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05.12.07

Test Marantz PMD620 Field Recorder: Taschenzwerg mit scharfen Ohren

Nur wenige Festspeicher-Digitalrecorder taugen für den Radio-Alltag oder andere Profi-Ansprüche. Mit dem PMD620 überholt der einstige Flash-Pionier Marantz kurzfristig die Konkurrenz und macht die richtigen Kompromisse. Auch beim Preis.


Marantz PMD620: Die richtigen Kompromisse

für Interviews und Audio-Reportagen. (Bilder PD)

Von Michael Sennhauser

Ich habe in den letzten Jahren fast alle für Radiozwecke geeignet scheinenden Digitalrekorder ausprobiert (und zu viele von ihnen auch gekauft). Mit dem Marantz PMD620 sind nun fast alle meine Wünsche in Erfüllung gegangen. Marantz hat die richtigen Kompromisse gemacht, die für den vor allem interview-basierten Radioalltag entscheidend sind:

 

Das Gerät ist zigarettenschachtelklein, hat eingebaute Mikrofone, frisst normale AA-Batterien, und es hat einen kleinen Lautsprecher, über den man ohne viel Gefummel sofort prüfen kann, ob die Aufnahme wirklich auf der SD-Karte sitzt. Er soll sogar die neuen SDHC-Kärtchen mögen und Karten bis 4 GB verdauen.

Hinzu kommen: Verzicht auf die sperrigen XLR-Anschlüsse, Verzicht auf die digitalen SPDIF Ein- und Ausgänge, dafür zwei erstklassig verbaute Elektret-Kondenser-Mikrofone im richtigen Abstand für Gespräche, und gerade noch gut genug für Ambi-Geräusche und Reportage-Sounds von der Strasse; ein breites Angebot von Einstellungen, die man nutzen kann, aber nicht muss, und dazu eine einfache, nicht destruktive Möglichkeit von Pre-Edits (auf deutsch: mittels einfacher Marker lässt sich aus einem Audiofile ein Stück herauskopieren in eine neue Datei).

Natürlich gibt es auch Minuspunkte, so hat er zum Beispiel einen eigenen Stromeingang für sein (immerhin winziges) mitgeliefertes Netzteil, während mittlerweile jeder intelligente Anbieter für die Stromversorgung kleiner Geräte die USB-Schnittstelle nutzt.

Der Markt für Profi-Geräte

Der Markt für digitale Interview-Geräte ist innerhalb zweier Jahre explodiert. Eine schöne, aber nicht vollständige Übersicht über das aktuelle Angebot an Festspeicher-Digitalrekordern für Profis gibt diese pdf-Tabelle vom amerikanischen Broadcast-Versandhändler BSW:


(Fast) vollständige Marktübersicht Profi-Audio-Rekorder mit Festspeicher: PDF vom amerikanischen Versand BSW.

Anbieter flashbasierter Recorder wie Mayah haben allerdings krampfhaft versucht, den professionellen Broadcast-Kunden die Angst vor der digitalen Zukunft mit schweren, unzerstörbaren und allen eventuellen professionellen Ansprüchen genügenden Aufnahme-Panzern wie dem Flashman zu nehmen. Das hat funktioniert: Der Flashman ist bei vielen Radiostationen in Betrieb, so auch bei SR DRS. Aber niemand mag den schweren Klotz wirklich, auch wenn er mit XLR-Eingang, Phantomspeisung, SPDIF und einer gefühlten Lebenserwartung von 600 Jahren die Audiotechniker überzeugt hat.

Die meisten Radioleute trauern derweil ihren handlichen Minidisc-Recordern nach, auch wenn die wirklich niemand mehr nutzen möchte (wer will schon seine Sony-proprietäre Attrac-Aufnahme in Echtzeit im Studio redigitalisieren, wenn er normale MP3- oder WAV-Files gleich schneiden kann?).

So haben Nischenplayer aus der Musikproduktionsszene den Markt zunächst für sich erobert: Roland mit der Edirol-Serie oder AVIDs M-Audio mit dem MicroTrack. All diese Geräte haben mit jeweils einer oder zwei Innovationen gepunktet. So bot der erste Edirol bereits eingebaute Stereomikrofone und der Microtrack (den ich bisher am liebsten benutzt habe) eine Stromversorgung über USB. Alle hatten aber auch Nachteile. Der erste Edirol war ein Klotz, den man lieber auf den Tisch legte als in der Hand hielt. Und der Original-MicroTrack mit seinem fix eingebauten Li-Ion-Akku macht einen von USB-Notstrom via Notebook oder externem USB-Pack abhängig.

