Hier finden Sie weitere Artikel aus der Themensammlung Technik

13.05.14

Vorsicht, Crowdfunding: Das nächste zweifelhafte Indiegogo-Projekt kommt aus Österreich

Satte 1 Million US-Dollar möchte eine österreichische Unternehmung via Indiegogo einsammeln. Ihr Produkt: Ein Smartband, das abgesehen von Teleportation und Kaffee kochen so ziemlich alles kann. Warum man nur warnen kann, diesem Projekt Geld zu geben, haben wir einmal zusammengefasst.

So soll das Vidameter-Smartband aussehen. So soll das Vidameter-Smartband aussehen.

Erst kürzlich sorgte ein Indiegogo-Projekt für Aufsehen: Obwohl diverse Experten vor dem Healbe GoBe warnten, konnten die Macher mehr als eine Million US-Dollar einsammeln . Manche witterten hier schlichtweg Bauernfängerei mit moderneren Mitteln. Wir werden erleben, wer Recht behält.

Nun ist auf Indiegogo ein weiteres Fitness-Gadget aufgetaucht, diesmal aus Österreich. Und hier wollen die Macher gleich von vornherein 1 Million haben – sicherheitshalber haben sie sich aber für die „flexible Finanzierung“ entschieden: In diesem Fall bekommen sie das Geld auch dann, wenn ihre Zielsumme nicht erreicht wird.

Angeboten wird ein universelles Smartband namens Vidameter, das laut einem absurden Pressetext in sieben Tagen erschaffen wurde – was hoffentlich ein Scherz sein soll. So ganz klar wird das nicht. Wie auch sonst einiges im Unklaren bleibt.

In diesem Video stellen die Macher ihr Projekt vor:

www.youtube.com/watch

Die Grundidee ist dabei gar nicht so dumm: Anstatt nur Daten einzublenden, soll das Vidameter klar und deutlich sagen, wie es dem Besitzer gerade geht. Denn während andere Fitnessbänder praktisch ausschließlich zu mehr Bewegung anspornen, verlieren sie dabei aus dem Blick, dass man es mit dem Sport auch übertreiben kann. Soweit, so gut.

Phantastische Funktionsvielfalt

Aber alles danach wirkt zumindest auf mich wie eine Reise ins Land der Phantasie. In ihrem hauchdünnen und vor allem flexiblen Armband wollen die Macher neun Sensoren versammeln, die u.a. Blutdruck, Puls, Sauerstoffgehalt, Stress-Level und einiges mehr erfassen sollen. Zudem erkennt Vidameter automatisch, wenn man einen Unfall hatte und alarmiert den Notdienst – weshalb es auch Mobilfunk integriert haben soll. Wobei das mit dem Mobilfunk nicht so ganz klar scheint, in den Kommentaren zum Projekt ist plötzlich von „Satelliten“ die Rede:

(Anklicken für größere Version.) (Anklicken für größere Version.)

Aber ob nun Satellit oder Mobilfunk – alles Details. Das klärt sich schon noch. Setzen wir unsere Feature-Liste fort, denn wir sind noch lange nicht am Ende: GPS ist natürlich ebenfalls drin, ganz zu schweigen von NFC. Bluetooth und RFID nicht zu vergessen. Achja: Bis zu 300 m wasserdicht ist das Band ebenfalls – man gönnt sich ja sonst nichts. Im Innern arbeitet übrigens ein Achtkern-ARM-Prozessor. Als Betriebssystem dient offenbar die Eigenentwicklung „Vidamet OS“, denn es ist wohl noch genug Zeit, neben der revolutionären Hardware auch noch die Software komplett selbst zu entwickeln. Na klar. Der Akku soll übrigens sieben bis zehn Tage halten und kann selbstverständlich drahtlos aufgeladen werden.

Und alles das soll gebogen und biegsam in das Armband aus dem Video passen und schon nächstes Jahr auf den Markt kommen – immerhin „erst“ im Dezember.

Ein Team mit wenig Fachkompetenz

Ein bislang unbekanntes Team aus Österreich würde damit schaffen, was Industrie-Schwergewichte wie Samsung, Sony und Konsorten nicht einmal ansatzweise hinbekommen. Ganz auszuschließen ist so etwas ja nicht, denn wer weiß: Vielleicht haben sich ja hier ein paar Genies zusammengefunden, die schon etliches an Erfahrung in den entsprechenden Spezialbereichen aufgebaut haben. Laut Eigendarstellung ist das tatsächlich so, denn demnach arbeitet an dem Smartband „ein beeindruckendes Team von Spezialisten aus der SDK-Entwicklung, Sensor-Programmierung, Verschlüsselung, Produktentwicklung, Produkt-Design, Logistik, Produktion und Kommunikation.“ Dumm nur, dass sich das auf der Indiegogo-Seite irgendwie ganz anders darstellt:

(Anklicken für größere Version.) (Anklicken für größere Version.)

