Hier finden Sie weitere Artikel aus der Themensammlung Technik

04.05.16

Studien

Smartphone-Junkies: Es sind die Erwachsenen, nicht die Jugend

Die heutige Jugend redet nicht mehr miteinander, sondern wischt nur noch auf ihren Handys herum? Das ist ein Vorurteil. Die wirklichen Smartphone-Junkies sind die Erwachsenen, so neue Forschungsergebnisse. Wie kann man sich auf „Digital-Diät“ setzen und wieder mehr am „richtigen Leben“ teilnehmen?


(Bild: W.D. Roth)

"Smombies": Die Hans-guck-aufs-Smartphone-Generation

Männer (und Frauen), die auf Handys starren sind eine teils unfallträchtige und zudem lästige Zeiterscheinung. Diese auf Smartphone-starrenden "Zombies" haben mittlerweile ein eigenes Jugendwort erhalten: „Smombies“. Für diese wurde in Augsburg sogar eine „Ampel“ am Boden eingerichtet, damit sie beim Starren aufs Handy-Display nicht von der Straßenbahn überfahren werden.

Der Nutzen wird angesichts der rot blinkenden Werbebanner jedoch angezweifelt. Deswegen wird schon eine entsprechende App gefordert, die vor sich nähernden Straßenbahnen warnt. Ebenso leiden Konferenzen unter „Dauerwischern“, die nur noch körperlich anwesend sind; von Familiengesprächen am Feierabend oder dem Restaurantbesuch ganz zu schweigen.

Smartphone-Junkies sind längst erwachsen

Schuld an diesem Phänomen ist - so sagt man - natürlich mal wieder die Jugend, die „always on“ mit dem Smartphone aufgewachsen ist und kein normales Sozialleben kennt. Doch das stimmt längst nicht mehr: Immer mehr Untersuchungen belegen, dass die Erwachsenen die eigentlichen Smartphone-Junkies sind.

Bereits 2014 zeigte die Studie des Software Unternehmens Kaspersky Lab, dass sich mehr als 90 Prozent der Studienteilnehmer selbst als „abhängig von ihren digitalen Geräten“ einstufen. Dabei schwindet offenbar das eigenständige Denken der Dauersurfer: Telefonnummern, Adressen, Orientierung – vieles wandert aus dem menschlichen Zwischenspeicher direkt ins Smartphone.

Weitere Forschungsarbeiten aus dem Jahr 2015 von Wissenschaftlern um den kanadischen Forscher Nathaniel Barr unterstützen diese These: Vielnutzer von Smartphones denken zwar schnell und intuitiv – doch tun sie dies weniger achtsam und strukturiert.

Klare Suchtanzeichen bei Smartphone-Nutzung

Der Forscher Alexander Morawetz und sein Team untersuchen seit 2015 mit einer selbst entwickelten App das Verhalten von Smartphone-Nutzern. Ihre Ergebnisse zeigen, dass sich die durchschnittliche Nutzer im Alter zwischen 14 und 65 Jahren drei Stunden täglich mit ihrem Smartphone beschäftigen und es im Schnitt 55 Mal am Tag in die Hand nehmen. Das sind 120 Aktivierungen täglich – inklusive einer Stunde Facebook-Nutzung.

In der Folge unterbrechen Smartphone-Junkies immer häufiger wirklich wichtige Tätigkeiten und können sich kaum noch konzentrieren. Immer weniger Menschen können abschalten und geraten so unversehens in eine digitale Dauernutzung. Das ist sowohl im Job als auch in der Freizeit ein Problem.

Und noch immer verlangen Arbeitgeber, dass ihre Mitarbeiter auch nach Feierabend erreichbar sind – mit dem Ziel, Produktivität und Service zu erhöhen. Die Mitarbeiter nehmen ihr Dienst-Handy mit nach Hause und checken nebenbei in ihrer Freizeit ständig geschäftliche E-Mails. Das Ziel jedoch erreichen die Arbeitgeber auf diese Weise nicht, meist ist das Gegenteil der Fall.

