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08.09.14

Aggressives Uber gegen behäbige Taxibranche: Die ideale Lösung liegt in der Mitte

Die Taxibranche und Uber sind zwei Extreme, die aus unterschiedlichen Gründen nicht den Wunschzustand darstellen. Dennoch ist Uber essentiell, um die Rahmenbedingungen für Individualbeförderung neu zu gestalten.

angrytaxidriver_smallMeine ersten zwei Artikel, die ich zum umstrittenen Beförderungs-Dienst Uber verfasste, besaßen einen tendenziell kritischen Grundton. Ich fand es befremdlich, dass ausgerechnet der Anbieter einer Luxusdienstleistung zum Aushängeschild des Technologie-Sektors avancierte. Damals beschränkte sich Uber zwar noch auf das Limousinen-Segment. Doch selbst die später gestartete P2P-Kategorie UberPop, bei der Privatmenschen mit ihren eigenen Autos als Fahrer auftreten, ist nach meiner Definition ein Teil der Individualbeförderung und im Gegensatz zum öffentlichen Personennahverkehr nicht essentiell, ergo ein Luxusprodukt.

Doch aufgrund der hysterischen, aggressiven und kundenfeindlichen Reaktionen des Taxigewerbes veränderte sich meine Haltung zu Uber im Laufe der Zeit. Obwohl ich den Service selbst so gut wie nie verwende und meine Skepsis nicht abgelegt hatte, war es schwierig, Uber nicht moralisch gegenüber dem alle Register ziehenden Taxigewerbe zu verteidigen. Taxis und Uber - zwei Extreme

Im Endeffekt aber stellen beide Protagonisten, die Taxi-Branche sowie Uber, auf Dauer nicht wünschenswerte Extreme auf einer Achse dar, deren Mitte den Idealzustand markiert.

Die Taxiwirtschaft genießt seit Jahrzehnten einen ungesund komfortablen Zustand, bei dem staatliche Regulierung sowie begrenzte Lizenzvergabe jede Form eines ernstzunehmenden Wettbewerbs verhindern. Daraus resultiert ein extrem niedriges Service-Level, die Abwesenheit jeglicher Kundenfokussierung sowie ein geringer Innovationsgrad. Weil niemand den Taximarkt herausfordern konnte, fehlte der Antrieb, die eigene Dienstleistung zu verbessern oder in die Zufriedenheit der Kunden zu investieren. Laut zahlreicher Anekdoten wurde die Unbeweglichkeit der Branche durch zum Teil mafiöse Strukturen und viele schwarze Schafe verschlimmert. Als myTaxi als eines der ersten Startups in dem Bereich versuchte, die schwerfälligen, seit einer Ewigkeit nicht angetasteten Strukturen aufzubrechen, sah es sich mit allerlei Anfeindungen konfrontiert - die auch unter die Gürtellinie gingen. Selbst Fäkal-Attacken gegen das Büro des Unternehmens aus Hamburg soll es damals gegeben haben.

Uber-Chef Travis Kalanick bezeichnete das Taxigewerbe einst als “Arschloch”. Ob man nun dieser harschen Charakterisierung zustimmen möchte oder nicht - tatsächlich liegt in der Indivudalbeförderungsbranche sehr viel im Argen.

Allerdings ist Kalanick selbst kein sympathischer Typ, mit dem man gerne ein entspanntes Bier trinken möchte. Ironischerweise hört man das von ihm mit Blick auf Taxis verwendete A-Wort in Kreisen der Netzwirtschaft häufig im Zusammenhang mit seiner Person. Kalanick ist ein Aggro-Entrepreneur. Skrupellos und ohne Rücksicht auf Verluste, Menschen oder ethische Grenzen setzt er seine Wachstumspläne durch, finanziert durch Wagniskapital in Milliardenhöhe. Seinen Fahrern verschlechtert das Unternehmen immer weiter und mit fadenscheinigen Argumenten die Konditionen. Der Konkurrent Lyft wird mit unfairsten Mitteln attackiert, und gesetzliche Verfügungen werden durch die Bank weg ignoriert. Hauptsache, der Kunde ist zufrieden.

Uber war notwendig

Jetzt kommt die Pointe: Genau deshalb ist Uber der richtige Kandidat, um das vor allem auf die eigenen Belange bedachte Taximonopol zu sprengen und eine Überarbeitung der Gesetze zu erwirken. Nur ein skrupelloses Internetunternehmen mit viel Geld im Rücken ist in der Lage, die ihrerseits nicht zimperliche, auch vor fragwürdigen Geschäftspraktiken nicht zurückschreckende Taxiwirtschaft aufzumischen und zu einem Punkt zu bringen, an dem sie sich - ausgelöst durch neue rechtliche Rahmenbedingungen - neu ordnen und erfinden muss.

Wenn heise-Kolumnist Volker Briegleb schreibt, dass der Fortschritt Uber nicht brauche, so liegt er meines Erachtens nach falsch. Kurzfristig dient die Existenz von Uber dazu, den Individualbeförderungssektor nach Dekaden der Stagnation fit für ein neues Zeitalter zu machen und zu der Einsicht zu bringen, dass die Bedürfnisse der Kunden eine größere Rolle spielen müssen, als dies bisher der Fall war. Gleichzeitig aber ist das gesamtgesellschaftliche Interesse an einem alle Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft unterlaufenden, keinerlei Verantwortung übernehmenden und elementare Fragen des Beförderungswesens - wie Versicherungen - ignorierenden Unternehmens wie Uber auf Dauer gering.

Die goldene Mitte

Das ideale Individual-Transportmittel vereint die Vorteile des Taxis, die vor allem in der rechtlichen Absicherung der Fahrgäste sowie in der Wahrung grundsätzlicher sozialer und arbeitsrechtlicher Aspekte für die Fahrer liegen, mit der Qualitäts- und Komfortkomponente sowie dem technologiegetriebenen Effizienzstreben von Uber. Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem die Politik sich mit den Akteuren an einen Tisch setzen und die Rahmenbedingungen definieren sollte, die ein solches Ergebnis herbeiführen.

Das Taxi-Gewerbe muss aus seiner Ohnmacht geweckt und zum Ablegen all seiner Trägheit gezwungen werden. Uber wiederum müssen Grenzen gesetzt werden, um das, was Sascha Lobo treffend als Plattform-Kapitalismus bezeichnet, in die Schränken zu weisen.

Doch gäbe es Uber nicht, würden Taxi-Passagiere sich wahrscheinlich noch in zehn Jahren mit abgelehnten Fahrten (“zu kurz”), Bargeld-Zwang (“Kartenlesegerät geht nicht”) oder heimlich kleine Umwege nehmenden, mürrischen, nach Schweiß riechenden Fahrern herumschlagen müssen, die gar nicht auf die Idee kommen, dass ihre Dienstleistung mehr umfasst als den eigentlichen Transport von A nach B. /mw

Foto: Mad driver in the car, Shutterstock

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