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17.01.14

Smart Home: Verfrühte Goldgräberstimmung

Googles milliardenschwere Übernahme des Smart-Home-Startups Nest lässt in den Augen vieler Hersteller das Dollarzeichen aufblinken. Doch bis zum gesamtvernetzten Vergnügen im trauten Heim ist es noch ein weiter und teurer Weg, der so manchen Traum vom großen Geld zunichte machen dürfte.

Wann kommt das smarte Haus? Alle Bilder: Hersteller Wann kommt das smarte Haus? Alle Bilder: Hersteller

Es ist nicht so, als hätte die Industrie keine Antwort auf das Thema, was nach Smartphones und Tablets das nächste große Ding werden wird: Connected Devices, also Geräte, die irgendwie ans Netz angeschlossen sind, egal ob unterwegs oder eben zu Hause.

Wer sich für die Technik unterwegs entschieden hat, hat es leichter, denn hier gibt es noch viel Neuland zu erschließen. Die Geräte werden einfach mit Bluetooth oder WLAN an ein Smartphone gekoppelt. Fertig. Das Thema Smart Home steht derweil vor weit größeren Herausforderungen: Etliche verschiedene Standards, hohe Kosten und manchmal auch Konzepte, die kaum jemand braucht. Die Aufbruchstimmung könnte übertrieben sein.

Nicht billig

Egal ob Zigbee, Z-Wave, Bluetooth oder WLAN: Der deutsche Anbieter Homee hat ein interessantes Konzept vorgestellt, um alle verschiedenen Standards über ein Baukastensystem zu vereinen. Das Homee-Basissystem kostet allein allerdings schon rund 100 Euro. Für einen Baustein mit einem weiteren Funkstandard kommen 70 Euro hinzu. Preislich ist das vielleicht noch in Ordnung. Aber damit ist es ja noch nicht getan: Es müssen Geräte her, die sich vernetzen lassen und deswegen auch noch einmal kosten.

Homee

Und damit zeigt sich schon: Billig wird das Smart Home nicht. Drei Wege gibt es, um die Herausforderung technisch zu meistern: Neue Geräte mit Smart-Home-Anschluss kaufen, bestehende nachträglich verbinden oder gleich an der Quelle ansetzen: Steckdosen vernetzen oder - der kanadische Anbieter Neurio hat das tatsächlich vor - direkt den Stromkasten zur Schaltzentrale machen. Elektriker dürften angesichts dieses Szenarios allerdings die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Neurio will, dass jeder den Sensor selbst zu Hause in den Stromkasten einbaut.

Steckdosen und LEDs mit Funk

Schon etwas sicherer und einfacher wäre die Möglichkeit, Steckdosen mit Funk auszustatten. Kollege Frank Müller testete hier kürzlich eine Belkin WeMo, die einfach auf eine Steckdose gesteckt wird und für rund 50 Euro das daran angeschlossene Gerät fernsteuern lässt. 50 Euro für ein vernetztes Haus gingen in Ordnung. Will man allerdings sein ganzes Haus mit den fernsteuerbaren Steckdosen ausstatten, geht das schnell in die Hunderte. Und es bleibt die Frage, was mit dem Anschluss von Geräten ist, die mehr können müssen, als einfach nur ein- und ausgeschaltet zu werden. Zum Beispiel ein Backofen: Soll man sich wirklich für hunderte Euro ein neues Gerät kaufen, nur damit es dann mit dem Smartphone aus der Ferne bedienbar wird?

Belkin WeMo

Die Übernahme von Nest ist für Google vor allem eine kluge Wertsteigerung angesichts des US-Marktes. Denn die lernfähigen und fernsteuerbaren Thermostate des Unternehmens greifen auf eine ohnehin schon weit verbreitete Infrastruktur zurück: In den USA sind Wandthermostate in Wohnhäusern gang und gäbe. Man schraubt einfach den langweiligen Schaltkasten ab und setzt einen coolen Nest an seine Stelle. In Deutschland und vielen anderen Ländern sind solche Wandthermostate allerdings deutlich seltener. Es wäre hier mal wieder ein sehr hoher finanzieller Aufwand, um die Temperatur intelligent zu regeln und damit Strom zu sparen.

Braucht man das alles wirklich?

Am besten, man schaut einmal bei sich selbst: Wozu bräuchte man ein Smart Home? In meiner Wohnung würde ich die Heizung nicht fernsteuern können, Küchengeräte mit WLAN hätten wenig Sinn. Zwar klingt es verlockend, noch vom Bett aus frischen Kaffee zu brühen und den Toast zu rösten. Aber bitte, wie frisch ist der Toast am nächsten Morgen noch, wenn man ihn gleich am Vorabend in den Toaster setzt? Und kriegt man den Druck auf die pad- oder kapselfähige Kaffeemaschine, die eine Minute später damit fertig ist, nicht auch im Halbschlaf hin?

Neurio

Mehr Komfort brächte mir ein fernsteuerbares Zimmerlicht. Hier wäre Philips Hue eine so interessante wie sehr, sehr teure Option. Es gibt allerdings billigere Varianten, bei der mir eine bloße Fernbedienung reichen würde. Spaß hätte ich an einer Waschmaschine, die sich auf dem Smartphone meldet, wenn sie fertig ist. Denn dafür muss ich derzeit immer in den Keller rennen. Das ließe sich aber wiederum enur mit viel Aufwand nachrüsten.

Enttäuschte Gesichter

Das alles bedeutet: Smart Home macht entweder Sinn, wenn man ohnehin gerade ein neues Haus baut. Dann kann man sich für das Komplettsystem eines Herstellers entscheiden. Das Nachrüsten ist für den Normalverbraucher eigentlich nur sporadisch sinnvoll. Den großen Traum vom fernsteuerbaren, mit uns kommunizierenden, vielleicht sogar selbst lernenden Haus halte ich für verfrüht, wenn nicht gar übertrieben.

Philips Hue

Was ich deswegen erwarte: Einige Lösungen, an die man noch gar nicht denkt, und die uns noch vor Freude umhauen werden. Vielleicht eine intelligente Steckdosenleiste. Wer weiß. Womit ich aber auch rechne: Viele enttäuschte Gesichter, weil dies ein Hype werden könnte, der ein wenig am Bedarf vorbeizugehen droht. Zu lange gibt es den Traum von vernetzten Haus schon, als dass er jetzt in Erfüllung gehen würde. Wir werden sehen.

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