<< Themensammlung Netzwertig

Unter netzwertig veröffentlichen wir in unserem Blog Einschätzungen zu aktuellen digitalen Geschäftsmodellen und IT-Trends, Meldungen, Analysen, Reviews und Specials.

22.07.14

Amazons E-Book-Umsätze: Selfpublishing fordert führende Buchverlage heraus, und das ist gut

Milliardenschwere Buchverlage beklagen sich über Amazons erpresserische Verhandlungstaktiken. Dem Konflikt zugrunde liegt ein erheblicher, maßgeblich von Amazon ausgelöster Bedeutungsverlust der alteingesessenen Branchenakteure im E-Book-Markt. Aus Sicht von Konsumenten und Autoren ist diese Entwicklung gar nicht schlecht.

BuchSeit einigen Wochen eskaliert ein Konflikt zwischen führenden Buchverlagen und Amazon. Einige schwergewichtige Vertreter bezichtigen Amazon der Erpressung. Der Onlinehändler verzögere gezielt die Auslieferung gedruckter Bücher, um sich bessere Konditionen und Rabatte zu erzwingen. In den USA sind derartige Vorwürfe unter anderem vom Verlag Hachette zu hören. In Europa fühlt sich das schwedische Medienhaus Bonnier von Amazon unrechtmäßig unter Druck gesetzt. Zuletzt reichte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wegen des in seinen Augen zweifelhaften Geschäftsgebarens beim Bundeskartellamt Beschwerde gegen Amazon ein. In der Berichterstattung der Presse kam das US-Unternehmen wenig überraschend schlecht weg. Wenn ein gewaltiger Internetgigant den Eindruck erweckt, seine Marktmacht ausnutzen, dann ist das gefundenes Fressen für viele der traditionell das Vorpreschen der amerikanischen Digitalfirmen kritisch sehenden Redakteure von Leitmedien. Geht es dann auch noch um das emotional und ideologisch aufgeladene Kulturgut Buch, ist eine gewisse Einseitigkeit in der Betrachtungsweise garantiert.

Doch auch wenn die Versuchung groß ist, sich auf das gezeichnete David-gegen-Goliath-Bild (wobei Amazon Goliath wäre) einzulassen und empört den drohenden Finger Richtung Amazon zu erheben, so gilt es, einen tieferliegenden Konflikt nicht aus den Augen zu verlieren. Dieser beeinflusst die Art und Weise der Auseinandersetzung zwischen Amazon und der Buchbranche sehr.

Denn der Netzkonzern aus Seattle treibt gerade mit großen Schritten die Demokratisierung des Buchhandels voran. Bei diesem Prozess verlieren die führenden Verlagshäuser stetig an Einfluss und Marktanteilen, während unabhängige Autoren ohne vertragliche Vereinbarungen mit dem Establishment an Bedeutung und Reichweite gewinnen.

Zum Vergrößern klicken

Eine aktuelle Analyse der Verteilung von Erlösen aus dem E-Book-Geschäft von Amazon lässt wenig Zweifel am Ausmaß dieser Entwicklung: Demnach erwirtschaften unabhängige Autoren mit bei Amazon.com publizierten E-Books an einem durchschnittlichen Tag im Juli mittlerweile mehr Umsatz als die E-Books der fünf größten Verlagshäuser Penguin Random House, Macmillan, HarperCollins, Hachette and Simon & Schuster. Untersucht wurden 120.000 elektronische Bücher, die zusammen mehr als 50 Prozent von Amazons E-Book-Umsatz ausmachen. Auch kommt der Report, für den der bekannte Selfpublishing-Autor Hugh Howey verantwortlich ist, zu der Erkenntnis, dass mittlerweile 31 Prozent der 120.000 meistverkauften E-Book-Titel bei Amazon von Indie-Autoren (selbstpublizierende Autoren ohne Verlag im Rücken) stammen.

Inwieweit diese Resultate auf den Prozentpunkt genau sind, darüber herrscht zwar im Hinblick auf eine nicht transparente Datenerhebung Uneinigkeit. Für diesen Artikel spielt jedoch das grundsätzliche Bild eine entscheidende Rolle: Dieses zeigt, dass beim E-Book-Vertrieb über Amazon die "Big 5" der Publikumsbuchverlage eine untergeordnete Rolle spielen. Stattdessen dominieren unabhängige Autoren, die Amazons reichweitenstarke Plattform gegen eine Umsatzbeteiligung dafür nutzen, ihre Titel unters Volk zu bringen.

Daraus ergibt sich ein Narrativ, das sich von dem der Presseberichterstattung zum Disput zwischen Amazon und den Verlagsgrößen unterscheidet: Schwingt dort häufig die Sorge mit, die Geschäfts- und Verhandlungspraktiken Amazons würden das Wohl des Produkts Buch an sich auf Spiel setzen, ist in Wirklichkeit lediglich die Prosperität der alteingesessenen Marktführer gefährdet. Anstelle einiger weniger Big Player, die Milliardenumsätze generieren und maßgeblich darüber entscheiden, welche Bücher erfolgreich werden und welche nicht, gestaltet sich die E-Book-Landschaft dank Amazon deutlich vielseitiger. Sie weist eine weiteraus geringere Marktkonzentration auf, als man dies aus dem globalen Printsegment kennt (die deutsche Verlagsbranche ist dagegen "mittelständisch geprägt").

Das bedeutet nicht, dass man kein wachsames Auge darauf haben sollte, wie Amazon mit seiner Marktmacht umgeht. Doch die Öffentlichkeit muss erkennen, dass ein Bedeutungsverlust der Verlagsriesen im Buchsegment in keiner Weise eine Trägodie für Freunde guter Literatur darstellen muss. Im Gegenteil: Mehr Vielfalt, sinkende Preise durch den Wegfall teurer Distributionsketten und die Freiheit für jede und jeden, sich als Autor zu betätigen, lässt in der Summe die positiven Seiten der Entwicklung für alle überwiegen - außer für die Großverlage. Dass diese herausgefordert werden, sich im digitalen Zeitalter neu zu erfinden, ist aber auch nicht so schlecht. /mw

(Foto: Old open book on bookshelf, Shutterstock)

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer