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26.08.14

Amazon kauft Twitch, Google setzt Serie verpasster Chancen fort: Jeff Bezos’ großer Coup

Die Milliarden-Akquisition von Twitch durch Google schien in trockenen Tüchern. Doch in letzter Minute taucht Amazon auf und schnappt sich das schnell wachsende Spiele-Streaming-Portal. Google entgeht abermals ein dicker Fisch.

TwitchEs ist eine große Überraschung: Obwohl die Fachpresse bereits zweimal über die angebliche Übernahme des Videospiele-Streamingportals Twitch durch Google berichtet hatte, ist nun urplötzlich Amazon als definitiver Käufer aufgetaucht. Für 970 Millionen Dollar und damit für ein paar Millionen weniger, als Google mit seinem Eine-Milliarde-Dollar-Gebot zu zahlen bereit war, verleibt sich der Onlineriese aus Seattle das 55 Millionen monatlich aktive Nutzer aufweisende Gaming-Portal aus San Francisco ein.

Twitch ist die Speerspitze des immer größere Kreise ziehenden “Let’s Play”-Trends, bei dem Gamer ihre Spiele-Sessions aufzeichnen oder live streamen und damit Millionen begeistern. Dass Google eine Akquisition von Twitch in Erwägung zog, wurde von US-Medien erstmals im Mai dieses Jahres verkündet und schon zu diesem Zeitpunkt als weitgehend entschieden charakterisiert. Zwei Monate später hieß es dann, der Deal sei in trockenen Tüchern, woraufhin Nachrichtenmedien in aller Welt die Übernahme abermals als Tatsache titulierten. Lediglich eine offizielle Bestätigung fehlte noch.

Doch jetzt ist also klar: Google geht leer aus, Amazon nimmt Twitch unter seine Fittiche. Bislang war der Name Amazon im Zusammenhang mit dem Übernahmeobjekt Twich gar nicht aufgetaucht. Man darf daher getrost von einem Coup sprechen, der Amazon-Chef Jeff Bezos gelungen ist.

Twitch passt in verschiedener Hinsicht zu Amazon: Mit seiner massiven Cloud-Infrastruktur kann der Gigant von der US-Westküste Twitchs stetig steigenden Bedarf an Rechenkapazität und Bandbreite befriedigen. Zudem eröffnen sich allerlei Optionen, um Twitch in das digitale Ökosystem von Amazon Fire zu integrieren. Spiele sind Amazon außerdem seit längerem eine Herzensangelegenheit: Das Unternehmen lancierte 2012 ein eigenes Spiele-Entwicklerstudio. Anfang August brachte das Unternehmen den Spielehit Flappy Bird zurück - exklusiv für den Amazon Android App Store.

Zudem hat Twitch das Zeug zu deutlich mehr, als einfach nur bunte Spiele zu übertragen. Wie ich in meiner Analyse zur vermeintlichen Übernahme von Twitch durch Google/YouTube erläuterte , übernehmen Videospiele für immer mehr vor allem junge Menschen die Rolle des Fernsehens. Das heutige Twitch könnte nichts Geringes markieren als den Beginn des Live-Fernsehens von morgen. Und Fernsehen wiederum steht ganz oben auf Amazon Prioritätenliste. Die Firma betreibt mit Prime Instant Video einen Netflix-Konkurrenten und produziert eigene Inhalte. Indem er Twitch unter das eigene Dach holt, bringt sich Jeff Bezos in eine ideale Position, um aus der fortschreitenden Medienkonvergenz als großer Gewinner hervorzugehen. Zuletzt hatte Twitch außerdem mit der Ausstrahlung von Live-Konzerten experimentiert. Man kann nur erahnen, was passieren würde, wenn Amazon die Technologie des drei Jahren alten Startups dafür verwendet, um groß in das Live-Streaming von eigenproduzierten Shows und Events einzusteigen.

Für Google ist das Scheitern des Deals peinlich und eine Schwächung der Marktstellung im digitalen Videomarkt der Zukunft. Twitch hätte extrem gut zu YouTube gepasst, wo Spieler regelmäßig aufgezeichnete Game-Erlebnisse hochladen und einem Millionenpublikum zugänglich machen.

Womöglich problematischer ist aber die Symbolik: Denn der Such- und Webkonzern setzt damit eine unglückliche Serie von verpassten Möglichkeiten fort, sich reichweitenstarke und bei Kernzielgruppen populäre Dienste ins Haus zu holen. Auch beim Buhlen um WhatsApp und Snapchat ging Google trotz Avancen jeweils leer aus. In Bezug auf Facebook und Twitter soll seitens Google ebenfalls großes Interesse bestanden haben. Ob aufgrund von fehlendem Engagement, mangelndem Verhandlungsgeschick oder dem Versagen, den umworbenen Gründern eine Vision für die Zukunft zu geben - dass Google zwar in der Lage ist, Talent-Akquisitionen durchzuführen und Technologie-Anbieter zu kaufen, die in zehn Jahren einmal wichtig werden könnten, bei die Masse heute bewegenden Firmen aber regelmäßig den Kürzeren zieht, entwickelt sich langsam zu einer strategischen Schwäche, die sich irgendwann rächen muss.

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