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31.01.10

Amazon schmeisst Macmillan raus: Das iPad sorgt für rote Köpfe

Das iPad ist noch nicht auf dem Markt, da bricht der Krach um die E-Book-Preise bereits aus: Holtzbrinck-Tochter Macmillan, ein New Yorker Verlag, ist von Amazon aus dem Kindle-Programm geworfen worden. Update: Amazon gibt klein bei.

Amazon Kindle: Keine Macmillan-Bücher mehr (Bild Keystone)Man nutze die Gunst der Stunde: Unter dieser Devise scheint der CEO von Macmillan, John Sargent, am Donnerstag nach Seattle gereist zu sein, wie das Wall Street Journal meldet. Der Verlagschef wollte mit den Amazon-verantwortlichen Preisverhandlungen über die E-Books seines Verlags führen, der zur deutschen Holtzbrinck-Gruppe gehört.

Macmillan ist einer der fünf Verlage, die offiziell als Partner für das Buchprogramm von Apple auf dem am Mittwoch präsentierten iPad auftraten. Apple soll den Verlegern zugesagt haben, dass sie die Preise selber festlegen können - Steve Jobs Firma will davon lediglich 30 Prozent haben.

Das hat Amazon schon Tage vor der iPad-Präsentation zum Nachzug gezwungen:

Der Internet-Buchhändler hatte bisher genau den umgekehrten Satz abgerechnet - und zudem den Verlagen vielfach einen Preis von 9,90 Dollar vorgeschrieben.

Die Abkehr von der 70/30-Regel hat zumindest Sargent von Macmillan nicht gereicht, weswegen er nach Seattle flog, um mit Jeff Bezos' Leuten einen besseren Deal auszuhandeln, und dabei dürfte er in jedem zweiten Satz "Apple" oder "iPad" gesagt haben.

Das ist bei Amazon nicht gut angekommen. Als Sargent nach New York zurückgekehrt war, habe er vernommen, Amazon habe das Macmillan-Programm komplett aus dem E-Book-Angebot geworfen und den Verlag wissen lassen, die elektronischen Bücher würden allenfalls noch durch Drittanbieter via Amazon verkauft.

Das könnte der Auftakt zu einem Preiskrieg werden, der paradoxerweise nicht zugunsten der Kunden verläuft.

Denn während Amazon von seinem bisherigen quasi-Monopol Gebrauch machten wollte, um einerseits die Kunden durch tiefe Preise an seinen E-Book-Store zu binden und zugleich sich selber durch unverschämte Provisionen schadlos zu halten, schlägt Steve Jobs eine andere Strategie ein und versucht zunächst die Verlage mit Zugeständnissen wie der eigenen Preisgestaltung für sich zu gewinnen.

Interessant an dieser Auseinandersetzung dürfte sein, dass sich Amazons Kindle als Gerät vor allem auch wegen des verhältnismässig umfangreichen E-Book-Angebots von Amazon verkauft, das via "Whispernet"-Funkanbindung immer zur Verfügung steht.

Apples iPad dagegen wird sich wohl auch, aber eben nicht nur als e-Book-Reader verkaufen - und die Online-Buchhandlung des Computerherstellers ist anfangs weniger eine Stütze des iPads, sondern steht und fällt mit dessen Verkaufserfolg.

Oder auch nicht: Wenn Apple rasch viele Kunden für die Bücher braucht, kann die Firma ganz einfach die Funktionalität des iPads als E-Book-Reader auf das iPhone abbilden und sich damit einen Millionen-Kundenstamm erschliessen.

Amazon dagegen soll angeblich bisher drei Millionen des Kindle verkauft haben, was respektabel ist - die Zahl stammt allerdings noch von vor dem internationalen Kindle-Angebot - und dem neusten Coup: Amazon verschenkt den Kindle an ausgewählte, treue Kunden, die mit einem oder zwei bestellten Büchern pro Woche zur Stammkundschaft zählen.

Diese Idee hatte ich schon, als ich meinen Kindle vergangenes Jahr für fast 300 Dollar kaufte, dann aber feststellte, dass sich das Gerät allein durch den niedrigen Preis der New York Times im Vergleich zur Papierausgabe als Morgen-Abonnement binnen weniger Monate amortisiert hat.

Bezos könnte also auch den umgekehrten Weg gehen und statt auf billige Bücher auf ein billiges Gerät setzen: Das Geschäft würde er danach weiterhin mit den Büchern machen, die einzig etwas billiger als die Papierausgabe sein müssen, um von den Kunden gekauft zu werden - und meiner Erfahrung nach führt der Kindle-Shop auf dem Gerät rasch zu mehr Einkäufen.

Ich würde mich nicht wundern, wenn Amazon dieser Tage eine Preissenkung für den Kindle (auf, sagen wir, 149 Dollar?) und Gesprächsrunden mit den Verlegern ankündigt - auch wenn man jetzt zunächst starker Mann spielt und an Macmillan ein Exempel zu statuieren versucht.

Update: das ging aber fix... Noch kein preiswerterer Kindle, aber der Kniefall vor den Verlegern: Amazon teilt den Kindle-Besitzen mit, dass man den Forderungen von Macmillan - "einem der grossen sechs Verlagshäusern", nachgeben müsse, weil Macmillan "ein Monopol auf ihren eigenen Titeln" habe und Amazon diese Bücher anbieten wolle, wenn auch zu Preisen, "die wir als unnötig hoch ansehen für E-Books". Die Kunden sollten selbst entscheiden, ob sie solche Preise bezahlen wollten, schreibt Amazon - und ruft damit indirekt zum Boykott eines Produkts im eigenen Laden auf.

Via Wallstreet Journal

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