Ganz zu schweigen von Mayahs Flashman, der mit seiner Grösse und seinem Gewicht jede spontane Reportage im Keim erstickt: Den nimmt man nur mit, wenn man zu einem Termin geht. Die neuen Kleinen dagegen verschwinden in der Reporter-Jacke wie früher das Notizbuch.

Marantz PMD 620: Auspacken und loslegen

Der PDM620 von Marantz funktioniert direkt aus der Schachtel, ohne viel Angewöhnungszeit. Zwei Alkali-Batterien oder Akkus ins Batteriefach einlegen, den Einschaltschieber an der Seite drücken, und schon leuchtet der erstklassige kleine OLED-Screen auf. Ein Daumendruck auf REC und die erste Aufnahme läuft. Rund um die REC-Taste leuchtet ein roter Ring (der im Pausen-Modus blinkt), und im Display lassen sich wahlweise die bisherige Aufnahmedauer, die Ausssteuer-Anzeige, die Aufnahmeeinstellungen oder die verbleibende Aufnahmezeit bis zur Speicherkartengrenze anzeigen.

Alle Anzeigen sind praktisch, haben aber ihre Nachteile. Dass sich die Aufnahme pausieren lässt, ist im Alltag gefährlich. Mir ist es mit dem Flashman hin und wieder passiert, dass ich ein Interview unterbrochen habe, wegen Lärm oder einem störenden Mobiltelefon, und dann vergass, vor der nächsten Frage die Pause zu beenden. Weil der Kontrollton über die Kopfhörer unverändert weiter läuft, besteht diese Gefahr bei fast allen Geräten, ausser beim MicroTrack, der hat keine Pausenfunktion. Was über den Kopfhörer kommt, landet dort idiotensicher auf der Speicherkarte.

Der Nachteil der wechselnden Display-Ausgaben liegt im Umschalten. Weil die Mikrofone fest im Gerät verbaut sind, landet natürlich jeder Tastendruck als Klick auf der Aufnahme. Mit einem externen Mikrofon passiert das nicht. Wer die eingebauten Mikrofone nutzt, kontrolliert also besser alle Einstellungen vor der ersten Interviewfrage.

Insgesamt 24 Aufnahme-Parameter lassen sich einstellen: 16 oder 24 bit Aufnahme, MP3 oder lineare PCM WAV, 44.1 kHz oder 48 kHz, automatische Aussteuerung oder manuell, Low-Pass-Filter, Umschaltung der Batterieanzeige von Alkali- auf NiMH und etliches mehr. Ein paar Einstellungen sind ungewöhnlich und raffiniert - so kann der PMD620 Aufnahmen automatisch in zeitlich begrenzte Blöcke aufteilen oder mit der "Silent-Skip"-Funktion als Überwachungsgerät eingesetzt werden, das nur aufnimmt, wenn ein einstellbarer Lautstärkepegel erreicht wird (da fällt mir allerdings kein anständiger Use-Case dazu ein, und die anderen gebe ich nicht preis). Weil gleichzeitig ein Pre-Recording-Buffer aktiv ist, geht noch nicht einmal der Anfang des Satzes verloren, wie bei älteren pegelgesteuerten Aufnahmegeräten.

Retourkutsche

Eine weitere raffinierte Einstellmöglichkeit ist "Skip Back": Da kann ich vor der Aufnahme einstellen, wie gross die Skip-Back-Sprünge sein sollen (Voreinstellung ist 3 Sekunden). Das bedeutet, dass ich beim Abhören eines Interviews mit der speziellen Skip Back Taste jeweils 3 Sekunden zurückspringen kann - überaus praktisch zum Übersetzen oder transkribieren bei undeutlichen Stellen - und für die Gedächtnisschwachen unter uns lässt sich der Skip-Back auf bis zu 59 Sekunden einstellen.

