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23.02.07

Amerikanische Zeitungen kapieren das Internet noch immer nicht -- und Microsoft hilft ihnen auch noch

Man reibt sich die Augen, wenn man von Microsofts neuster e-Paper-Initiative liest: Nach einem Pilotversuch mit der New York Times will Microsoft seinen News Reader nun auch für andere grosse amerikanische Zeitungen rausbringen, darunter Titel von führenden Verlagen wie Hearst, Forbes und Associated Newspapers.

Microsoft News Reader ist von der Idee her eine recht nette Applikation (wenn auch nur für Windows erhältlich): Man kann sich damit den ganzen Inhalt einer aktuellen Zeitungsausgabe auf die Maschine runterladen und z.B. mit dem Laptop unterwegs offline lesen. Das Layout ist sehr zeitungsähnlich aufgebaut, aber gut auf die Bildschirmauflösung angepasst. Insgesamt ist diese Mischung aus e-Paper und Offline-Webbrowser gar nicht schlecht gemacht.

Aber nun kommt der absurde Punkt: Pro Zeitungstitel muss man sich eine jeweils neue, getrennte Applikation installieren.

Das mag ja ganz OK sein, wenn man nur an einem einzigen Titel interessiert ist, aber bisher dachte ich immer, dass wir in den Zeiten des Internets gerade den Vorteil geniessen, mal eben spontan bei ganz unterschiedlichen Publikationen reinschauen zu können.

Begründung aus Richtung Microsoft: Die Zeitungsverlage finden es eben wichtig, dass sie ihr Layout möglichst genau wiedergeben und ihr Produkt möglichst rein von fremden Inhalten präsentieren können. Ich vermute mal, dass Microsoft die finanziellen Konditionen auch noch sehr attraktiv gestaltet hat (mit anderen Worten: Den Verlagen was zahlt), was in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten natürlich nicht schadet.

Wie es bei Microsoft gelegentlich angeblich vorkommen soll, ist die Software leider auch noch ziemlich buggy. Meine frisch upgedatete Version des NYT-Readers zeigt mir zum Beispiel gerade folgende Homepage an:

 

Diese Meldung über Hedge Funds muss ja nun wirklich wichtig sein, dass sie so oft wiederholt wird (sogar im Sportteil...). Das stärkt eindeutig mein Vertrauen in den Brand "New York Times" ganz massiv, dieses Erlebnis...

Es ist wirklich kaum zu glauben, wie hirnrissig diese Lösung ist. Es gibt auf dem Markt bereits sehr gute offline-fähige E-Paper-Lösungen von Zinio oder PressDisplay, die mit einer einzigen Applikation den Zugriff auf hunderte von Titeln erlauben (beispielsweise auch zu einzelnen Ausgaben). Und die meisten grösseren Zeitungen haben bereits gut gemachte Websites, die deutlich mehr Funktionalität bieten. Wie man da in diese kundenunfreundliche Steinzeit-Mentalität zurückfallen kann, ist mir wirklich ein Rätsel.

Dass sich all diese namhaften Verlage für eine so misslungene Lösung entschieden haben, ist wirklich kein gutes Zeichen. Und vielleicht ist es bezeichnend, dass sie das in Zusammenarbeit mit einem weiteren Quasi-Monopolisten tun, dessen Reich langsam anfängt zu bröckeln...

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