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17.12.12

Nokia Lumia 920 im Test: Windows-Phone-Held mit Kinderkrankheiten

Nokia hat die Wende eingeleitet, auch Microsofts Neustart genutzt und das wahrscheinlich beste Windows Phone vorgestellt, das es aktuell zu kaufen gibt. Einem iPhone oder Galaxy SIII tritt das Lumia 920 auf Augenhöhe gegenüber. Einige Kinderkrankheiten, das Gewicht und der erstaunlich hohe Preis setzen die Minuspunkte.

Groß, schwer, leistungsstark: Lumia 920

Farben! Bunte Gehäuse scheinen aus irgendeinem Grund Modetrend dieses Spätherbstes für Windows Phones zu sein. Nokia bringt Smartphones in diversen Farben heraus, HTC auch. Das rote Testgerät des Lumia 920, das ich von Nokia erhielt, gefiel mir auch optisch eigentlich ganz gut. Für wichtig hielt ich den Farbtrend nicht, für ein Kaufargument auch nicht. Dann allerdings passierte mir tatsächlich, was auch andere Tester berichten: es interessiert die Leute. Abends in einer illustren Runde mit Freunden wurde ich mehrfach etwas gefragt wie: "Jürgen, was hast du da für ein Handy? Warum ist das rot? Und darf ich das jetzt auch mal halten?" Eine Farbe als Kaufargument? Zumindest sorgt es für Aufmerksamkeit. Das hat mich gewundert. Auch insgesamt ziehe ich beim Lumia 920 ein positives Fazit, aber einige der Bugs und Unstimmigkeiten haben mich überrascht.

Mein erstes Testgerät musste ausgetauscht werden, weil ich mich damit nicht mit einer Microsoft Live-ID anmelden konnte. Zwei Tage lang erhielt ich immer wieder die Nachricht, der Store sei derzeit nicht verfügbar. Als der Akku sich in den Stromsparmodus schalten wollte, sollte ich plötzlich dazu meine PIN eingeben. Es ist schwer herauszufinden, wer daran jetzt die Schuld trägt - Microsoft oder Nokia. Allerdings traten weitere erstaunliche Fehler auf. Mitten am Tag wurde ich gebeten, meine SIM-Karte zu entsperren - war ich Opfer des Reboot-Bugs geworden?

Mehrfach schaltete sich das WLAN von selbst aus, Daten wurden dann über den mobilen Volumenvertrag abgerufen. Selbst wenn WLAN aktiviert war, kam es zu Weilen vor, dass das Lumia bei mir zu Hause keine Netzwerke suchen wollte. Gemäß der Grundeinstellungen wollte das Lumia 920 bei mir unterwegs partout keine mobilen Daten empfangen. Erst nach ein wenig Tüfteln fand ich des Rätsels Lösung: Das Telefon ist von Haus aus auf das stärkstmögliche Netz eingebucht (4G), mein Vertrag unterstützt aber maximal 3G/HSPA+. Das Lumia erkennt das nicht von selbst und ruft damit unterwegs keine Daten ab, es sei denn, man passt dies in den Einstellungen von Hand an (worauf man erst einmal kommen muss).

Wiederherstellung nicht zu Ende gedacht

Als besonders ärgerlich hat sich diese Fehlfunktion bei der Einrichtung des Geräts erwiesen. Weil keine Datenverbindung zustande kommen konnte, war es mir nicht möglich, die eigentlich gut gemeinte Wiederherstellung aus der Cloud zu nutzen. Mir unverständlich, warum die Wiederherstellung nur über mobile Daten und nicht über WLAN funktionieren soll. Ein späteres Aufrufen der Funktion war nicht möglich.

All dies sind kleine Fehler, die das Nutzererlebnis nicht wesentlich beeinträchtigen. Trotzdem sei hier darauf hingewiesen, gerade weil sich dabei der Verdacht aufdrängt, dass das System in Eile auf den Markt gebracht und dabei eine Testebene übersprungen wurde. Inzwischen sind die ersten Updates von Nokia und auch Microsoft angekündigt, in denen diese Kinderkrankheiten hoffentlich kuriert werden.