Die 24 Parameter lassen sich in drei sogenannten PreSets abspeichern, also kann ich mir ein Set für MP3-Mono-Interviews mit den eingebauten Mikrofonen, eines für lineare High-Quality-Recordings mit externem Mikrofon und - zum Beispiel - eines für Stereoeinspielungen über Line-In programmieren.

Und das Raffinierteste: Das Paket mit den drei Sets lässt sich als Setup-Datei auf die SD-Karte speichern und wieder laden. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Radio-Techniker eine ganze Serie von PDM620 für eine Redaktion mit den gleichen Sets bespielen kann.

Eine Sperrfunktion für DAUs (die es auch bei bei SR DRS geben soll), wie sie der Flashman aufweist, hat der kleine Marantz allerdings nicht. Aber er ist auch sonst nicht idiotensicher, so lässt sich zum Beispiel ein externes Mikrofon mit dem 3,5-mm Stecker ohne weiteres in die Kopfhörerbuchse rammen - die zwei liegen direkt nebeneinander. Aber wer ohne Monitor-Kopfhörer arbeitet, weiss ohnehin ganz genau, was er tut - oder ist sowieso von allen guten Geistern verlassen.

Hier die wichtigsten technischen Eckdaten des Marantz PDM620:

  • SD & SDHC Speicherkarten
  • Audioformate WAV 16-/24-bit (unkomprimiert) & MP3
  • 2 Kondensatormikrofone und integrierter Lautsprecher
  • USB 2.0 Schnittstelle
  • LINE Ein/Ausgänge
  • Kompakte Grösse, 102 x 62 x 25 mm
  • Leichtgewicht, nur 110g (ohne Batterien)
  • OLED Bildschirm, klare Lesbarkeit, geringer Energieverbrauch
  • Aufnahmenkontrolle dank LED "Level" und LED "Peak"
  • Externer MIC Eingang
  • Kopfhörerausgang
  • Einfache und intuitive Bedienung
  • Intelligente Editierfunktionen (zBs. non destruktives kopieren/kleben)
  • Funktion COPIE SEGMENT erzeugt eine eigenständige Kopie eines ausgewählten Bereichs, ohne die Originaldatei zu verändern
  • Funktion SKIP BACK spult auf die voreingestellt Abspielposition zurück (bis zu 59 Sekunden)
  • Funktion SILENT SKIP stellt bei Stille die Aufnahme auf Pause und startet diese bei eingehendem Signal wieder
  • Funktion AUTO TRACK erstellt automatisch ein neues File (programmierbare Intervalle)
  • Akku oder Batteriebetrieb (2 Stück AA Batterien)
  • Inklusiv 512MB SD-Karte, Tischstativ, Gurt-Clip und Handgelenk-Tragriemen

Alles in allem hat mich der Aufnahmezwerg von Marantz überzeugt. Dass die 3,5-mm-Klinkenstecker professionellen Ansprüchen nicht genügen, ist im Alltag irrelevant, so lange die Geräte im persönlichen Gebrauch bleiben. Als "Leihrekorder" auf einer Redaktion würde ich das Ding allerdings nicht einsetzen, bei grobem Gebrauch tendieren genau diese kleinen Buchsen zu Wackelkontakten (M-Audio hat versucht, das Problem mit 6,3-mm-Jacks für die Mikrofon-Eingänge zu lösen. Die brauchen aber fast so viel Platz wie die XLR-Buchsen und sind wohl ein Grund dafür, dass beim MicroTrack kein Platz mehr blieb für ein Batteriefach). Der zweite Nachteil ist, wie bei allen Geräten mit eingebauten Mikrofonen, die Griffempfindlichkeit während der Aufnahme. Grobe Griffwechsel sind ebenso hörbar wie das Knarzen des nicht völlig verwindungssteifen Batteriefachdeckels, wenn ein nervöser Finger kurzfristig den Druck darauf verstärkt.

Grundsätzlich ist der PMD620 ein sehr alltagstaugliches Gerät, das fast perfekt auf die Bedürfnisse eines Radioreporters oder auch eines Podcasters abgestimmt ist. Ob es sich im harten Dauereinsatz bewährt, darüber kann ich spätestens Ende Januar nach den Solothurner Filmtagen berichten.

Bezugsnachweis und Preise:

Marantz Europa

Marantz PMD620 bei Amazon

oder bei decibel.ch (mit Händlerliste Schweiz) SFr. 690,-

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