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23.07.13

Pro & Contra: Ubuntu Edge – Smartphone zwischen Mut und Größenwahn

Mit dem Ubuntu Edge Smartphone hat Canonical eine Menge Staub aufgewirbelt. Auf Indiegogo hat das Projekt bereits sage und schreibe 3,5 Millionen US-Dollar versammelt. 32 Millionen müssen es noch werden, damit das "Über-Smartphone" Wirklichkeit wird. Aber ist das nun ein Zeichen von Mut oder schlicht von Größenwahn? In einem spontanen Pro & Contra schreiben Ricarda und Jan ihr Sicht der Dinge.

Ubuntu Edge

Pro: Ricarda Riechert

Mit dem Ubuntu Edge hat Canonical, die Firma hinter Ubuntu, ein mutiges Smartphone-Konzept vorgestellt.

Ganz nach dem Prinzip "Man nehme das derzeit beste Smartphone und verdoppele RAM, Speicher und baue dann noch den besten Prozessor ein", trifft man den Nerv der User. "Es ist ein Konzept", "Es kommt erst nächstes Jahr im Mai" - all das sind gute Argumente, das Edge kritisch zu sehen, doch das Edge wird nicht in den freien Handel kommen, muss sich der Konkurrenz im Mai also gar nicht stellen.

Die einzigen Konkurrenten, denen sich das Edge heute stellen müsste, sind die fiktiven Modelle der Hersteller im nächsten Jahr und in diesem Vergleich hat Canonical die besseren Argumente. 31 Tage hat der Käufer Zeit, ein Modell vorzubestellen. Diese 31 Tage finden jetzt statt - nicht im Mai, wenn die Konkurrenz so weit ist. Wer sich jetzt ein Ubuntu Edge kauft, ist als potentieller Käufer für die Konkurrenz raus.

Aber selbst die 39.118 Kunden, die Canonical mindestens gewinnen muss (5.000 Vorbesteller plus 34.118 reguläre Kunden, damit die 32 Millionen voll werden) würden einer Firma wie Samsung, die nur noch in Millionenschritten zählt, nicht weh tun.

Das Ubuntu Edge darf man als Wegweiser sehen. Wegweiser in einer Technikwelt, in der uns ein Octo-Core-Prozessor als Neuerung verkauft wird, obwohl es sich dabei eigentlich nur um zwei abwechselnd laufende Quad-Core-Prozessoren handelt.

Ein Wegweiser auch für Smartphone-Hersteller, deren Designs entweder mit jedem Modell gleich aussehen oder direkt aus Cupertino abgekupfert wurden - oder beides.

Das Ubuntu Edge ist die kleine Mücke, die Smartphone-Hersteller ab heute surren hören werden, wenn sie in einer lauen Sommernacht versuchen einzuschlafen. Spielen wir dieses "Was wäre wenn?"-Spielchen doch einmal weiter. Was wäre, wenn die Hersteller auch im Mai schlechter sind, als das Edge?

Ubuntu hat die Erwartungen hochgesteckt. Die können die anderen Hersteller entweder erfüllen oder enttäuschen. Die Auflösung gibt es dann im Mai.

Ubuntu Edge

Contra: Jan Tißler

Meine Güte, da hat Canonical ja etwas angerichtet: Sage und schreib 32 Millionen US-Dollar sollen via Indiegogo zusammenkommen und dafür versprechen sie ein Smartphone, das Gadgetfeinschmeckern das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

Elegantes Design, High-End-Hardware der nächsten Generation, dazu Android und Ubuntu – alles zum hohen, aber durchaus angemessenen Preis von 850 US-Dollar. Klingt einfach zu schön, um wahr zu sein.

Immerhin: Es ist Canonical, die sich hier der Öffentlichkeit stellen und bittend die Hand aufhalten. Es ist kein Betrüger auf Dummenfang. Es ist keine Garagenfirma im Größenwahn.

Obwohl: So ein bisschen Größenwahn schwingt da für mich schon mit. Und ehrlich: Ich bin enorm skeptisch, was dieses Smartphone angeht. Canonical hat im Prinzip nicht mehr als ein Vision inklusive Datenblatt. Aber etwas anzukündigen, ist keine Kunst. Die große Kunst ist, solche Pläne auch umzusetzen und das gar noch pünktlich. Das ist eine Sache, an der schon andere grandios gescheitert sind. Zum Thema Vaporware kommt mir da der "deutsche Kindle" txtr reader in den Sinn, der mit seinem offenen Ansatz im Vorfeld viele begeisterte. Dann traten Schwierigkeiten bei der Massenproduktion auf, der Liefertermin verzögerte sich immer weiter und am Ende löste sich alles in Luft auf. Die mit Kickstarter-Millionen vorab überhäufte Smartwatch Pebble verspätete sich ebenfalls mehrmals, aber sie ist aber immerhin erschienen. Apple konnte die weiße Version seines iPhone 4 nur mit erheblicher Verspätung liefern und das obwohl Steve Jobs damals noch am Ruder war, der ja von manchen als unfehlbar vergöttert wird. HTC hatte Schwierigkeiten, sein nagelneues One überhaupt produzieren zu lassen, weil sie bei den Zulieferern in die zweite Liga abgerutscht waren.

Lange Gesichter gab es dann immer mal wieder, wenn das Produkt in der Praxis einfach nicht halten wollte, was einst versprochen war. Denn auch wenn heute viele Standardkomponenten im Umlauf sind, liegt die Tücke im Detail.

Mich reizt das Ubuntu Edge enorm. Ich mag den Open-Source-Ansatz. Ich mag, dass die Smartphone-Industrie aufgerüttelt wird. Ich mag, dass die Kunden via Indiegogo von Anfang an dabei sind.

Aber wenn man mich fragt, ob ich deshalb 850 US-Dollar vorschieße, muss ich klar sagen: Nein. Bis zum Mai 2014 sind es noch neun Monate. In der Zeit werden die Samsungs, HTCs, Motorolas, Apples dieser Welt ihre nächsten Generationen herausgebracht oder angekündigt haben. Und dann werden die heute überragenden Eckdaten des Ubuntu Edge nicht mehr so beeindruckend aussehen.

Und wer weiß, ob es überhaupt im Jahr 2014 erscheint.

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