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02.01.13

Sailfish OS: Warum Innovationen für Jollas neues System alleine nicht ausreichen

Die Nokia-Aussteiger Jolla haben eine Demo ihres neuen mobilen Systems Sailfish OS vorgeführt. Das bietet zwei echte Killerfeatures, aber es dürfte nicht reichen, um erfahrene iOS- und Android-Nutzer zu einem Wechsel zu bewegen. Die Finnen müssen auf Neukunden und Schwellenmärkte setzen.

Zunächst eine spannende Gründergeschichte: Ein Team von leitenden Nokia-Entwicklern wurmt, dass das Unternehmen das beliebte, jahrelang gepflegte System MeeGo einfach so aufgeben will. Also verlassen sie Nokia, gründen ein Startup namens Jolla und arbeiten dort an ihrem System weiter. Das nun " Sailfish OS " genannte System basiert auf der MeeGo-Version Harmattan und deren Ableger Mer und soll in diesem Jahr auf ersten Smartphones erscheinen. Vor allem in Asien will Jolla mit Sailfish OS durchstarten.

Im November stellte sich das Jolla-Team der Öffentlichkeit vor, die sympathische Hintergrundmusik habe ich immer noch im Ohr. Und den Kollegen von Engadget gab Jolla kürzlich einen Vorgeschmack auf das neue System. Darauf lohnt es sich in der Tat einmal einen Blick zu werfen. Ein Schnellcheck der Funktionen von Sailfish OS, demonstriert auf der Entwicklerhardware Nokia N950:

  • Im Sperrbildschirm gibt es Benachrichtigungen über verpasste Anrufe, Mails oder Statusupdates in Form von Symbolen. Zumindest in der Demo gab es jetzt keinen Hinweis darauf, ob auch die Zahl der jeweils eingegangenen Benachrichtigungen angezeigt wird.
  • Weitere Informationen wie Netzabdeckungen und Akku-Ladestatus lassen sich im Sperrbildschirm einblenden, indem man den Screen gedrückt hält und nach oben zieht. Zieht man nach unten, blendet das System Schnellstartlinks zu häufig genutzten Apps wie dem Telefon ein.
  • Navigation über Gesten statt über "Zurück"-Tasten: Will man etwa eine Hierarchie-Ebene zurückspringen, wischt man einfach von links nach rechts. Hält man gedrückt und wischt nach unten, kann man zu anderen Menüpunkten springen, etwa dem "Home"-Screen. Wischt man von rechts nach links und hält gedrückt, gibt es eine Art Vorschau auf bereits geöffnete Apps, ohne dass man die aktuell laufende App verlässt. (RIM bietet diese Möglichkeit auch für Blackberry 10 an.) Haptisches Feedback und Töne helfen bei der Navigation.
  • Im Multitasking-Screen werden geöffnete Apps nicht nur angezeigt, es soll sich in der Übersicht auch direkt damit arbeiten lassen, ohne die App zu öffnen. Mit der Miniaturansicht des Mediaplayers etwa lässt sich zum nächsten Song skippen oder die Musik anhalten.
  • Die Funktion "Ambiance" passt die Elementfarben des Systems einem ausgewählten Hintergrundbild an.
  • Der Mediaplayer sammelt verschiedene Apps wie Radio und Musikbibliothek in einem Hub.
  • Herzstück von Sailfish ist eine App-Übersicht, die stark an iOS und Android erinnert. Den noch vom MeeGo-Handy Nokia N9 bekannten "Endlosbildschirm" scheint es so nicht mehr zu geben.
    • Im Engadget-Video demonstriert ein Jolla-Entwickler die Funktionen:

      Sailfish punktet mit cleverer Gestensteuerung

      Die Steuerung allein über Gesten ist in der Tat etwas, was Android und iOS in der Form nicht haben. Die Navigation allerdings wirkt so simpel und intuitiv, dass Sailfish hier einen echten Pluspunkt verbuchen dürfte. Zumindest, wenn das System so funktioniert, wie im Video gezeigt. Es handelt sich dabei um eine frühe Version, die noch nicht einmal an Entwickler herausgegeben wurden - was nahe legt, dass bis zur Vollendung des Systems und dem Verkauf erster lauffähiger Endgeräte noch einige Wochen ins Land ziehen dürften. Immerhin: Es ist mehr als eine bloße Demo - die gezeigten Apps sind frühe Versionen funktionierender Anwendungen.

      Zwar besitzt Sailfish den Vorteil, dass Entwickler den Qt-Framework nutzen können. Dass man deswegen aber auch die Versionen generell beliebter Anwendungen in Hülle und Fülle erhält, ist fraglich. Und das bleibt der Knackpunkt eines jeden Systems. Android-Apps sollen auf Sailfish OS laufen können - was ein riesiger Vorteil ist. Allerdings ist die innovative Gestensteuerung für diese Apps hinfällig und die Geschwindigkeit soll leiden. Um die Vorzüge von Sailfish zu nutzen, müssten Apps auf Qt/QML portiert werden, wofür nicht viele Entwicklerschmieden Ressourcen bereitstellen dürften.

      Schwieriger Weg aus der Nische

      Das heißt nicht, dass für Sailfish OS kein Platz wäre und man satt abwinken sollte, weil man ja schon genug Betriebssysteme hat. Denn einige der innovativsten Funktionen stammen von eben jenen Nischensystemen. Sailfish punktet vor allem mit seiner cleveren Gestensteuerung und dem bedienbaren Multitasking-Screen. Trotzdem unwahrscheinlich, dass man Android- oder iOS-Nutzer allein damit zahlreich zu einem Wechsel bewegen kann. Wohl deswegen konzentriert sich Jolla hauptsächlich auf den asiatischen Raum und dortige Wachstumsmärkte. Neukunden, die sich ihr allererstes Smartphone kaufen, ist die Wahl des Ökosystems weniger wichtig. Hier lauert die Chance der "Kleinen".

      Und die Großen? Die schnappen sich viele dieser Funktionen. Einige von Harmattan bekannte Eigenschaften tauchen so oder so ähnlich etwa im neuen Blackberry 10 auf. Dass Sailfish OS deswegen jemals die Nische verlassen kann, halte ich angesichts der Marktmacht von Apple, Google, Microsoft und vielleicht noch RIM, Intel und Mozilla für wenig wahrscheinlich.

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