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22.06.12

Windows Phone 8 überrollt Apple - ein Kommentar

Windows Phone 8 wird ein Erfolg. Dessen sind sich nicht nur Analysten, sondern auch unser Smartphone-Fachmann Kai Zantke sicher. Er erklärt an drei Punkten, wieso Apple seine Position an Nokia-Microsoft abgeben muss.

Gerade eben noch im Marktbeherrscher-Paradies, dann auf einer "brennenden Plattform" und jetzt fester Bestandteil eines Neubeginns: Nokia durchlebt eine turbulente, aufregende Zeit mit Microsoft und setzt alles auf eine Karte: das Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 8 (WP8). Momentan dümpelt der Marktanteil gerade so bei zwei Prozent herum, darüber lachen Google, dessen Android auf jedem zweiten verkauften Smartphone residiert und Apple, die immerhin jedes vierte Geräte bevölkern (Quelle: Gartner). Trotzdem glaube ich fest an den Erfolg von Windows Phone. Warum? Es gibt drei simple Gründe dafür.

Es handelt sich dabei nicht um die "LiveTiles", die nichts anderes als quadratische Widgets sind. Auch die Metro-UI macht als solches nur einen geringen Teil der Attraktivität des Systems aus. Und die Verwandschaft zu Windows 7, bzw. die unangenehme Zune-Desktopsoftware ist auch nicht verantwortlich dafür. Für WP8 spricht jedoch zum Beispiel das Bedienkonzept.

1. Benutzerführung

WP7 wurde von Grund auf neu programmiert, alte Bedienkonzepte hinterfragt, der Fokus anders ausgerichtet. Die Philosophie hinter WP7: "put people first" - "der Mensch im Vordergrund". Deshalb ist die Integration von Sozialen Netzwerk-Services fest im System verankert, Facebook, Twitter oder LinkedIn warten nur auf Benutzername und Passwort, um sofort sämtliche Daten an das WP7-Gerät preiszugeben - nicht umgekehrt! Doch anstatt jetzt ein heilloses Durcheinander zu veranstalten, gruppiert WP7 die Kontakte: Bei gleichem Namen werden die Kontaktdaten automatisch zusammengeführt und verknüpft, können jedoch jederzeit wieder gefahrlos getrennt werden. (Das neue BlackBerry Playbook OS 2.0 kann das auch, doch beim Trennen der Verknüpfungen entstehen Duplikate und gehen Informationen verloren.)

Auch manuell lässt sich so der Firmenaccount in Twitter mit einer Person verbinden. Bei Aufruf der Kontaktdaten erhält man einen Überblick über die letzten Tweets, die Facebookposts oder auch sämtliche Anrufe und E-Mails – alles aus der Kontakteverwaltung heraus. Und man antwortet mit einem Tipp auf @neuerdings sofort mit Twitter oder beginnt einen Facebook-Chat mit einem Tipp auf "Chat/Facebook". Diese erprobte Verwaltung wird Microsoft garantiert nicht über Bord werfen, sondern stattdessen ausbauen und vertiefen.

iOS kommt dieser Verwaltung noch am nächsten, doch da muss man die Twitter-App erst noch installieren, bei WP7.5 ist Twitter nativ implementiert. Android kennt so etwas überhaupt nicht, weshalb die Hersteller mit "Timescape" (Sony) oder "Friendstream" (HTC) das extra nachliefern. Doch zum einen ist dies abhängig vom Hersteller und nicht über alle Android-Versionen gleich. Zum anderen sitzt das nicht so tief im System verankert, wird nicht zentral über die Kontaktveraltung getan und setzt externe Programme voraus.

Doch Microsoft ist seiner Konkurrenz weit voraus: Die Kontakte von Facebook & Co lassen sich mit einem simplen Klick auch einzeln ausblenden. Nur wer im Adressbuch steht und dessen Name mit einem weiteren Account verknüpft wurde, bleibt in der Timeline von Facebook oder Twitter sichtbar. Der übliche "Ich-folge-Dir-wenn-Du-mir-folgst"-Zirkus hat damit ein Ende: Selbst wenn man neue Freunde bei Facebook oder Twitter hinzufügt, erscheinen sie nur, wenn man diese auch im Adressbuch von Windows Live hinterlegt. Nur als Facebook-Freund eingetragen, fehlen dessen Posts bei aktiviertem Filter.

