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10.04.13

Aereo: Ein Startup scheucht die amerikanische TV-Branche auf

Das US-Startup Aereo bringt mit seinem Streamingangebot für terrestrisches Fernsehen eine ganze Branche in Aufruhr.

AereoDie USA gelten als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Dieser Ruf passt auch zum Technologiebereich, da Anwender auf der anderen Seite des Atlantiks häufig Zugang zu neuen, innovativen Gadgets und Diensten erhalten, die in Europa und anderswo noch nicht verfügbar sind. Fragt man jedoch Fernsehzuschauer, die gerne ihre Lieblingssender online streamen möchten, so würden sie dieses positive Bild des Landes wahrscheinlich in Frage stelle. Verständlicherweise, betrachtet man den eskalierenden Konflikt um ein US-Startup, welches das Programm frei verfügbarer TV-Sender über das Web streamt - und damit in der Branche kräftig aneckt. Aereo heißt der vor einem Jahr für Nutzer in New York lancierte Service, dessen Konzept Usern im deutschsprachigen Raum und speziell in der Schweiz bestensfalls ein Gähnen entlocken kann: Gut zwei Dutzend freie, werbefinanzierte Sender lassen sich mittels Aereo über den Browser sowie mobile Geräte streamen. Acht Dollar kostet der Spaß pro Monat mindestens - abgesehen von einem eingeschränkten Schnupperangebot. Einige Gigabyte an Cloudspeicher, um einzelne Shows für späteres Betrachten aufzeichnen zu können, sind inklusive. Aereo ist damit ein abgespecktes, beschränktes Äquivalent zu Zattoo, Teleboy oder Wilmaa. Es kostet mehr und bietet weniger Sender.

Physische Antennen als Ärgernis

Fast schon amüsant klingt, dass Aereo aus rechtlichen Gründen dazu gezwungen ist, jedem Nutzer eine physische, im Rechenzentrum stehende Empfangsantenne zuzuweisen, über die das terrestrische TV-Programm bezogen wird. Mit diesem Verfahren glaubt das Startup, den Pflichten des sogenannten Retransmission consent entgehen zu können, einer gesetzlichen Regelung, welche die Verbreitung von Fernsehkanälen über Drittunternehmen genehmigungspflichtig macht und Lizenzzahlungen mit sich bringt. Anstatt dass Aereo sich in schwierige Verhandlungen mit den einzelnen Stationen begibt und sie für die Distribution über das Netz vergütet, nutzt es schlicht die jedem US-Bürger zur Verfügung stehende Möglichkeit des antennengebundenen Empfangs der terrestrischen, in der Regel werbefinanzierten Sender. Nur stehen diese Antennen nicht zu Hause bei den Zuschauern, sondern gesammelt bei Aereo.

Die ultimative Drohung

Diese Praxis verärgert allerdings die US-Sender. Für sie sind die Weiterleitungsgebühren, die sie von Kabelnetzbetreibern und anderen Distributeuren einsammeln, neben den Werbeerlösen ein wichtiges zweites finanzielles Standbein. Oder zumindest eine komfortable Einnahmequelle, die sie nicht ohne Kampf aufgeben möchten. Nachdem ein Gericht jedoch Aereos Vorgehen jüngst als rechtlich einwandfrei eingestuft hat, gehen zwei führende Privatsender auf Konfrontationskurs: Sowohl Fox als auch CBS haben angedroht, ihre frei verfügbaren terrestrischen Signale einzustellen und die eigenen Sender in nicht von Aereo erfasste kostenpflichtige Pay-TV-Angebote zu verwandeln, sollte das Startup vom Big Apple weiterhin ihre Inhalte "stehlen". Genau dies geschieht nämlich nach Ansicht der Mediengiganten. Als Konsequenz bedienen sich die Konzerne jetzt einer drastischen Drohung, wie man sie sonst nur von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un kennt. Denn das Verfrachten ihrer Reichweitenkanäle hinter eine Paywall würde ihnen selbst erheblichen Schaden zufügen und sei nach Aussage von Beobachtern aufgrund allerlei vertraglicher Abmachungen ein viel Zeit in Anspruch nehmendes Unterfangen.

Indem die größten Free-TV-Anbieter der USA aufgrund des Treibens eines frechen Startups den Abschied vom terrestrischen Fernsehen androhen, machen sie den Fall zu einem Politikum und verhelfen Aereo, das für 2013 die Expansion in 22 neue Regionen plant, zu massiver Bekanntheit. Zusätzliche Brisanz erhält der Streit, weil mit dem ehemaligen Fox-CEO und Medienmogul Barry Diller, der 20,5 Millionen Dollar in Aereo investiert hat, nun jemand die Strukturen der US-Fernsehlandschaft in Frage stellt, die er vor 30 Jahren selbst maßgeblich mitgeprägt hat.

Die voranschreitende Ära der Digitalisierung ist gekennzeichnet von stetigen Konflikten zwischen alt und neu, zwischen etablierten Konzernen und aufstrebenden Startups, zwischen Besitzstandswahrern und Veränderern. Die Causa Aereo ist die Fortsetzung dieses Trends und erhitzt angesichts der ungebrochenen Liebe der US-Amerikaner zum Fernsehen besonders die Gemüter.

Interessante Entwicklung auch für Zattoo

Die Auseinandersetzung um Aereo könnte durchaus weitere Kreise ziehen und auch hierzulande Auswirkungen haben. Denn anders als in der Schweiz, dem Heimatland zahlreicher TV-Streaming-Dienste, wo die Rechtevergabe zentral über eine Verwertungsgesellschaft läuft, müssen Streamingdienste in Deutschland ebenfalls mit jedem Sender separat verhandeln. Aufgrund einer etwas anderen TV-Landschaft mit starken öffentlich-rechtlichen Sendern, die der Weiterverbreitung nicht im Wege stehen, gelang es Zattoo, hierzulande ein einigermaßen attraktives Senderportfolio zusammenzustellen, auch ohne Empfangsantennen-Modell von Aereo. Das Fehlen der Sender von ProSiebenSat1. und RTL jedoch verringert die Attraktivität des Dienstes maßgeblich. Zattoo betont zwar, die Spielregeln der Medienkonzerne befolgen zu wollen. Doch am Firmensitz in Zürich wird man genau beobachten, wie sich die US-Debatte weiterentwickelt und wie sie die Sicht auf die künftige Distribution von Free TV beeinflusst.

Nachtrag 9:50: Eine halbe Stunde nach der Veröffentlichung dieses Beitrags erreichte uns die Meldung von Zattoo, dass die Sender der RTL-Gruppe ab dem Sommer in das Live-Programm aufgenommen werden. /mw

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