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28.07.09

Apple-Tablet-Computer: Knackt Apple das Tablet-PC-Problem?

Apples Tablet-Computer in der Art eines überdimensionierten iPod-Touch scheint kurz vor der Markteinführung zu stehen. Die Frage ist, ob Steve Jobs' Firma die bisherigen konzeptionellen Probleme dieses Gerätetyps lösen kann.

Apple-Tablet-PC?Die Zeichen mehren sich: Sogar renommierte Medien wie die Financial Times verkünden inzwischen, dass Apple demnächst einen Tablet-Rechner präsentieren wird - eine Art zu gross geratenen iPod Touch.

Falls das stimmt, handelt es sich um einen sehr mutigen Schritt. Die Geschichte der Tablet-Computer - Flachbildschirm-Geräte, die einen berührungsempfindlichen Bildschirm oder Stifteingabe verwenden - ist eine lange Serie von Misserfolgen und Enttäuschungen.

Microsoft hat es in diesem Markt schon mindestens dreimal versucht, angefangen 1993. Windows XP Tablet PC Edition im Jahr 2002 war ein Flop, und das Konzept der auf Unterhaltung ausgerichteten Ultra-mobile PCs, vorgestellt 2006, ging auch den Bach runter.

[photos title="Tablet-PC und UMPC: Serie von Fehlschlägen" pics="4 5 6 7"]

Heute sind die meisten Tablet-PC-Features in jeder Version von Windows Vista vorhanden, aber nur wenige PC-Modelle machen Gebrauch davon. Viele Hersteller haben ihr Glück mit Geräten im Form-Faktor eines Tablet-PC versucht, aber die einzigen Gerätetypen, die einen bescheidenen Erfolg erzielen konnten, waren die PDAs (Personal Digital Assistant) der späten neunziger Jahre.

Was muss also Apple anders machen, um in diesem Markt erfolgreich zu sein?

Ich persönlich bin ein Fan des Tablet-Formats. Ich habe mit den ersten “Windows for Pen Computing PCs” schon 1993 herumexperimentiert (obwohl das wirklich grauenhafte Geräte waren) und besitze heute noch vier verschiedene Tablet-PCs und UMPCs sowie zusätzlich diverse PDAs und Smartphones.

Meiner Erfahrung nach zu schliessen muss Apple die üblichen Fallgruben vermeiden und folgende Dinge im Apple-Tablet sicherstellen:

     

  1. Die Eignung für den echten mobilen Einsatz.

    Tablet-Geräte sind angeblich für die mobile Benutzung ausgelegt. Aber das ist ziemlich witzlos, wenn die Akkulaufzeit es nötig macht, dass man zusätzlich ein backsteingrosses Netzgerät und Zubehörteile mit sich rumschleppt. Das schlimmste Beispiel dafür war der UMPC der inzwischen nicht mehr existierenden Firma OQO. Seine Batterie hielt keine zwei Stunden durch, und das Netzgerät war beinahe grösser als der Computer. Also muss Apple sicherstellen, dass das Gerät eine adäquate Batterielaufzeit aufweist und das Gerät für den Einsatz keine Zubehörteile braucht (wie die leicht zu verlierenden digitalen Stifte oder externe Tastaturen), will heissen: Das Tablet-Gerät muss wirklich für die Lösung von Aufgaben nutzbar sein, nicht nur für eine schnelle Demo.

  2. Echte Exzellenz in einem oder zwei spezifischen Einsatzgebieten.

    Das erfolgreichste Tablet-Gerät der Geschichte, der Palm PDA, hatte einen eindeutigen Fokus: Es war ein digitaler Ersatz für den Terminkalender - nicht mehr und nicht weniger. Microsofts Tablet-PC andererseits litt unter überhöhten Ansprüchen. Er wollte ein vollwertiger PC sein, ausserdem ein digitaler Notizblock, ein hochtransportables Informationserfassungsgerät für Profis und - ach ja: ein alles abdeckendes Unterhaltungsgerät. Unglücklicherweise löste es keines dieser Versprechen besonders gut ein. Apple muss also entscheiden, für welchen Zweck der Tablet-Rechner vornehmlich ausgerichtet ist und ein wirklich gutes User-Erlebnis für genau diesen Einsatzzweck bieten. Derzeit sieht es so aus, als ob es sich um ein klar auf Unterhaltung ausgerichtetes Gerät handeln wird, was wahrscheinlich eine gute Idee ist.

  3. Eine einfache, gut funktionierende Benutzeroberfläche.

    Die meisten Tablet-PCs verfügen über die eine oder andere Art von Handschriftenerkennung. Das scheint angesichts des Tablet-Formats sinnvoll, aber die traurige Wahrheit ist, dass Computer noch immer sehr schlecht Handschriften lesen können. Eine Erkennungsrate von 95% (welche die meisten Anbieter für ihre Software beanspruchen) klingt vielleicht gut, macht das System in der Praxis aber faktisch unbrauchbar. Die meisten Tablet-Geräte haben einen verhältnismässig langsamen Prozessor und werden schon deshalb kaum je sehr viel bessere Resultate erzielen können. Deshalb sollte sich Apple auf eine extrem einfache Oberfläche und eine Berührungs-Eingabe konzentrieren und auf revolutionäre Eingabemethoden verzichten. Wie das iPhone zeigt, versteht man das bei Apple wohl bereits.

  4. Grundsolide und robuste Hardware.

    Tablets müssen leicht sein, und deswegen gehen viele Hersteller Kompromisse bei der Gehäuse-Stabilität ein. Die meisten meiner Tablets weisen inzwischen einen oder mehrere mechanische Defekte auf, weil der mobile Einsatz hohe Ansprüche an das Material erhebt, denen die billigen Gehäuse meist nicht gewachsen sind. Ein Tablet-Rechner von Apple zum gerüchteweise verlauteten Preis von rund 800 US-Dollar muss viel robuster sein als das iPhone. Die Kunden werden eine Lebenszeit von mehreren Jahren erwarten, nicht nur bis zum Erscheinen des nächsten Modells.

Apple hat bereits die übrigen Zutaten für den Erfolg: Die Firma weiss, wie sie den "Wow"-Faktor erzeugt, der unabdingbar ist, um die Leute von einer neuen Geräteklasse zu überzeugen. Apple hat eigene Shops, in denen die Geräte angefasst und ausprobiert werden können - etwas, das den Windows-basierten Tablet-PCs immer gefehlt hat. Und Apple hat die Entwicklergemeinde und die nötigen Lizenzabkommen, um spannende Inhalte für das neue Gerät anbieten zu können.

Nun ist die einzige Frage, ob und wann Apple mit dem Tablet-Rechner herauskommt. Wenn jemand die Anforderungen an diese Geräteklasse erfüllen kann, dann ist es eindeutig Apple.

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