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16.11.11

Nokia Lumia 800 im Test (3/5): Was Mangos so alles können..

Um zu verstehen, wieso Smartphone-Einsteiger die Zielgruppe für das Nokia Lumia 800 sein sollen, hilft nur ein Blick ins Betriebssystem. Einen solchen wagen wir im dritten Teil dieses Tests.

 

Windows Phone 7 (WP 7) ist ja ein Früchtchen. Keine Sorge, keine Banane - «reift beim Kunden» –, sondern eine Mango: «Süss, kräftig im Abgang und unwiderstehlich»? Zumindest beim letzten Punkt sollten wir noch einmal nachhaken.

Der Startbildschirm

Drücken und ziehen lautet die Devise: Erst die Entsperrtaste drücken, dann den Bildschirmschoner nach oben ziehen, um den Startbildschirm mit seinen Kacheln freizulegen. Der Startbildschirm zeigt Verknüpfungen zu Programmen und Programmuntermenüs, Vorschaubilder von URLs im Internet oder Office-Dateien. Ein langer Druck auf die Kachel lässt sie quasi im Raum schweben, was signalisiert, dass man sie nun an eine beliebige Stelle auf dem Startbildschirm schieben kann. Trotz meiner geschickten Finger, scrollt der Bildschirm häufiger hoch oder runter, statt mir den gewünschten Ort zu fixieren. Ins Programm-Menü gelangt man, indem man entweder auf einen kleinen weissen Pfeil am rechten oberen Bildschirmrand tippt oder mit dem Finger nach Links über das Display wischt. Die restlichen Mitbewerber halten es ähnlich, entweder das Programm-Menü ist schon die Startseite (iOS, Android und Blackberry) oder wird per virtuellem Tastendruck aufgerufen (Symbian).

 

Ist das Smartphone gesperrt, erhält man direkten Zugriff auf den Audioplayer, beziehungsweise startet die Kamera (mit Zugriff auf die Bildergalerie) mit längerem Druck auf die Kamerataste. Wenn ein Unlock-Code gesetzt wurde, ist die die Bildergalerie nicht einsehbar. Tolle Idee - hat da jemand von iOS abgeschaut? Es finden sich durchaus einige Anleihen, wie das Ziehen um den Ausschalt-Prozess zu bestätigen oder die Unterhaltungsansicht für SMS-Duskussionen – die wir schon seit Jahren aus Chatanwendungen kennen. Von plumpem «Abkupfern» würde ich trotzdem nicht sprechen, wohl aber von einer Verbesserung eines bewährten und guten Bedienkonzeptes.

Das Menü

Aufgeräumt zeigt sich das Programmmenü in alphabetischer Reihenfolge. Verändert werden kann hier nichts. Überschreitet die Anzahl installierter Programme einen bestimmten Wert, so erscheint links, farbig abgehoben das Alphabet für direkten Zugriff auf Programme, deren Name mit dem entsprechenden Buchstaben beginnen. Bis auf einige Ausnahmen sind alle Icons zweifarbig, mit klar verständlichen Symbolen; wenn das Symbol dann doch mal zu abstrakt geworden ist, hilft die Beschriftung der Icons weiter. Themenordner (Spiele, Office, et cetera) können nicht erstellt werden. Das alles soll der Startbildschirm richten, indem man seine Programme an selbigen anheftet. Das kann allerdings schnell mühsam werden: Icon lange drücken, «Auf Startseite» antippen und die Ansicht wechselt auf den Startbildschirm. Dann wieder zurück und das nächste durchgemacht.

Bis auf Symbian setzt neben WP 7 kein anderes mobiles OS eine solche Listenstruktur ein. Unweigerlich steht die Frage im Raum: Wieso eigentlich? Ist es zu umständlich oder hat das nur Designgründe? Eine schnellere Bedienung erlaubt die Liste nicht, aber sie erleichtert den Einstieg für Unwissende.

Musik und Videos

Der MP3-Player vermag nicht ganz zu überzeugen. Zwar sieht alles elegant aus, aber die Bedienung ist etwas verwirrlich und nur zu leicht verirrt sich ein User in immer tiefergehenden Menüs. Kehrt man später zurück zum Musikplayer, wird der aktuell abgespielte Song als erstes angezeigt. Ein Druck auf das Noten-Icon führt allerdings dazu, dass man das aktuelle Lied unterbricht und ein anderes MP3-File abspielt - das ist nicht gerade intuitiv. Andererseits ist mit zwei Klicks der Lieblingssong oder die Lieblingsplaylist auf dem Startbildschirm verankert, was schlicht grossartig ist. Dann wiederum fehlen noch immer Standardfunktionen: Vorspulen ist nur durch Antippen der virtuellen Knöpfe möglich; den Regler der Zeitleiste zum Vorspulen eines Songs nutzen? Geht nicht. Auch Podcasts müssen erstmalig über die Zune-Software übertragen werden.

Bei der GUI hapert es ebenfalls: Manche Album-Cover werden nicht angezeigt. Viele Musikliebhaber betten die Cover nicht in die einzelnen MP3-Dateien ein, sondern legen Ordner für Alben an und kopieren das Cover in den Ordner. Damit gilt das Bild für alle darin enthaltenen Dateien, beim Übertragen der Musik auf ein WP 7 mit der Zunesoftware bleibt dies jedoch manchmal unberücksichtigt. Die Folge: All die vielen Titel zeigen ein graues Kästchen an. iTunes macht das besser. Ebenso Blackberries, diese können nämlich direkt über den USB-Port mit Musik befüllt werden. Dabei wird die Dateistruktur beibehalten, sodass die Cover-Bilder korrekt angezeigt werden. Und – Oh, Ironie! – selbst das antiquierte Symbian beherrscht diesen Trick.

