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10.06.08

Ach, Jürgen Habermas!

Habermas und das Internet: Netzaffine Mikromedien verdrängen die Meisterdenker des massenmedialen Diskurses, das Netz schafft neue Verhältnisse.

Jürgen Habermas (Bild Wolfram Huke, etwasistimmer.de, Creatice-Common-Lizenz)Für Jürgen Habermas gibt es bis heute nur einen einzigen politisch wirklich bedeutsamen Diskurs - das ist der massenmediale. Habermas kommunikatives Ideal ist im Grunde das einer Schafherde von Rezipienten, die von einigen wenigen Meisterdenkern ausgerichtet werden muss, vermittelt über mediale Schäferhunde oder 'Gatekeeper'. Habermas' zunehmende Aversion gegen das dissoziative Internet kommt daher nicht unerwartet, denn das unüberschaubare Netz zerstört ihm sein "gleichzeitig auf gleiche Fragestellung zentriertes Massenpublikum". Ein decouvrierendes Zitat für einen Kommunikationstheoretiker, die sich eben nur scheinbar der Freiheit und dem Fortschritt verschrieben hat. Weshalb dieses Zitat vom 'Perlentaucher' auch völlig zu recht hervorgehoben wird.

Es entstammt der neuen Essay-Sammlung 'Ach, Europa!', ein Titel den sich Habermas übrigens eins zu eins von Enzensbergers gleichnamiger Essay-Sammlung 'Ach, Europa!' aus dem Jahr 1987 - sagen wir mal - 'entlieh'.

Habermas' Problem ist seit jeher das Paradox, dass er stärker rezipiert als gelesen wird. Das liegt sicherlich auch an seinem Stil, dem man sich wie einem Drahtverhau am besten mit Seitenschneider und schwerem Schweißgerät nähert. Kurrente Münze aber ist die fixe Idee des Herrn Habermas, dass eine Gesellschaft durch simple Sprechakte ihre Vernunft oder 'kommunikative Rationalität' begründen könne, woraus dann ein angemessenes Tun in der Praxis folge, weshalb wiederum der Fortschritt unweigerlich marschiere. So viel Habermas'sche Teleologie hat jeder von uns behalten, der auf Teilhabe am Diskurs und am allgemeinen Chit-Chat Anspruch macht: Würden wir nur alle schön 'verständlich', 'wahr', 'richtig' und 'wahrhaftig' kommunizieren - dies die vier Großkategorien des Herrn Habermas - dann falle uns der Fortschritt sozusagen naturnotwendig auf die Füße. Ein massiver Erlösungsglaube an die Kommunikation spukt also im Hintergrund des Habermas'schen Hirnkastens ständig herum, sein rationaler Diskurs ist an die Stelle von Hegels Weltgeist getreten und wird letztlich wie der schon alles richten.

Die 'Orte dieses Diskurses' wiederum sind die Massenmedien - die Redaktionen also, die Pressestellen, die Universitätskatheder oder Fernsehsender. Die wirken gewissermaßen - schwerst vereinfacht - wie große Magneten, dadurch, dass sie die Gesellschaft kognitiv ausrichten und einvernehmlich polen. Eine schmeichelhafte Aufwertung der massenmedialen Rolle der Journalisten, die Jürgen Habermas erwartetermaßen viel Resonanz bei den Intellektuellen innerhalb dieser Massenmedien sicherte. In diesen Worten des Meisters wird dabei die Leitungsbedürftigkeit der Masse deutlich, die immerdar ihrer 'Leitmedien' bedarf:

 

"Die Qualitätspresse spielt mindestens im Bereich der politischen Kommunikation - also für die Leser als Staatsbürger - die Rolle von "Leitmedien". Auch Funk und Fernsehen und die übrige Presse sind nämlich in ihrer politischen Berichterstattung und Kommentierung weitgehend abhängig von den Themen und Beiträgen, die ihnen die "räsonnierende" Publizistik vorschießt."

Einer meiner vielen Einwände gegen die harmonisierende Weltsicht einer Mäh-Mäh-Welt aus meinungshütenden guten Hirten und gehorsamen Schafen lautet, dass Habermas Theorien doch schon zu Zeiten des Oggersheimers durch die Privatisierung von TV-Rechten in Deutschland grundlegend 'falsifiziert', also als höherer Blödsinn und als absurd entlarvt wurden: Denn seither ist es mit 'verständlich; 'wahr', 'richtig' und 'wahrhaftig' in der Massenkommunikation nicht mehr weit her, weder bei 'Big Brother' noch bei 'Harry & Toto'. Seither muss man also zumindest zwischen 'guten' Massenmedien und 'schlechten' Massenmedien unterscheiden, was seiner geschlossenen Theorie viel an Biss nimmt. Warum, um alles in der Welt, sollte durch mehr Kommunikation auch mehr Rationalität entstehen - statt bloß mehr Geschnatter? Habermas hilft sich bekanntlich, indem er sich hier auf die Seite von mohikanerhaften 'Qualitätsmedien' schlägt, ein Begriff, der seither Karriere machte und den er meines Wissens sogar prägte.

Trotzdem lässt sich - wie mit jedem Modell - auch mit Hilfe Habermas'scher Kategorien mehr Einsicht in die 'neuen Verhältnisse' zwischen den Massenmedien und den netzaffinen Mikromedien gewinnen.

