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10.07.14Kommentieren

Umsatzausfall

Programmierfehler legt Auktionsplattform lahm: Wenn der IT-Experte für Umsatzausfall geradestehen muss

ein Beitrag von Ralph Günther

Dieser Fall - und viele andere, die Versicherungsexperte Ralph Günther zusammen mit seinen Mitarbeitern bearbeitet - zeigen, wie schnell und unvorhersehbar es zu Schäden im Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit kommen kann. Um Freiberufler für das Thema Haftungsrisiken in der Praxis zu sensibilisieren, erklärt der Vermögensschadenexperte, worauf es bei Schadenfällen und deren Absicherung ankommt.

Funktionstüchtigkeit eingeschränkt - Umsatz ausgefallen

Es war eine gute Idee, die der findige Betreiber eines Auktionsportals da hatte: Die Auktionen sollten sich jeweils um fünf Minuten verlängern, würde innerhalb der letzten fünf Minuten vor Ende noch einmal geboten. So könnten sich die potentiellen Käufer unter Gebotsdruck noch ein wenig hochschaukeln und dadurch den Gewinn für den Betreiber steigern.                                                                                                                             

Auch die Umsetzung schien reibungslos zu laufen: Ein freiberuflicher IT-Experte war mit der Programmierung der Plattform inklusive "Fünf-Minuten-Funktion" beauftragt worden und setzte alles wunschgemäß um.                                                                                                                                                                         

An einem Tag, an dem besonders viele Auktionen innerhalb kurzer Zeit endeten, kam es jedoch zum Super-Gau: Sämtliche Auktionen wurden ohne erneute Verlängerung abgeschlossen, die Verlängerungsfunktion wollte schlicht und ergreifend nicht "mitspielen". Woran das lag, kann nur vermutet werden - möglicherweise war das System einfach überlastet.                                                                                                                                                                            

Der Grund für den Ausfall war für den Betreiber jedoch zweitrangig: Obwohl der Fehler relativ schnell behoben werden konnte, erlitt er einen Gewinnausfall in fünfstelliger Höhe. Und weil Software und Technik des Portals im Verantwortungsbereich des IT-Freiberuflers lag, nahm er diesen in Regress.

Haftungsrisiko von Freiberuflern: Für Fehler zur Kasse gebeten

Natürlich ist es legitim, dass der IT-Experte für den Schaden aufkommen muss, schließlich beruht der Schaden auf einer durch ihn ausgelösten Fehlfunktion. Dennoch ist in der Praxis eine immer höhere Anspruchshaltung der Auftraggeber gegenüber ihren Dienstleistern zu beobachten - was zu erheblich gestiegenen Haftungsrisiken und damit einhergehenden Schadenersatzforderungen führt.                                                                                                                                                                                                       

Für den Freiberufler handelte es sich bei der Summe geschätzt um zwei Jahreseinkommen. Hätte er das aus eigener Tasche bezahlen müssen, wäre er möglicherweise am Rande seiner Existenz gestanden. Deshalb ist es unabdingbar, sich als Dienstleister auch mit dem Ernstfall und seinen Folgen auseinanderzusetzen und Präventionsmaßnahmen zu treffen.                              

Dazu gehört beispielsweise, eine Berufshaftpflicht abzuschließen, die bei Schadenersatzforderungen Dritter einspringt und die Abwehr von ungerechtfertigten Ansprüchen übernimmt - beispielsweise eine IT-Haftpflichtversicherung. Natürlich sind einzelne Schäden nicht immer gleich im fünfstelligen Bereich angesiedelt, doch unvorhergesehene Kosten sind für Selbständige immer kritisch.

Haftungsausschluss durch AGB?

Um unerwartete Schäden zu vermeiden, versuchen IT-Freiberufler und Selbstständige immer wieder, ihre persönliche Haftung mit Hilfe von Ausschlüssen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu beschränken.                                                                                                                                                  

Die schlechte Nachricht: In den wenigsten Fällen ist das erfolgreich. Denn der komplette Ausschluss der Haftung in den AGB ist juristisch gesehen nicht möglich. Und auch die Begrenzung ist mit einigen Stolperfallen verbunden - besonders wenn es um grobe Fahrlässigkeit und wesentliche Vertragspflichten geht.                                                                                                                       

Das bedeutet konkret: Die AGB bieten in der beruflichen Praxis keinen ausdrücklichen Schutz vor Schadenersatzansprüchen Dritter. Verstößt der Freiberufler gegen seine Leistungspflicht - etwa indem die Leistung gar nicht oder nur schlecht erbracht wird - kann er meistens haftbar gemacht werden.

Achtung: Einige Versicherer halten sich Hintertürchen offen

Aber nicht nur IT-Experten versuchen, ihre Haftung durch Ausschlüsse zu begrenzen - auch einige IT-Haftpflichtversicherer tun das. Mit einem kleinen, aber bedeutenden Unterschied: Sie sind damit meistens erfolgreich. Die unliebsamen Ausschlüsse verstecken sich beispielsweise hinter der "Stand der Technik-Klausel" oder der "Experimentier- und Erprobungsklausel" in den Bedingungen der Berufshaftpflicht.                                                                                                                                                                                                      

Die Stand der Technik-Klausel ermöglicht es dem Berufshaftpflichtversicherer, seine Leistung im Schadenfall davon abhängig zu machen, ob die Hard-, Software und Arbeitsweise des Versicherungsnehmers dem Stand der Technik entspricht. Tut sie das nicht, kann er die Zahlung verweigern. Problematisch ist dabei der große Interpretationsspielraum des Begriffs.                                                                                                                                                                            

