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15.02.11

Nokiasoft: Der logische Schritt

Nokia-Mobiltelefone mit Microsoft-Betriebssystem ergeben durchaus Sinn. Nüchtern betrachtet kommen tatsächlich Qualitäten zusammen, die genau am richtigen Ort liegen.

Von Philip Hetjens, CTO des neuerdings.com-Verlags Blogwerk

Seit 2008 bin ich überzeugter iPhone-Nutzer. Begonnen habe ich damals mit dem iPhone 2G und jetzt inzwischen bin ich mit dem iPhone 4 unterwegs, der Kauf des 5ers war schon fest eingeplant für Juni. Auch vor dem iPhone war Nokia immer ein no-go für mich. Ich war (Sony) Ericsson-Fanboy. Inzwischen aber hat sich das Blatt gewendet.

Nokia: Top Hardware

Nokias Schwachstelle war für mich immer die Software: nicht wirklich intuitiv und hässlich. Auf der anderen Seite erinnere ich mich an viele Nokia-Phones, die problemlos vier oder mehr Jahre gehalten haben. Ganz im Gegensatz dazu meine Sony Ericsson Handys, bei denen die Kontakte des Ladegeräts schon mehrmals nach anderthalb Jahren keinen Verbindung mehr zu Handy gefunden haben.

Wenn man sich das mal vor Augen führt - gute Hardware, schlechte Software - ist es logisch, eine neue Software zu suchen statt die alte Schwäche weiter zu führen. Und da hatte Nokia drei Alternativen:

  • MeeGo: Da haben wir allen nochmal Glück gehabt, dass sie sich nicht für dieses vermutlich schwerfällige Linux entschieden haben.
  • Android: Willkommen in der Open-Source-Suppe. Willkommen als einer unter den vielen Samsungs, HTCs und Motorolas dieser Welt. Da gibt es kaum Differenzierungsmöglichkeit. Ganz im Gegenteil, wenn man sich differenziert, also nicht das Standard Android verwendet, nerven einen die Poweruser, bis man ein Update bereitstellt.
  • Microsoft: Aha! Da gibt es ein System, dass noch nicht so verbreitet ist, weil es neu ist, weil es für den Handyproduzenten nicht kostenlos ist, weil es angeblich niemand will. Aber Nokia würde eine privilegierte Partnerschaft eingehen, wodurch das System möglicherweise für Wettbewerber uninteressanter wird, kann (etwas) Einfluss auf die Entwicklung nehmen und die Macht von Microsoft gibt es obendrauf.

Auf der anderen Seite steht dieser seit mindesten 25 Jahren gehasste, aber immer noch existente Koloss mit rund 41 Mrd. USD «Barreserven» auf dem Konto (von denen Nokia jetzt auch noch was abkriegt ).

Denken wir mal 15 Jahre zurück. Das Web war sozusagen gerade in den Kindergarten gekommen. Es gab den Netscape Navigator (*hust*), und niemand wollte diesen neuen "Internet Explorer".

Vier Jahre später hatte der Internet Explorer 90% Marktanteil. Einzelfall? Nein. Auch die Xbox war ursprünglich nicht ganz so erfolgreich, aber zeigt ein ähnliches Vorgehen: Wer wollte in Zeiten von PSone und Nintendo wirklich eine Xbox?

Heute ist Microsoft mit der Xbox sehr erfolgreich - nicht nur dank der Kinect-Erweiterung.

Microsoft war nie von der schnellen Truppe, aber wenn sie sich was in den Kopf gesetzt haben, dann haben sie die Möglichkeiten, das durchzusetzen, und nutzen sie auch. Natürlich gibt es auch Beispiele, wo Microsoft nicht erfolgreich war, aber Dinge, die sie ernsthaft auf Dauer vorantreiben, haben sich bis jetzt immer irgendwann durchgesetzt.

Dazu kommt, dass man nicht behaupten könnte, dass Microsoft nicht wisse, wie man gute Betriebssysteme baut. Ob einem die Oberfläche gefällt oder nicht, unten drin ist es vermutlich aufgeräumter als bei allen anderen. Denn Microsoft hat für den Lernprozess im letzten Jahrzehnt mit schwerwiegenden Lücken in Windows XP und Windows Vista teuer bezahlt. Warten wir mal ab, ob Apple entsprechende Massnahmen in MacOS getroffen hat, und ob es in ein Paar Jahren immer noch so cool ist wie heute.

Ich gehe auch davon aus, dass sich das Problem mit den fehlenden Apps im "Nokiasoft-Ökosystem" mittelfristig erledigt - Microsoft weiss seit Jahrzenten, wie man Entwickler glücklich macht. Visual Studio ist de facto eine der besten IDEs, und die Dokumentation war schon immer ausgezeichnet. Das macht Entwickler einfach "an", und es wird viele Apps von privat- und Freelancer-Entwickler geben, die einfach drauflos programmieren, Markt hin oder her. Und die grossen Unternehmen, welche die wirklich notwendigen Apps bereitstellen müssen, werden einfach bestochen dafür bezahlt. Kein Problem mit dieser prallen Kriegskasse.

Und all die andern?

Dieses ganze Vorhaben wird von einer dritten Gruppe sogar unterstützt, die wir bis jetzt aussen vorgelassen haben: Die Carrier.

Die mögen Apple nämlich nicht wirklich. Apple diktiert ihnen Preise. Will an jeder Gesprächsminute mitverdienen. Hat Steve. Und nervt einfach.

Android mit seinem agilen Entwicklungsprozess und allen drei Monaten Updates over-the-air kostet auch nur. Hat Google. Und nervt ebenso.

Dann gibt es ja noch Black… Ach, auch nicht wirklich relevant. Was bringen die demnächst noch mal raus? Den Playboy? Für die Carrier, die seit der ersten Stunde mit Nokia zusammenarbeiten, gibt es nichts Besseres als einen guten, alten, möglicherweise besten Freund wieder gestärkt an der Seite zu haben. So können sie zeigen, wie sie sich ihr Geschäft vorstellen. Vodafone, T-Mobile, NTT Docomo und Konsorten werden die Geräte in Europa und Japan schon pushen, da brauchen die beiden neuen Partner keine Angst haben.

Fazit

In einem Jahr werden wir mehr wissen. Ich gehe aber stark davon aus, dass diese neue Allianz ein Erfolg für alle sein wird. Nicht nur Nokia und Microsoft werden profitieren, sondern auch der Verbraucher, der mehr ernsthafte Auswahl bekommt.

Und im Gegensatz zu Apple brauchen Microsoft und Nokia keine Fanboys dafür, sondern können durchaus mit Qualität überzeugen, wie in guten alten Zeiten.

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