieder sorgen die Arbeitsbedingungen in den Verteilerzentren führender Onlinehändler für öffentliche Empörung. Doch die naheliegende Forderung, dass unwürdige, standardisierte Arbeit schnellstmöglich durch Roboter ersetzt wird, hört man nirgends.

AmazonDie Arbeitsbedingungen in den Verteilerzentren führender Onlinehänder wie Amazon und Zalando waren im Jahr 2013 ein Medien-Dauerthema. Gerade wieder beleuchten Vor-Ort-Reportagen die Zustände in den Großlagern des US-Giganten Amazon. Die Schilderungen gleichen sich stets: Die E-Commerce-Riesen zahlen Niedriglöhne für monotone, an den Kräften zehrende Arbeit, regeln jede Tätigkeit bis ins letzte Detail, setzen auf intensive Mitarbeiterüberwachung und nutzen die Verzweiflung oder Hoffnung der oft über Zeitarbeitsfirmen aus der längeren Arbeitslosigkeit rekrutierten Belegschaft aus, um ihre fragwürdigen Methoden ohne allzu großen Widerstand durchzusetzen.

Die Gewerkschaften reagieren mit Streiks, um wenigstens die monetären Aspekte des Schaffens bei Onlinehändlern zu verbessern, Journalisten erheben den anklagenden Finger und die Verbraucher - die kaufen munter weiter ein. Amazon hat in Deutschland einen Marktanteil von rund 25 Prozent. Empörung über die Gängelung und schlechte Behandlung der Lagerkräfte hin oder her - zu Tiefstpreisen bequem von zu Hause aus shoppen zu können, hat für die meisten am Ende doch die höchste Priorität. Genau genommen ist es das Verlangen der Konsumenten nach einer schnellen Lieferung möglichst günstig online zu erwerbender Produkte, das die auf radikale Effizienz und Effektivität getrimmten Logistiksysteme und Personalpolitiken von Amazon, Zalando und anderen, künftig in der Kritik stehenden E-Händlern überhaupt erst erforderlich gemacht hat. Onlineläden richten sich danach, was die Kunden wollen. Über extreme Standardisierung, aggressiven Hierarchien und hohen Arbeitsdruck haben Amazon und Co. Wege gefunden, dies zu ermöglichen. Roboter werden Lagerarbeiter ablösen

Die Crux mit der öffentlichen Entrüstung über die Zustände ist nicht nur, dass sie in der Regel in Vergessenheit gerät, wenn am nächsten Tag Weihnachtsgeschenke erworben werden müssen. Völlig unbeachtet bleibt auch die Einordnung der Vorgänge in das Gesamtgebilde - obwohl die Verhältnisse bei den E-Commerce-Konzernen einen klaren Sprache sprechen. Die aktuellen Probleme, mit denen Arbeitskräfte, Gewerkschaften und im weiteren Sinne Politiker konfrontiert werden, besitzen lediglich eine kurze Halbwertszeit. In zehn oder 20 Jahren werden die Arbeitsbedingungen bei marktführenden Onlineshops kein Thema mehr sein. Dann nämlich wird man in den Verteilerzentren nur noch Roboter antreffen, die gefolgsam, ohne Toiletten- und Raucherpause und ohne Forderung nach Gehaltserhöhungen, ihre Dienste verrichten.

Die Debatte über die Geschehnisse in den Warenlagern zeigt, wie wenig unsere Gesellschaft mit den massiven Veränderungen umzugehen weiß, die mit lautem Donnern auf unseren Arbeitsmarkt zurollen. Durch die Automatisierung und Roboterisierung ist für die nächsten Jahre mit einem Wegfall von Millionen von Jobs zu rechnen. Laut einer aktuellen Studie sind allein in den USA 45 Prozent der Arbeitsplätze gefährdet, von Computern ersetzt zu werden. Je schlauer Computer werden, in desto mehr Bereichen des Arbeitslebens lassen sich Menschen durch Maschinen ersetzen. Letztere sind nicht nur deutlich günstiger im Betrieb, sondern können ohne Unterbrechung malochen und machen - eine generelle Eignung für ihre Aufgabe vorausgesetzt - anders als Menschen keine Fehler.