Gleiches gilt auch für die Experimentier- und Erprobungsklausel. Für den IT-Bereich ist diese besonders bedeutsam, denn Programme und Funktionen, die wegen eines Fehlers des IT-Experten einen Schaden verursachen, müssen nachweislich ausreichend erprobt worden sein, bevor sie in Umlauf gebracht wurden. Was dabei "ausreichend" ist, liegt im Zweifelsfalle im Ermessen des Versicherers.                                                                                                             

Da am Versicherungsmarkt mittlerweile sehr gute, aber auch noch einige eingeschränkte Versicherungsbedingungen angeboten werden, ist es vor Abschluss einer IT-Haftpflichtversicherung enorm wichtig, neben dem Preis auch darauf zu achten, dass solche Klauseln nicht in den Versicherungsbedingungen vorkommen. Sonst kann es passieren, dass der der IT-Experte im Schadenfall trotz Versicherung im Regen steht.

Was eine Berufshaftpflicht können muss - Checkliste

Auch abgesehen von den Klauseln gibt es einige Aspekte, die bei der Wahl der Berufshaftpflicht beachtet werden müssen. Da der Schutz ja möglichst umfassend sein soll, sind folgende Kriterien unbedingt zu empfehlen:

- Offene Deckung


Eine offene Formulierung der versicherten Tätigkeiten sollte stets der detaillierten Auflistung (Katalogdeckung) vorgezogen werden. Nur dann sind alle Tätigkeiten im IT- und Telekommunikationsbereich automatisch versichert. Das ist besonders hilfreich, wenn Sie Ihr Angebot verändern wollen. Auch überschneidende Tätigkeiten, z.B. aus dem Medien- oder dem Beratungsfeld mit Ihrem IT-Business, sollten mitversichert sein.

- Schutzrechte Dritter


Datenschutzrechtsverletzungen sind im IT-Bereich häufig zu finden und können teuer werden. Aber auch Verstöße gegen Urheber-, Lizenz-, Marken-, Namens-, Persönlichkeits- und Wettbewerbsrecht reißen im Ernstfall ein gewaltiges Loch in die Kasse. Deshalb ist darauf zu achten, dass Rechtsverletzungen umfassend abgesichert sind - und die Berufshaftpflicht auch bei grober Fahrlässigkeit einspringt. Eine vorherige Prüfung aller Leistungen durch Fachanwälte sollte keine Bedingung für den Schutz sein - in der Realität ist das nämlich kaum möglich.

- Veröffentlichungsrisiken


Wer Waren im Internet anbietet oder seine Dienstleistungen im Web anpreist, läuft Gefahr, durch seine Veröffentlichungen gegen Schutzrechte zu verstoßen. Deshalb sollten nicht nur die Dienstleistungen direkt, sondern auch die Veröffentlichung von Inhalten für eigene Produkte und Leistungen versichert sein.

- Weltweiter Versicherungsschutz


Da das WWW global verfügbar ist und nicht auf ein Land begrenzt werden kann, können auch Schadenersatzforderungen aus anderen Ländern geltend gemacht werden. Begrenzter Versicherungsschutz macht deshalb im IT-Bereich wenig Sinn. Die IT-Haftpflicht sollte folglich auch Schadenersatzansprüche versichern, die vor ausländischen Gerichten geltend gemacht werden oder auf der Verletzung des Rechts dieser Staaten beruhen.

- Erfüllungsfolgeschäden


Ein Fehler im IT-Bereich kann schnell dazu führen, dass der Kunde seine Geschäftstätigkeit nur eingeschränkt fortsetzen kann und ihm deshalb Umsatzausfall entsteht. Weiterhin kann es durch die möglichst zügige Wiederherstellung der Systeme und die Aufrechterhaltung des Betriebs zu Mehrkosten kommen. Solche sogenannten Erfüllungsfolgeschäden - zu denen auch die Leistungsverzögerung gehört - sollten von der Versicherung umfasst sein.

- Vertragliche Haftung


Auftraggeber versuchen verstärkt, Haftung auf Dienstleister abzuwälzen. Da dies nicht immer verhindert werden kann und zusätzlich hohe Vertragsstrafen bei Verstößen gegen Datenschutz- und Geheimhaltungsvereinbarungen fällig werden können, sollte der Versicherer auch solche Ansprüche absichern, die über die gesetzliche Haftung hinausgehen.

- Eigenschäden


Je nach Geschäftsmodell und Bedürfnis kann die Absicherung bestimmter Eigenschäden sinnvoll sein. Inzwischen gibt es spezielle Leistungserweiterung zur Absicherung von vergeblichen Aufwendungen durch den Rücktritt des Auftraggebers vom Auftrag auf Werkvertragsbasis (Return of Project Costs), ausstehenden Honoraren nach einer außerordentlichen Kündigung des Dienstvertrages (Zusatzschutz für ProjektverträgeZ), Eigenschäden durch Hackerangriffe oder sonstige Internet-Kriminalität (Datenschutz- & Cyber-Eigenschaden-Deckung), sowie die persönliche Haftung (Organhaftung) als Geschäftsführer einer Kapitalgesellschafft (D&O Versicherung).                                                                                                                                                                 

Autor: Ralph Günther

Versicherungsexperte und Gründer
Website des Autors
Ralph Günther

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