Ein weiterer Pluspunkt, der auf das Konto von Microsofts WP7.5 und WP8 geht: untere Menüleisten. Es ist ganz trivial, doch ungeheuer komfortabel und selbst vom Spezialisten Apple völlig übersehen worden. Jedes Menü liegt in Reichweite des Daumens am unteren Ende. Die URL wird unten eingetippt, der Kalendereintrag wird unten hinzugefügt, zum vorherigen Menü geht es durch einen Tipp unten. Egal wie groß das Display ausfällt, der Daumen erreicht stehts ohne Verrenkung alle relevanten Bedienelemente. Wer das bezweifelt, sollte sich mal iOS ansehen und nach der URL-Leiste suchen, in den Notizen das Zeichen zum Hinzufügen von neuen auswählen. Erstaunlicherweise stimmt dies auch eins zu eins in Android! Man sieht, dass Windows Phone auf Einhandbedienung ausgelegt wurde. Es gibt nur eine Ausnahme: Die Bing-Suche hat ihr Eingabefeld unerklärlicherweise oben - die Suche per Sprache liegt jedoch viel bequemer unten platziert...

2. Vielfalt

Was viele vielleicht vergessen, die "dunkle Macht" im Hintergrund, die für die Auswahl an Smartphones sorgt, sind nicht etwa die Hersteller, sondern die Netzbetreiber. Wir erinnern uns, dass Geräte "kastriert" wurden, ihnen das Internet-Tethering entfernt wurde, weil die Netzbetreiber das nicht wollten. Der Erfolg eines Gerätes ist deshalb maßgeblich durch diese (vier) Unternehmen bestimmt. Und was diese gar nicht wollen, sind Monopole. Teilweise wechselten Kunden den Anbieter, weil kein iPhone im Sortiment war. Nun ist Apple wie eingangs erwähnt enorm stark im Handysegment, auch Samsung scheint eine angehende Monopolstellung zu erlangen. Deshalb braucht es ein weiteres Betriebssystem, weitere "Player" im Markt. Einer wäre RIM, doch dieser kämpft mit stark schrumpfenden Kundenzahlen und wirkt durch seine eigenen Strukturen (BIS/BES) aufwändiger - obwohl BlackBerrys weniger Daten erzeugen. Und so bleibt das Gespann Nokia-Microsoft. Das sind zwei erfahrene Firmen mit enormen Ressourcen, langjähriger Erfahrung und bestehenden Verbindungen zu allen wichtigen Stellen. Es war kein Zufall, als zum Marktstart das Lumia 800 in allen Telekom-, E-Plus- und O2-Shops an erster Stelle in der Auslage stand. Die Netzbetreiber wollen mehr Vielfalt im Laden, weniger Abhängigkeit von Apple und Samsung.

3. Kompatibilität

Der letzte Punkt betrifft den PC: Laut statista hat Microsoft mit allen Windows-Versionen einen Martkanteil von mehr als 88 Prozent, fast 50 Prozent macht dabei Win7 aus. Zum Vergleich: Das scheinbar allgegenwärtige Apple-System läuft nur auf 7,45 Prozent aller Rechner.

Diese geballte Marktmacht von 88 Prozent nutzt Windows Phone 8 (pun intended). Denn die Argumentation der Apple-Anhänger, iPhone, iPad und Mac würden so schön zusammenarbeiten, lässt sich beim neuen Betriebssystem Windows 8 ebenfalls anwenden und geht noch einen Schritt weiter: Selbst der Programmcode ist identisch. Was auf dem Smartphone läuft, kann auch am PC eingesetzt werden: Treiber, Software, Spiele - alles ist austauschbar und für Programmierer mit äußerst geringem Aufwand für die andere Plattform portierbar. Das lockt nicht nur Programmierer, sondern auch Nutzer, denn was Microsoft mit Windows Mobile 6.5 versuchte, das "Windows für die Tasche", wird mit WP8 endlich Wirklichkeit.

Und über die Xbox haben die Redmonder noch einen weiteren Einstiegspunkt. Mit Halo Waypoint zeigt Microsoft klar, wohin die Reise gehen wird. Smartphone, Xbox, PC - diese drei werden eine Einheit bilden und bis 2015 auf Platz zwei liegen. Ich bin schon dabei, ihr auch?

Was ist deine Meinung dazu? Glaubst du, Apple gibt sich so leicht geschlagen? Kann man drei Jahre in die Zukunft blicken? Schreib mir deine Meinung, ich bin gespannt!

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