Kinderkrankheiten

Treue neuerdings.com-Leser wissen, dass ich Linkshänder bin. Das ist mir bisher nie negativ aufgefallen, dann kam Windows Phone 7. Im Email-Menü markiert man Emails ganz leicht, indem man deren linke Ecke antippt. Das geht sehr schnell, ohne komplizierte Menüs und funktioniert fantastisch, doch bedient ein Linkshänder das Gerät, so aktiviert er ständig die Markerfunktion. Ähnlich verhält es sich mit der Bing-Suche: Der für Spiele suboptimal placierte Softkey für die Lupe führt sofort und immer zur Online-Suche - auch in Spielen und anderen Programmen. Das ist ärgerlich, denn Windows Phone 7 beherrscht kein «echtes» Multitasking und damit laden beispielsweise Spiele sehr lange, wenn man vom ungewollten Ausflug zur Bing-Suche zurückkehrt. Die Möglichkeit, die Tasten anders zu belegen ist derzeit nicht geplant.

Was mir gut an Apples iOS gefällt, ist die stringente Menüstruktur, vier Knöpfe am unteren Bildschirmrand zeigen immer die nötigsten Befehle an und scheinen auch thematisch über fast alle Anwendungen hinweg ähnlich zu reagieren. Wer eine iOS-App bedienen kann, wird kaum je mit einer anderen App ringen. In WP7 sieht das anders aus, man gibt den Entwicklern zwar Design-Vorgaben, diese müssen jedoch nicht eingehalten werden. «Microsoft glaubt nicht, man habe die beste Benutzeroberfläche gefunden» so der Kommentar dazu. Was das für Folgen haben kann, zeigen zwei Beispiele: Einerseits weiss man aus der Linux-Welt was passiert, wenn jeder seine eigene UI schreiben kann, ohne sich an Vorgaben halten zu müssen: teilweise inkonsistente Bedienkonzepte können Neulinge abschrecken. Als Gegenbeispiel, wie bereits weiter oben ausgeführt, sehen wir bei Apple, welchen Effekt relativ strikte Designvorgaben haben: Jede Anwendung ist gestaltet, dass auch Neulinge sich sofort zurechtfinden - und gerade die hat Microsofts zur Zielgruppe erklärt.

«Obst-Killer»

Wie oft wurde schon halb ehrfürchtig, halb schadenfreudig verkündet: Der «iPhone-Killer ist da!» Solch martialisches Geschrei möchte ich sein lassen – und doch, der Vollständigkeit halber sei es kurz und leise gesagt, ja, «Windows Phone» ist vermutlich ein iPhone-Killer. Aber wen interessiert dieses Buzz-Word schon ernsthaft? Android-User, die gebetsmühlenartig die Offenheit «ihres» Systems rühmen? Blackberry-Nutzer, die nicht ohne Stolz in Windeseile ihre Emails tippen? Apple-Jünger, an denen Kritik an iOS abperlt, wie Wasser an einem Lotusblatt? Nicht ernsthaft, oder?

Vermutlich aber wird es Microsofts Zielgruppe interessieren: Die Smartphone-Neulinge, die Unzufriedenen und die Designfreaks. Windows Phone ist schnell. Es ist schön. Es funktioniert und es macht Spass. Wer ein Nokia Lumia 800 besitzt hebt sich ab von der breiten Masse. Wieso? Weil es nicht wie all die 'zig anderen Geräte auf dem Markt runde Ecken und einen Knopf in der Mitte unter dem Touchscreen hat. Apple kann wohl mit Siri und dem riesigen Zubehör-Angebot punkten. Microsoft wird es schwer haben, hier aufzuholen, Zubehör-Anbieter auf seine Seite zu ziehen und ein vergleichbar riesiges Angebot zu erschaffen. Das ist der Vorteil des Erstgeborenen, hier ist Apple stark. Doch die Krone des Designkönigs, den Anspruch das schönste und einfachste Betriebssystem zu sein, den muss meiner Meinung nach iOS an WP 7 abgeben.

Das iPhone 4S ist ein super Gerät. Mich überzeugt die lange Akkulaufzeit, die sehr gute Klangqualität und die hochwertigen Materialien. Doch gegen das Nokia Lumia 800 wirkt es plump und wie ein Ausstellungsstück. Die Rückseite ist kratzempfindlich, das «runde» Design hat sich abgenutzt und wie ein Nutzer es treffend beschreibt: «Früher war ich damit hipp, jetzt hat es jeder und es ist Massenware. Ich bin nicht mehr exklusiv!». Dagegen steht das markante Design des Lumia 800 mit ultrahartem Plastikgehäuse, eingelassenem Touchscreen und einer rutschfesten Oberfläche. Das Nokia ist elegant genug für einen Anzug und doch widerstandsfähig. Und vor allem ist es anders. – Mal sehen wie lange noch...

Apropos Lumia 800, der nächste Artikel wird sich ausschließlich mit der Hardware beschäftigen und versuchen die These zu untermauern, das Nokia Lumia 800 sei anders. Bis wir dann am Schluss eine Entscheidung fällen müssen: Kaufen oder nicht kaufen? Und wenn ja, wer und wieso?

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