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13.07.10

Android: Quantität vor Qualität?

Android-Apps sollen sich zukünftig auch ohne Programmierkenntnisse zusammenbauen lassen. Setzt Google bei Android auf Quantität vor Qualität?

 

Googles Android Market, das Äquivalent zu Apples App Store, hat in den vergangenen Tagen einiges an Kritik einstecken müssen. Nicht nur meldeten sich Stimmen, die den hohen Anteil mangelhafter und fragwürdiger Applikationen für das Android-Betriebssystem monierten, auch wurde die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit einiger Android-Anwendungen in Frage gestellt.

Anders als bei Apples iOS-System werden Android-Apps nicht vor der Veröffentlichung auf ihre Tauglichkeit und Regelkonformität überprüft, was zur Folge hat, dass bei jedem App-Download auf einem Android-Gerät eine geringe Gefahr besteht, sich fehlerhafte oder gar schädliche Software zu installieren.

Nach einem zögerlichen Start hat sich die Android-Plattform in den vergangenen Monaten dennoch gut entwickelt und gewährt Nutzern mittlerweile Zugang zu über 50.000 Applikationen.

Eine umfangreiche Studie zur Fragmentierung im Markt mobiler Betriebssysteme kam kürzlich zu dem Schluss, dass Android das entwicklerfreundlichste aller Smartphone OS ist. Programmierer brauchen durchschnittlich weniger als fünf Monate, um zu Android-Experten zu werden. Beim iPhone und sämtlichen anderen Plattformen dauert es deutlich länger, bis Entwickler den Dreh raus haben.

All diese Aspekte hatte ich im Hinterkopf, als ich gestern von Googles neuem Tool App Inventor las, einer Art App-Baukasten, mit dem jeder per Drag & Drop Android-Anwendungen zusammenbasteln können soll. Programmierkenntnisse benötigt man nicht.

Business Insider orakelt, dass - eine einfache Handhabung vorausgesetzt - auf diesem Weg "eine Zillion neuer Android-Apps entstehen könnten" und dass das offene Google-System so früher oder später mehr Apps bereithalten wird als Apple für sein iPhone.

Das mag stimmen. Und dennoch kann ich die Lancierung des Do-it-yourself-Werkzeugs für Android-Software aus verschiedenen Gründen nicht nachvollziehen.

  • Android ist wie eben beschrieben bereits die Plattform mit der geringsten Komplexität, was sie für Entwickler attraktiv macht.
  • Android hat im Gegensatz zum iPhone ein Problem mit der Qualität seiner Apps, sowohl was die Sicherheit betrifft, als auch verursacht durch die Fragmentierung des Betriebssystems (einige Smartphones laufen noch mit Android 1.6, andere bereits mit der Version 2.2) und die Vielzahl unterschiedlicher Hardware-Geräte, die zum Einsatz kommen.
  • Der Android Market gilt im Vergleich zum Apple App Store als deutlich weniger benutzerfreundlich.

Sollte der App Inventor tatsächlich auf breiter Front angenommen werden und nicht überraschend zu magischen Applikationen führen, die den Anschein monatelanger Arbeit machen, dann könnten die Folgen für den App Market äußerst negativ sein: Während die Zahl der Apps dann explodiert, steigt das Angebot wirklich hervorragender Software nur im bisherigen Tempo an, was letztlich den Android Market zu einem Ramschladen verkommen lässt, in dem Anwender mühselig nach den wenigen Perlen suchen müssen.

Auch wenn Apples Freigabeprozess regelmäßig die Gemüter erhitzt und bestimmte, für Nutzer wertvolle Anwendungen nicht in den App Store lässt (ich denke da natürlich an einen mobilen WLAN Hotspot), sorgt er immerhin für Mindeststandards bei den mehr als 150.000 Anwendungen. Das gute Gefühl, sich ruhigen Gewissens beliebige Applikationen aus dem App Store laden zu können, darf nicht unterschätzt werden.

Neben Zweifeln an dem allein auf Masse ausgerichteten Android-Fokus gibt es jedoch noch ein zweites Fragezeichen im Zusammenhang mit App Inventor: Nicht zuletzt dank HTML5 und leistungsfähigerer mobiler Browser gilt es als sicher, dass die Zukunft des mobilen Internets im Browser liegt und nicht in spezifischen Applikationen, die für jede Plattform neu programmiert werden müssen und in einigen Fällen sogar eine Freigabe durch den Plattformbetreiber erfordern.

Insofern frage ich mich erst recht, wieso Google hier auf ein Pferd setzt, das zukünftig eine untergeordnete Rolle im Mobile-Web-Bereich einnehmen wird, und gleichzeitig die Überflutung des Android Market mit in ihrem Funktionsumfang begrenzten Fließband-Apps zulassen will?!

Wer versteht Google besser als ich und hat Ideen, was das Unternehmen antreiben könnte?

Update: TechCrunch hat App Inventor ausprobiert und kommt zu dem Schluss, dass es durchaus etwas Zeit und Energie kostet, bevor man mit dem Werkzeug Applikationen bauen kann, die über ein einfaches "Hello World" hinausgehen.

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