Da wird also für das „beeindruckende Team aus Spezialisten“ noch der eine oder andere gesucht. Und die bereits aufgeführten Personen scheinen zumindest nach meinem Eindruck nicht alle zwingend für ihre Position geeignet: Beim „Head of Design“ Philipp Raunigg beispielsweise würde ich einen gestandenen Produktdesigner vermuten, denn andernfalls wäre Vidameter ja nichts weiter als hübsche Grafiken. Tatsächlich scheint er aber vor allem für das Design der Vidameter-Website verantwortlich zu sein, wie man aus dem Impressums-PDF erfährt. Seine Firma Raunigg & Partner wiederum ist nicht etwa eine Designagentur, sondern berät Unternehmen „holistisch“ in Sachen Marketing . Auch in seinem persönlichen Portfolio ist das Thema Design auffällig abwesend. Ich habe ihn angeschrieben, was ihn für den Job des „Head of Design“ qualifiziert und werde seine Antwort hier entsprechend ergänzen.

Interessant ist es weiterhin, sich den Gründer Alexander Krenn genauer anzuschauen. Laut Pressematerial hat er „als CEO und CTO für zahlreiche Unternehmen aus der IT und Healthcare-Branche gearbeitet.“ Und nicht nur das: „Er ist ein Veteran als Unternehmer und Startup-Gründer im Bereich nachhaltiger und sozialer Projekte.“ Auf seinem LinkedIn-Profil übt er sich wohl in Understatement, denn dort ist nicht viel zu finden, das diese Aussagen unterstützen würde. Demnach gehörte es zu seinen Stationen, einen Hauskomposter erfunden zu haben. Gegründet hat er eine Firma mit dem kuriosen Namen „Xelak Innovative IT- & Wohnkonzepte GmbH“, die allerdings pleite ist. Zu den bekannteren Namen in seinem Lebenslauf gehören die Colt Technology Services GmbH, für die er laut LinkedIn Windows-Server administriert hat. Außerdem war er „IT Manager“ bei LG Electronics, das allerdings nur sechs Monate. Gegen den Lebenslauf an sich ist natürlich nichts einzuwenden, aber eventuell sollte Alexander Krenn seine Angaben auf LinkedIn einmal aktualisieren, denn zum jetzigen Zeitpunkt passen sie nicht besonders gut zu den Aussagen der Pressemitteilung. Das ist übrigens auch auf Xing nicht anders.

Ein Einzelunternehmer hebt die Welt aus den Angeln

Eine Frage aber klärt das LinkedIn-Profil dann doch: Hier führt sich Alexander Krenn bei Vidamet nicht nur als „CEO & Founder“ auf, der zudem noch für „Innovation, Strategy“ zuständig ist, sondern auch „Hard- and Software development“ gehören im Unternehmen zu seinen Aufgaben. Diese Allmächtigkeit passt letztlich perfekt zur Unternehmensform der Firma: „eingetragener Einzelunternehmer (e.U.)“. Und auch hier: Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich jemand als Einzelunternehmer selbstständig macht. Es passt allerdings nicht einmal ansatzweise zur Selbstdarstellung auf Indiegogo und im Pressematerial. Und wie man als Einzelunternehmer ein solches Großprojekt stemmen will, erschließt sich mir ebenfalls nicht.

Die Liste der Warnsignale bei diesem Indiegogo-Projekt ließe sich noch lange fortsetzen. Man denke nur an den Prototypen, der zwar genannt, aber nicht gezeigt wird. Der veröffentlichte Zeitplan ist haarsträubend eng gesetzt. Und nicht zuletzt nagt da die bereits eingangs erwähnte Tatsache an der Glaubwürdigkeit, dass man via „flexibler Finanzierung“ auf jeden Fall einstreichen möchte, was reinkommt.

Jeder kann nun für sich selbst entscheiden, wie glaubwürdig oder realistisch dieses Projekt scheint. Es spricht aus meiner Sicht kaum etwas dagegen, einfach bis zum Juni 2015 zu warten – da sollen die Betatester ihre Bänder bekommen.

Und wer weiß, ob mich „das beeindruckende Team aus Spezialisten“ dann nicht doch Lügen straft. Vorstellen kann ich mir das nicht. Da glaube ich eher daran, dass das Vidameter demnächst als Satire aufgedeckt wird.

Weitere Informationen findet ihr auf der Indiegogo-Projektseite sowie der offiziellen Website. Gefunden haben wir Vidameter bei Gizmag.

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer