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22.08.13

Accelerator-Programme: Wie Unternehmen Startups fördern und selbst davon profitieren

In letzter Zeit hat man das Gefühl, jeden Tag werden mindestens zehn neue Accelerator-Programme für Startups aus dem Boden gestampft. Warum setzt mittlerweile auch in Deutschland jedes erdenkliche Unternehmen ein Programm auf? Und hilft das den Startups überhaupt?

Accelerator_FlickrLaut Venture Beat gibt es derzeit etwa 200 Accelerator-Programme weltweit - mit verschiedenen Definitionen, vor allem in Abgrenzung zu Inkubatoren. Im Folgenden soll die Definition vom Inc. Magazine als Grundlage genutzt werden. Accelerator-Programme fungieren demnach als drei- bis viermonatiges Beschleunigungsprogramm für Startups in der Frühphase. Die Programme bieten ein kleines Funding, meist 25.000 Euro, sowie Mentoring, Netzwerk und oft auch Büroräume für die Teams. Dafür bekommen sie eine einstellige Beteiligung am Unternehmen. Inkubatoren hingegen haben schon Ideen und holen Teams von extern zur Umsetzung über einen längeren Zeitraum dazu. Die Beteiligungsanteile sind dann mindestens zweistellig.

 

Die Vorreiter aus den USA

Am Ende eines Accelerator-Programms steht normalerweise ein Demo Day, im Rahmen dessen die gereiften Geschäftsideen interessierten Risikokapitalgebern präsentiert werden. Idealerweise ist die Teilnahme am Accelerator für die Startups also der Ausgangspunkt für eine fokussierte Produktentwicklung und ein größeres Funding. In Europa sind Acceleratoren auf dem Vormarsch, allerdings kommt die Idee wie so viele Startup-Bewegungen aus den USA.

Y Combinator ist seit 2005 die Mutter aller Accelerator-Programme und zudem mit seinem Portfolio eines der erfolgreichsten weltweit. Bisher haben mehr als 500 Unternehmen das Programm durchlaufen, unter anderem AirBnB und DropBox. TechStars hat immerhin schon 168 Startups hervorgebracht, von denen noch 90 Prozent im Geschäft sind, darunter SendGrid und Orbotix. Neben mehreren US-Standorten hat TechStars mittlerweile seine Fühler auch nach Großbritannien ausgestreckt. 500Startups ist nach eigener Aussage seit 2010 dabei, Startups aufzumischen. In den vergangenen Jahren waren dies insgesamt 450, mit dabei etwa Twilio und Makerbot.

Die deutschen Accelerator-Programme

Seit 2012 scheint auch Deutschland für immer mehr ausländische Acceleratoren interessant zu sein. Neben dem aus London stammenden Startupbootcamp, das in Berlin unter anderen von den alt eingesessenen schwäbischen Konzernen Daimler und Bosch unterstützt wird, hat sich der Telefónica-Ableger Wayra, der vorwiegend in Lateinamerika agiert, in München niedergelassen. Wayra sticht aus der Accelerator-Riege heraus, da die Startups länger als in den anderen Programmen und mit mehr Finanzierung aufgenommen werden. Daneben ist der YOU IS NOW Inkubator von Immobilienscout 24 mittlerweile auch ins Accelerator-Geschäft eingestiegen und bietet nach eigenen Aussagen den Startups Finanzierung an, ohne jedoch Anteile vom Startup zu nehmen.

Der Telekom-Accelerator hub:raum hingegen nimmt weder Anteile von den Startups, noch gibt er Finanzierungen aus, sondern konzentriert sich auf Mentoring und die Bereitstellung von Office Space und Netzwerk. Die Startups können danach gegebenfalls ins Inkubator-Programm inklusive Seedfunding für sechs bis zwölf Monate übergehen. Daneben sind in den letzten Monaten auch noch der ProSiebenSat.1-Accelerator sowie Axel Springers Plug’n’Play im deutschen Markt aufgetaucht. Auch die Lebensmittelgiganten REWE und Coca Cola arbeiten derzeit an Accelerator-Modellen. Dabei ist zwar unklar, welche Strategie die eher Startup-fremden Unternehmen verfolgen, aber den Hype möchten sie nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen. Insgesamt konzentrieren sich die Programme in Deutschland ausnahmslos auf Berlin oder München und setzen Schwerpunkte im Telekommunikations- oder Entertainment-Geschäft, wobei diese nicht konsequent verfolgt werden.

Wettbewerb um Talente und Innovationen

Die Anstrengungen der Acceleratoren sind grundsätzlich lobenswert: Büroräume, hochkarätige Mentoren, ständige Networking-Events und finale Demo-Days. Und das in mehreren Batches pro Jahr. Die Startups bekommen somit die Möglichkeit, ihr Produkt entscheidend weiterzuentwickeln und an die Marktanforderungen anzupassen. Hinzu kommt der Zugang zu einem wichtigen Netzwerk von Mentoren und Investoren. Auch die mit den Programmen verbundene PR ist nicht zu vernachlässigen, wenn man diese richtig zu nutzen weiß. Grundsätzlich heißt das aber für die Startups nicht, sich auszuruhen und zu warten bis die ersten Kunden an die Tür klopfen. Vielmehr sind die Programme eine gute Ergänzung zu den schon bestehenden Anstrengungen, erste Kunden zu gewinnen und das Produkt an deren Bedürfnisse anzupassen. Wunder in der Skalierung des eigenen Geschäfts sollte man sich von der Teilnahme an Accelerator-Programmen nicht erhoffen.

Auf Seiten der Programme wird man allerdings das Gefühl nicht los, dass es vor allem bei den deutschen Konzernen nur um den Zugang zu hochtalentierten, potenziellen Mitarbeitern geht, die nebenbei auch noch innovative Geschäftsideen mitbringen. Mit den Innovationen von außen sollen dabei die eigenen wenig innovativen Geschäftsbereiche angekurbelt werden. Ob die Rechnung für die deutschen Accelerator-Programme aufgeht, wird sich allerdings erst in zwei bis drei Jahren zeigen. Denn mit der Masse an angebotenen Programmen müssen die Acceleratoren auch immer mehr um revolutionäre Startups buhlen. Dadurch leidet zukünftig unter Umständen die Qualität der aufgenommenen Teams und Ideen.

Kathleen Fritzsche ist Co-Founder und Head of Marketing von StartUp Stuttgart, der Gründercommunity für Stuttgart und das Neckar Valley.

Bild: Canadian Light Source synchrotron unter CC-Lizenz BY-SA 2.0

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