Akku muss erst "gezähmt" werden

Den Akku muss ich nach zwei Wochen des Testens als unberechenbar einstufen. Die Akkulaufzeit erhöhte sich in der Tat, nachdem ich das Telefon einige Male auf- und wieder entladen hatte. Es kam dann vor, dass das Lumia bei nicht all zu reger Nutzung auch zwei Tage durchhielt, und dann wieder einen Nachmittag, an dem ein zu 70 Prozent geladener Akku sich plötzlich binnen zwei Stunden unkontrolliert entleerte. Je länger ich das Gerät in Betrieb hatte, desto zuverlässiger arbeitete der Akku. Einen Arbeitstag lang kam ich bei häufiger Nutzung in den meisten Fällen hin.

Und dann hat mich das Lumia 920 vielfach positiv überrascht. Eines Abends saß ich mit Freunden in einer verwinkelten Kneipe. Während meine Freunde mit ihren Smartphones nur schwerlich eine Verbindung aufbauen konnten, zeigte mein Testgerät gar noch HSPA+ an. Ich lud binnen Sekunden die App Shazam herunter und identifizierte den Song, der gerade gespielt wurde. Mit anderen Phones hatte ich das beim gleichen Netzanbieter zumindest in der Kneipe nie geschafft. Das spricht für einen guten Empfang.

Sehr lichtstarke Kamera

Die Bedienung mit dem Handschuh habe ich ob des kalten Winterwetters mehrfach erfolgreich ausprobiert. Erwarten sollte man dort allerdings nicht zu viel: Mit Fingerhandschuhen aus Leder schafft man es, den Sperrbildschirm zu öffnen und eine App zu starten. Das Tippen einer Nachricht ist damit so gut wie unmöglich.

Die Kamera ist zweifellos die bei schlechten Lichtverhältnissen derzeit lichtstärkste auf dem Markt. Wer die Eigenschaft für überflüssig hält, der hat in den letzten Tagen nicht aus dem Fenster geschaut oder je versucht, auf dem schwach beleuchteten Weihnachtsmarkt abends ohne Blitz ein Gruppenfoto aufzunehmen. Für letzteres eignet sich übrigens auch der Smart Shoot sehr gut, der in schneller Folge mehrere Fotos direkt hintereinander aufnimmt und den Benutzer das Beste auswählen lässt. Das ist allerdings eine Funktion, die man in ähnlicher Form auch in anderen Smartphones vorfindet.

Nokias PureView-Technik, die die Bilder bei schlechten Lichtverhältnissen aufnimmt, ist allerdings mit einem kleinen Nachteil erkauft. Man muss die Kamera recht lange ruhig halten. Das eingebaute LED-Licht leuchtet das Objekt vorher aus. Personen, die ich damit aufnahm, beschwerten sich über das lang anhaltende grelle Licht und die gefühlt lange Dauer der Aufnahme - wobei ich kein Smartphone kenne, das da wesentlich schneller wäre, noch dazu mit vergleichbarem Ergebnis.

Beim Thema Verarbeitung, Handhabung und Leistung konnte ich wenig Negatives feststellen:

  • Das Gehäuse ist sehr gut verarbeitet, der abgerundete Screen fließt bis auf eine kleine Rille fast mit dem Plastikrücken zusammen. Die physischen Tasten (Ein/Aus, Lauter/Leiser) sind stabil und schließen mit dem Gehäuse ab. Es gibt fast nichts, was irgendwie klapprig oder halbherzig entworfen wäre.
  • Einzige Ausnahme: Der Öffnungsmechnismus der SIM-Karten-Schublade an der Oberseite des Lumia erforderte ein wenig Geschick. Ohrmuschel und SIM-Karten-Schublade erwiesen sich als recht starke Staubmagneten.
  • Es ist vielleicht nichts, was man täglich tut, aber tauscht man die SIM-Karte oder reinigt nur ihre Schublade, erkennt das laufende System die Karte danach nicht mehr. Man muss das Lumia zwangweise neu starten.
  • Die automatische Display-Helligkeit reagiert etwas behäbig.
  • Auch wenn es gut in der Hand liegt, empfand ich das Lumia 920 als recht schwer. Die Mehrheit der zahlreichen Tester, die es einmal in die Hand nehmen wollten, urteilten ähnlich. Ich denke, das Gewicht ist noch im Rahmen und tut der Nutzerfreundlichkeit kaum einen Abbruch. Dennoch fällt das auf.