Standardisierung als Schritt vor der Automatisierung

Die Standardisierung und Normung von Arbeitsprozessen, wie sie in den Lagern von Amazons erfolgt, ist die letzte Stufe in der Transformation eines Arbeitsprozesses weg vom Menschen hin zur Maschine. Indem Angestellte durch genaue Handlungsanweisungen für jede noch so scheinbar unwesentliche Situation von der Notwendigkeit zu eigenen Entscheidungen befreit werden, nähert sich ihre Tätigkeit der von für spezielle Tätigkeiten programmierten Robotern an. Die Standardisierung, Normierung und Vereinfachung der Tätigkeit ermöglicht es dem Lagerbetreiber, unerfahrene und ungelernte Kräfte anzuheuern und in Windeseile fit für den Arbeitseinsatz zu machen. Kräfte, die sich mit Konditionen zufrieden geben, die für gelernte, anspruchsvolle Arbeitnehmer mit besseren Jobangeboten inakzeptabel wären.

Je weiter sich die Personalkosten senken lassen und je weiter die Produktivität parallel durch ein Herunterbrechen aller Prozesse in gemäß Anleitung zu befolgende, simple Mini-Arbeitsschritte erhöht wird, desto besser für Amazon. Und desto mehr gleichen die Lagerkräfte menschlichen Robotern. Noch sind Menschen in einigen Punkten ihren computergesteuerten "Kollegen" überlegen, flexibler und günstiger in der temporären "Anschaffung", um etwa das lebhafte Weihnachtsgeschäft zu meistern. Noch. Ein Blick auf den technischen Fortschritt der vergangenen 20 Jahre genügt, um zu verstehen, dass der Tag, an dem Maschinen Lagerarbeiter zu 99 Prozent ersetzen können, kommt. Amazon wird sich dann nicht lange bitten lassen. Immerhin handelt es sich um das Unternehmen, das in vier bis fünf Jahren Waren mittels Dronen an die Haustüren liefern möchte.

Debatte ignoriert die entscheidende Frage

Da Volkswirtschaft und Sozialsysteme in keiner Weise auf diese Entwicklung vorbereitet sind und auch in den politischen Agenden schnöde die "Schaffung von Arbeitsplätzen" ungeachtet des immer offensichtlicheren Makels dieses Systems stets ganz oben steht, konzentriert sich die öffentliche Debatte nicht auf die Frage, wann Amazon, Konkurrenten und Unternehmen in verwandten Branchen ihre Lagerarbeit automatisieren und wie man die Gesellschaft auf dieses garantiert eintreffende Ereignis vorbereitet, sondern fokussiert sich eindimensional allein auf die Missstände bei den heutigen Arbeitsbedingungen.

Die weitaus angemessenere Reaktion auf die Zustände in den Verteilerzentren wäre die Forderung nach einer möglichst schnellen Umstellung der Arbeitsplätze auf Maschinen. Denn wem möchte man schon wünschen, jahrelang Tag für Tag roboterartig Waren versandfertig zu machen?! Es mag ein guter Studenten- oder Überbrückungsjob sein, aber ein erfülltes Leben lässt sich damit auf Dauer kaum realisieren. Selbst wenn es zu Tariflohn geschähe. Ideale Voraussetzungen also für weitaus weniger sensible, nicht den Sinn des Lebens suchende Roboter. Es wäre ein Grund zum Feiern, dass nahe an der Menschenunwürdigkeit befindliche Tätigkeiten endlich in Roboterhände gegeben werden können. Doch weil das gesamte Gesellschaftssystem darauf aufbaut, Menschen in irgendeiner (!) Form von Arbeit unterzubringen, spricht dies niemand aus. Stattdessen geht es in der Diskussion allein um einzelne Euros und Pausenregelungen. Als gäbe es kein Morgen.

Die Reaktionen auf die Vorkommnisse in den Logistiklagern der E-Commerce-Branche zeichnen ein besorgniserregendes Bild einer fehlgeleiteten Debatte, in der kurzfristige Flickschusterei die intellektuelle und praktische Lösung einer tiefgreifenden Herausforderung der nahen Zukunft verhindern, und in der sich niemand Klartext zu sprechen traut. Dabei könnten die Alarmzeichen kaum deutlicher sein. /mw

(Foto: Person's hands controlling a worker with a remote control, Shutterstock)

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