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03.01.13

Smartphone-Betriebssysteme: Jetzt also auch noch Ubuntu

Linux-Anbieter Canonical hat gestern ein Betriebssystem für Mobiltelefone vorgestellt. Ubuntu for Phones soll in der zweiten Jahreshälfte veröffentlicht werden und ab Anfang 2014 auf ersten Endgeräten verfügbar sein. Ubuntu betritt damit einen Markt sehr spät bis zu spät, in dem in diesem Jahr gleich mehrere neue Systeme und Releases zu erwarten sind. Das ist schade.

Zunächst eine kleine Anekdote. Das Microsoft-freundliche Blog WMPowerUser vermeldete gestern einen Knaller: Windows Phone ist das am schnellsten wachsende mobile Betriebssystem des Jahres 2012. Ein Zuwachs von 290 Prozent innerhalb eines Jahres! Als jemand, dem das ungewöhnliche System inzwischen durchaus sympathisch ist, atmete ich fast ein wenig auf, als ich das hörte. Dann sah ich mir die Quelle genauer an: WMPoweruser hatte die Zahlen der Netznutzung von NetMarketShare analysiert. Demnach stieg der Marktanteil von Windows Phone von 0,29 auf 1,05 Prozent Marktanteil. 1,05 Prozent.

Man darf zwei Dinge nicht tun: Man darf diese Zahlen nicht mit dem tatsächlichen Marktanteil von Windows Phone gleichsetzen - der lag zuletzt in jeder Statistik um einige Prozent höher. Und man darf den Jungs diese Schönrechnerei nicht krumm nehmen - sie sind immerhin Windows-Mobile-Enthusiasten der ersten Stunde. Eins jedoch zeigen die Zahlen: Windows Phone steckt nach wie vor in der Nische. Zwei Jahre lang hat einer der weltgrößten Softwarekonzerne seine ganze PR- und Marketingmacht in dieses System gesteckt, Milliarden investiert. Und heraus gekommen sind dabei bis jetzt ein paar mickrige Prozent Marktanteil. Also mal eben das Feld von hinten aufrollen is' nich', selbst nicht für die Großen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn in diesem Jahr gleich mehrere neue mobile Betriebssysteme an den Start gehen. Darunter sind Firefox OS, Tizen und, wie gestern berichtet, Jolla Sailfish OS.

Und jetzt also auch noch Ubuntu: Milliardär und Software-Unternehmer Mark Shuttleworth bietet seit Jahren eine solide Alternative zu Windows und Mac OS X an, die nach Meinung von Experten jedes Jahr aufs Neue kurz vor dem Durchbruch steht. Ubuntu für den Desktop allerdings hat die Nische nie verlassen. Die Marktanteile aller Linux-Distributionen für den Desktop überschreiten kumuliert in keiner Statistik die 5-Prozent-Hürde, um es mal wohlwollend auszudrücken. Und viel deutet darauf hin, dass Ubuntu auf Telefonen ein ähnliches Schicksal blüht.

Spät auf der Party

Zunächst einmal kommt es sehr spät. Ein erstes Release wird Ende des Jahres erwartet, funktionsfähige Endgeräte soll es ab Anfang 2014 zu kaufen geben. Da Ubuntu for Phones den Android-Kernel verwendet, wird man es auf einer Vielzahl von ARM- und X86-Architekturen installieren können. Dennoch ist Ubuntu for Phones keine bloße Benutzeroberfläche wie Samsungs Touchwiz oder HTC Sense, denn gewöhnliche Android-Apps lassen sich auf Ubuntu nicht nutzen. Entwickler können HTML5-Apps für das System anbieten, Apps für den Ubuntu-Linux-Desktop anpassen oder mit Qt/QML eigene Apps für Ubuntu maßschneidern. Es legt App-Entwicklern aber auf jeden Fall zusätzliche Arbeit auf, und das ist immer ein Nachteil.

Was Mark Shuttleworth in seiner Präsentation vorstellt, gefällt mir größtenteils sehr gut, denn es durchbricht viele aktuelle Konzepte. Von einem Sperrbildschirm will Shuttleworth lieber nicht sprechen, er nennt ihn Homescreen, weil dort bereits Informationen augenfreundlich aufbereitet werden und sich jede App über eine einblendbare Schnellstartleiste starten lässt. Statt mit Buttons wie bei Android soll man Ubuntu allein über Gesten steuern können (Sailfish OS verfolgt ein ähnliches Konzept). Statt Icons der Apps im Hintergrund nur anzuzeigen, lassen sich über eine Schnellstartleiste ihre Einstellungen aufrufen, ohne dass man die aktive App verlässt. Hier alle Funktionen in einem Video mit Shuttleworth:

Die Kleinen als Quelle für Innovationen

Das Konzept wirkt durchdacht, frisch, anders. Und käme es heute mit einer Vielzahl der wichtigsten Apps auf den Markt, könnte es sicherlich einige Nutzer für sich begeistern. Allerdings wird noch ein ganzes Jahr ins Land ziehen, bis die Nutzer es werden kaufen können. Ein Jahr, in dem zunächst ein durchaus innovatives Blackberry 10 an den Start gehen wird. Ein Jahr, indem wir mit Sailfish ein System sehen werden, das Ubuntu ähnlich ist. Ein Jahr, in dem Intel und Samsung Tizen vorstellen wollen und Mozilla das geplante Firefox OS. Ein Jahr, in dem Microsoft weiterhin viel Werbung für Windows Phone 8 ausgeben wird, in dem Apple iOS 7 und Google Android 5 vorstellen dürften. Kurz gesagt: Die anderen schlafen nicht und auch sie arbeiten an Innovationen. Ubuntu wird es schwer haben, sich da noch einen Stand zu erarbeiten.

Das bedeutet nicht, dass das geplante System nicht für den einen oder anderen und vor allem für Nutzer des Ubuntu-Desktops interessant werden kann. Und für das Homescreen-Konzept muss man Shuttleworth loben: Endlich einmal jemand, der mobile Betriebssysteme etwas anders gedacht hat. Innovationen kommen mittlerweile gehäuft von den "Kleinen". Da es den Anschein hat, dass alle Systemanbieter sich von den Ideen anderer "inspirieren" lassen und jedes Mal noch ein paar eigene Clues obendrauf packen, kann man mit den Worten schließen: Noch mehr Betriebssysteme? Ja, bitte, dann bekommen wir endlich die Innovationen, auf die wir so lange warten. Auch, wenn nur wenige von diesen Systemen sich letztendlich am Markt werden halten können.

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