Der aufmerksame Leser wird festgestellt haben, dass ich hier Kleinigkeiten bemängele. Gravierende Macken oder deutliche Nachteile habe ich nicht gefunden.

Ein paar Worte zu Windows Phone 8

Groß auf Microsofts neues System einzugehen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Kurz sei aber dazu gesagt: Bis auf augenscheinliche Fehlerchen, mit denen man leben kann, ist die Weiterentwicklung im Vergleich zu Windows Phone 7 durchaus spürbar. Die stärkere Anpassbarkeit des Homescreens mit kleineren Kacheln ist in der Tat das, was Windows Phone noch gefehlt hat. Ein weiterer Pluspunkt ist das deutlich bessere Multitasking im Vergleich zur Vorversion. Mehrere Apps lassen sich gleichzeitig öffnen und laufen im Hintergrund stabiler.

Eine App, die man aus dem Homescreen öffnet, startet nicht automatisch neu, sondern kann per Definition durch den Entwickler an den letzten Speicherpunkt springen. Das funktionierte bei Apps wie WhatsApp nicht immer gut. Auch versagte etwa die automatische Push-Benachrichtigung der neuen Facebook-App, als ich sie lediglich für persönliche Nachrichten aktivierte. Auch die App-Frage scheint sich zunehmend zu entspannen. Ob Twitter, Facebook, Evernote, DB Navigator, Shazam, Nextgen Reader (für RSS): Zumindest die wichtigsten Apps, die ich täglich nutze, fand ich vor. Für fast alles andere gibt es guten Ersatz.

Fazit

Das Nokia Lumia 920 ist ein Highend-Smartphone mit kaum nennenswerten Schwächen. Es schlägt die Spitzenmodelle anderer Hersteller sogar in einigen Punkten wie Kamera, Bildschirm, Verarbeitung und Reaktionsgeschwindigkeit. Die Bedienung des Touchscreens mit Handschuhen und die PureView-Technik sind recht einzigartig, das kabelloses Aufladen in keinem mir bekannten Smartphone außer dem Nexus 4 zu finden. Wer zwingend ein Haar in der Suppe sucht, wird es im hohen Gewicht finden. Die Formfaktoren und das Plastikdesign sind Geschmackssache.

Die Andersartigkeit von Windows Phone lasse ich mittlerweile nicht mehr als Minuspunkt gelten. Auch Android und iOS haben Bugs und ihre eigenen Nachteile. Jedes System hat exklusive Apps, während andere fehlen. Mit den kleineren Kacheln lässt sich Windows Phone 8 filigraner einstellen und personalisieren; die Bedienung ist einfach. Schnellschüsse wie "nicht intuitiv bedienbar", "rückständig" oder "gewollt innovativ" kann man getrost ins Reich der Fabeln verweisen. Dass ich mich allerdings zwei Tage lang nicht mit meiner Live-ID im Store anmelden konnte oder Xbox Music meine Kreditkarte nicht akzeptieren wollte, kreide ich Microsoft als Nachlässigkeit an.

Persönliches Urteil

Wie immer am Schluss die Frage: Würde ich mir das Lumia 920 selbst kaufen? Antwort: Nein, denn mir ist es zu schwer, zu groß und auch zu teuer. Im Netz ab etwa 650 Euro zu bekommen, gehen die Preise je nach Farbe bei Amazon derzeit hinauf bis 770 Euro. Mehr als 400 Euro würde ich für ein Smartphone nicht ausgeben wollen, weswegen ich eher nach einem Nexus 4 oder RAZR i schaue. Gefallen hat mir am Lumia 920 aber besonders die lichtstarke Kamera - ein Feature, bei dem die Konkurrenz versuchen wird, es nachzubauen. Nokia als Vorreiter einer Technik: Das war lange nicht mehr der Fall.

Disclaimer: Nokia hat mir das Lumia 920 für diesen Test zwei Wochen lang zur Verfügung gestellt. Ein erstes Gerät wurde aufgrund einiger Fehler gegen ein besser funktionierendes ausgetauscht. Ferner habe ich von Nokia für ein Jahr ein Lumia 800 für einen Dauertest von Windows Phone 7 zur Verfügung gestellt bekommen.

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