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26.01.12

Apple macht's vor, andere machen's nach: Schönheit als Erfolgsrezept

Immer mehr Unternehmen erkennen, welches Kriterium heute maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg entscheidet: ob Produkte und Dienste schön sind und die Sinne ansprechen. Nicht nur Apple baut darauf.

 

Die westliche Welt steht vor dem Eintritt in eine neue Ära: Eine Zeit, in der Design und Ästhetik nicht mehr länger nur die Leidenschaft einer kleinen, gutbetuchten Minderheit darstellen. Nach einem Jahrhundert des Wohlstandsaufbaus und der Befriedigung grundlegender Konsumbedürfnisse durch stark marketinggetriebene, aber nicht immer emotional berührende Produkte verändert sich der Anspruch von Konsumenten: Güter und Dienste müssen nicht mehr nur ihre kommunizierte Aufgabe erfüllen, sondern dies auf eine schöne, die Sinne betörende Art erledigen.

Kein Unternehmen hat dies so gut und frühzeitig verstanden wie Apple. Waren Ästhetik und Eleganz bisher Merkmale von Luxusherstellern mit einer exquisiten, stark begrenzten Zielgruppe, hat Apple Schönheit als Qualitätskriterium und übergreifendes Konzept der Harmonie aus Hardware, Software und Design für gute, nicht billige aber dennoch für viele erschwingliche Produkte massentauglich gemacht. 37 Millionen verkaufte iPhones und 15,4 Millionen verkaufte iPads im Weihnachtsquartal sprechen ebenso eine deutliche Sprache wie die Tatsache, dass im rückläufigen Notebook-Markt ausgerechnet das optisch und in puncto Form beeindruckende MacBook Air deutlich Zuwächse verzeichnen kann.

Ob Apple den allgemeinen Sinneswandel von Verbrauchern mitverursacht oder diesen lediglich rechtzeitig vorhergesehen hat, sei einmal dahin gestellt. Tatsache ist, dass sich der Design-Fokus nicht mehr länger auf den Konzern aus Cupertino beschränkt. So hatten wir neulich schon auf den Trend zu bildhübschen mobilen Applikationen hingewiesen, der sukzessive die Anforderungen der Anwender an mobile Webangebote verändert und im finalen Schritt zum Ende hässlicher Apps führen wird.

Google will plötzlich "schön" sein

Auch bei Google vollzieht sich momentan ein beachtlicher Strategie- und Mentalitätswechsel. Firmenchef Larry Page scheint der bisher stark technisch, rational und sachlich geprägten Aura des Unternehmens mittlerweile nicht mehr viel abgewinnen zu können. Parallel zum neuen Fokus auf menschlichen Verbindungen und Interaktionen hat der Firmengründer, der im vergangenen Jahr den CEO-Posten von Eric Schmidt übernahm, "Schönheit" als neues Firmencredo ausgemacht.

Ex-TechCrunch-Autorin Sarah Lacy beschreibt in ihrem neuen Blog PandoDaily, wie Google-intern in letzter Zeit ungewöhnlich häufig über Schönheit im Bezug auf Produkte gesprochen wird. Von Sowohl Page als auch Googles Social-Chef Vic Gundotra gibt es öffentliche Aussage, in denen sich das Wörtchen "beautiful" versteckt: "And we strive to make those services beautiful, simple and easy to use" (Page) und "Expect us to deliver something truly beautiful" (Gundotra).

Aus dem Hause Apple ist man derartige Zitate gewöhnt. Für Google sind sie jedoch ungewöhnlich.

"Schönheit hat als Buzzword heute die Bedeutung eingenommen, die 'Innovation' vor einigen Jahren anhing", beschreibt Lacy die veränderten Prioritäten.

Ein Thermostat weckt Begehrlichkeit

Die Folge dieser Entwicklung: Immer mehr Produkte - egal ob digitaler oder physischer Natur - erinnern in Aufmachung und Sinnlichkeit an das, was man aus dem Hause Apple her kennt. Sehr deutlich wird dies beim intelligenten Thermostat Nest, das wir bei netzwertig.com schon mehrfach erwähnt haben. Website, Corporate Identity und das Produkt erschlagen Betrachter förmlich durch ihre Eleganz und Simplizität. Ich zumindest hätte am liebsten sofort ein solches Gerät (egal ob ich es tatsächlich brauche).

GigaOM monierte gestern in einem Artikel, dass im Silicon Valley alle Blicke auf Nest gerichtet seien, dabei handele es sich nicht um das einzige smarte, mit dem Internet verbundene Thermostat. Doch wer sich die Fotos der in typisch industrielles Plastikdesign gekleideten Nest-Konkurrenz in dem Beitrag anschaut, wird verstehen, warum dies so ist. Ein Produkt, das Konsumenten durch beispiellose Schönheit in seinen Bann zieht, erhält immer mehr Aufmerksamkeit und damit potenzielle Kunden als ein ebenbürtiges, aber lieblos gestaltetes und vermarktetes Pendant.

Ein schönes Beispiel hierfür ist auch Wunderkit. Der jüngst mit viel Aufsehen gestartete Onlinedienst hätte wahrscheinlich deutlich weniger Nutzer neugierig gemacht, würde es in der Aufmachung, Positionierung und emotionalen Ansprache genauso grau und langweilig wirken wie andere Produktivitätsplattformen.

Auch wenn manch ein bezaubernd aussehendes Produkt auf den zweiten Blick einen Mangel an Substanz aufweisen wird, so ist für die nächsten Jahre mit einer starken Zunahme an designorientierten, schönen Gadgets und Services zu rechnen, die nicht durch Spezifikationen und technische Daten angepriesen werden, sondern über Ästhetik, Emotionen und die Vermittlung eines Lebensgefühls.

Unternehmen und angehende Entrepreneure sollten sich daher folgende Frage stellen: Welche verbreiteten, aber die Augen und Seelen der Konsumenten beleidigenden Produkte benötigen dringend eine ästhetische Revolution? Wenn ein Thermostat in der Lage ist, eine an Apple-Gadgets erinnernde Begehrlichkeit zu wecken, dann kann dies ausnahmlos jedes Produkt.

(Foto: stock.xchng, cartam)

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