Smartphone-Nutzung führt zu Stress und Verhaltensänderungen

Die Abhängigkeit vom Smartphone führt neben dem Stress auch zu Verhaltensänderungen. Die Konzentration und die Fähigkeit, das reale Geschehen zu reflektieren, nehmen mit der dauerhaften Smartphone-Nutzung ab. Je intensiver die Beschäftigung mit digitalen Geräten ausfällt, desto weniger Zeit bleibt für den Blick in das persönliche Innere, der natürlich auch bei Erwachsenen notwendig ist für das Aufrechterhalten von sozialem Verhalten, von Empathie und von tieferen Beziehungen.

Ausgehend von diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen sollten die Forderungen nach noch mehr Digitalität im Alltag nicht forciert werden. Stattdessen ist ein achtsamer Umgang mit digitalen Endgeräten gefragt. Abschalten statt Anschalten lautet das Motto. Oder salopp „Digital Detox“, eine digitale „Entgiftung“.

Digital entgiften

Unter "Digital Detox" wird der Verzicht auf die Nutzung von Smartphones und Computern für einen fest definierten Zeitraum verstanden. Die digitale Auszeit reduziert Stress und holt den Nutzer aus dem „Always-On“ und der virtuellen Welt zurück ins reale Leben. In den USA gibt es bereits sogenannte „Digital-Detox-Camps“, die mitten im Wald eine Art Reboot für Körper und Geist anbieten.

Erwachsene handeln selbstverantwortlich für sich und sollten verantwortlich auch gegenüber anderen handeln. Dies gilt im Besonderen für die erzieherische Funktion gegenüber Jüngeren, den Kindern und Jugendlichen. Wenn Papa den ganzen Abend auf dem Smartphone wischt, kann er nicht ernstlich verlangen, dass sein 9-jähriger Sohn währenddessen die Nase in ein Buch steckt oder mit Lego spielt.

„In viel stärkerem Maße als bisher ist es deshalb erforderlich“, so Professor Dr. Gerald Lembke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, „dass sich die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion um die Mediensucht nicht nur auf die jüngeren Zielgruppe fokussiert, sondern sich vor allem mit dem Verhalten Erwachsener befasst. Denn das beste Digital-Training für Kinder in der Kita scheitert spätestens dann, wenn die Eltern zuhause ihrer Smartphone-Sucht frönen“.

So funktioniert der Smartphone-Entzug 

  • Machen Sie sich Ihr Interaktionsverhalten mit dem Smartphone bewusst. Zählen Sie, wie oft Sie am Tag das Handy in die Hand nehmen oder nutzen Sie dazu Apps wie „Offtime“ u. ä.
  • Beantworten Sie die Frage, für was Sie das Smartphone dringend brauchen und zu welchen Tageszeiten. Anschließend lassen sich Nutzerfenster organisieren. 
  • Nehmen Sie sich bewusst digitale Auszeiten. Dazu brauchen Sie kein Camp für viel Geld zu buchen. Es reicht, wenn Sie das Handy öfter in einer Schublade liegen lassen.
  • Seien Sie Vorbild für Kinder und Jugendliche. Legen Sie Ihr Smartphone weg, wenn Sie Zeit mit Ihren Kindern verbringen. So erkennt Ihr Kind die Priorität für sich und nicht für Ihr Smartphone.
  • Schaffen Sie sich für Verkehrsnotfälle ein altes Nur-Telefon-Handy für Ihr Handschuhfach an und lassen Sie Ihr Smartphone zu Hause. Nach anfänglichen Panikattacken werden Sie sich bald befreit fühlen.
  • Ein gutes Werkzeug kann der Mediennutzungsvertrag des Vereins Internet-ABC sein. Der Vertrag unterstützt Sie in Ihrer Familie dabei, klare messbare und realistische Regeln festzulegen. 

Schlagworte zu diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer