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06.09.15

"Sie wischen - wir spülen" - oder warum musste der Radio-Moderator im Keller sitzen?

Die Wunschsendung im Radio - heute im Zeitalter des Dudelfunks eine fast vergessene "Interaktivität" mit dem Hörer. neuerdings.com besuchte den Südwestrundfunk in Stuttgart und durfte einen Blick ins Schallarchiv werfen.

SWR Stuttgart

Manche Sachen vergißt man einfach nicht. Ein Kollege meldete sich beispielsweise regelmäßig mit "xxxx GmbH - Sie wünschen, wir spielen" am Telefon. Das war das Motto des "Wunschkonzerts" im SDR Stuttgart, der heute im SWR aufgegangen ist, aber schon viele Jahre vorher das des Bayrischen Rundfunks, das ich einst mit Fred Rauch hörte. Da wurde in der ersten Stunde eher Volkstümliches und Operette gespielt, erst in der zweiten Stunde kam Erträglicheres, und man musste Wochen zuvor seinen Musikwunsch per Postkarte einsenden, der dann eigentlich nur gespielt wurde, wenn noch eine herzzereißende Geschichte daran hing, weil waschkörbeweise Musikwünsche eingingen.

Welch Gegensatz war der AFN, bei dem man direkt per Telefon den DJ im Studio anrufen konnte - und schon die nächste Platte, die gespielt wurde, war der eigene Wunschtitel. Das ging allerdings natürlich nur, weil eigentlich nur die US-Militärangehörigen dort anriefen. Ich allerdings auch, nachdem ich die Vorwahl für "Munich Military" herausbekommen hatte, die der DJ auf Sendung normalerweise wohlweislich nicht angab.

Doch es gab auch im drögen deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk Wunschsendungen, bei denen es mit Telefon und etwas schneller lief: Eben jene Wunschsendung des SDR.

Bei einer Besichtigung des Funkhauses Stuttgart mit FM Kompakt besichtigten wir neben der "grünen Hölle" des TV-Nachrichtenstudios und etlichen Radiostudios - die "Disco" genannt werden, wenn der Moderator auch die Musik selbst startet - auch das Schallarchiv. Das war natürlich der Ort, an dem es in der Wunschsendung "Sie wünschen, wir spielen" hektisch wurde - nach dem Anruf des Hörers musste die Aufnahme herausgesucht und schleunigst einige Stockwerke höher ins Studio gebracht werden. Schließlich ist so ein öffentlich-rechtliches Archiv doch etwas umfangreicher als das des AFN, auch wenn jenes immer noch Größenordnungen über den armseligen Playlists heutiger Privatradios lag.

Dieses Vorgehen ließ die Archivare wohl bald um Hilfe bei der Gewerkschaft bitten, wenn sie sich nach der Sendung wie nach einem Marathonlauf fühlten, und so wurde stattdessen die Platte gleich im Schallarchiv aufgelegt und abgespielt.

Das allerdings war koordinatorisch doch etwas herausfordernd und so landete schließlich der Ansager mit einem Mini-Studio im Keller im Archiv.

Ganz das Tempo des AFN erreichte man so nicht - erst die übernächste Platte konnte der Wunschtitel sein. Doch im Analogzeitalter war dies eine gute Leistung.

Heute reicht natürlich ein Mausklick im Studio, um jeden Titel aus dem Archiv zu spielen. Aber statt sich noch Titel im Radio zu wünschen und diese mitzuschneiden, klickt man sich heute auf Youtube durch...

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