Habermas Opus Magnum, die zweibändige 'Theorie des kommunikativen Handelns' aus dem Jahr 1981, hatte bekanntlich 'Ritter-Sport-Charakter': sie war quadratisch, praktisch, gut. Exakt vier Formen des Handelns sind es praktischerweise - lt. Habermas - die sich regelhaft ereignen, wo sich eine ominöse 'kommunikative Rationalität' durch Sprechakte selbst verwirklicht: 1.: Wir verfolgen immer eine Teleologie, wir haben also Zwecke, die wir mit der Kommunikation erreichen wollen. 2.: Wir bewegen uns dabei auf der Ebene bestimmter Normen, womit wir letztlich die Weltzusammenhänge durch das Pochen auf Letztbegründetes für alle verbindlich erhalten. 3: Wir stellen uns mittels Kommunikation auch selber dar, wir befolgen also eine Dramaturgie, wie der Schauspieler auf der Bühne. 4: Und - last not least - interpretieren und deuten wir dann all das Gerede und Geschehen um uns herum, wir erzeugen einen Meta-Diskurs, ein Reden über das Reden, was wiederum das eigentliche 'kommunikative Handeln' ist. Hier kommen bei Habermas dann die 'Meisterdenker' und ihre hermeneutischen Kompetenzen ins Spiel, denen die Massenmedien wiederum das gegebene Podium zu bieten haben.

In meinen Augen verläuft der Systembruch zwischen den 'Old Media' und den neuen Mikromedien ziemlich genau zwischen dem 2. und dem 3. Punkt der Habermas'schen Theorie. Den Anspruch, mit Kommunikation bestimmte politische oder wirtschaftliche Zwecke zu erreichen, den haben primär immer noch die Massenmedien, angetrieben auch von beigeordneten Zweckveranstaltungen wie Werbung oder Public Relations. Denn die 'interessierte Kommunikation' spielt sich vor allem und immer noch auf den Seiten von Old Media ab. Auch die Deutung des Weltgeschehens und der diskursive Erhalt grundlegender Werte - die Erzeugung der 'einen geschlossenen Welt' - das bleibt eine Herzensangelegenheit aller Kolumnisten zwischen Isar und Eider. 'Das Internet' ist dagegen überhaupt nicht für Schwarz oder Gelb, für die Familie oder für deutsche Kultur. Wohl aber der Bayern-Kurier...

Spätestens dann beginnt die neue Divergenz: Das 'Dramaturgische' oder die gewissermaßen schriftstellerische Selbstdarstellung innerhalb der Kommunikation, die wird im Internet inzwischen genauso gepflegt wie auf den Dreibeinen des Feuilletons. Der Unterschied zwischen einem Don Alphonso und einem Ulli Jörges ist viel kleiner, als es der Stern-Mann wohl glauben möchte. Vollends das Vierte, die Deutungshoheit aber, die zerrinnt den Massenmedien zunehmend zwischen den Fingern. Wie Kontinentalschollen driften hier die Sprechakt-Plattformen auseinander, die 'kommunikative Rationalität' der Ebene 4, die ja auf der Kategorie der 'Verständlichkeit', auf dem Argument und der daraus folgenden Einsicht basiert. die wird den jeweils anderen zunehmend Hekuba. Wechselseitig 'verstehen' sich die Medienteilnehmer aus 'Strommedien' und 'Holzmedien' nicht mehr, unter anderem auch, weil sich die Sprachen auseinanderentwickeln: Es führt kaum ein Weg von den dpa-Stanzen oder von den Habermas'schen Kategorien hinüber ins Web 2.0, wenn ich nicht - wie hier - ausnahmsweise mal den Babelfisch spiele ...

An die Stelle der Habermas'schen Kommunikationstheorie, wo verkündungsbereit einige Meisterdenker auf einer festgefügten massenmedialen Tribüne fußen, um von der Höhe der Auflagen hinab dem Pöbel der Gesellschaft zu verkünden, was eigentlich Sache oder 'Agenda' sei, an die Stelle dieser Metapher ist in meinen Augen eine Zwei-Welten-Situation getreten, wo die Teilnehmer der neuen Medien sich längst wie die Fische im hierarchiearmen Wasser tummeln und sich fallweise dort zu Schwärmen zusammentun, während die altmedialen Nichtschwimmer in ihren komischen Badeanzügen sich an alte Plattformen und Gewissheiten klammern und ums Verrecken nicht ins Wasser mögen, wo sie höchstens mal eine Zehenspitze einstippen, um entsetzt zu verkünden, dass es dort aber nass sei. Sie gleichen damit mehr und mehr dem Schiffbrüchigen aus dem Insel-Witz: Mit Habermas als Palme, dem Schiffswrack als Geschäftsmodell - und ringsum Haie. Anders ausgedrückt:

 

"Unfortunately, this has only confirmed my suspicion that Habermas is either unwilling or unable to translate his public sphere model of political communication in modern societies from the mass media to the network age. Or, put more bluntly, I don't think he really gets the Internet. His political sphere remains one in which politicians, journalists, and a variety of experts, lobbyists, activists, moral entrepreneurs, intellectuals and other proxies act out "elite discourse" and political deliberation on the "virtual stage" of the mass media (...) . This appears to reject the possibilty of any direct participation and agency for the 'average' citizen - public opinion is formed for them on the "virtual stage", not by them in directly participatory environments."

 

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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