Hier finden Sie weitere Artikel aus der Themensammlung Technik

14.11.11

Nokia Lumia 800 im Test (2/5): Aus dem Leben eines Lumia-Nutzers

Das Lumia 800 hat seine ersten Alltagseinsätze hinter sich gebracht. Zeit für eine kleine Zwischenbilanz: Wo trumpft das Lumia auf, wo zeigt es Schwächen?

 

Die ersten Stunden mit Windows Phone 7 (WP 7) waren nicht ganz leicht. Bisher hatte ich es immer geschafft, durch Verändern der Einstellungen, ein Smartphone völlig unbrauchbar zu machen. Ohne Zurücksetzen auf die Werkseinstellungen lief dann gar nichts mehr. WP 7 jedoch widersetzte sich meinem Bemühen tiefgreifende Veränderungen durchzuführen – das gleichermassen elegante wie robuste Lumia 800 steht dieser Widerstandskraft in nichts nach.

Wasserdicht?

Durch die geschwungene Form liegt das Lumia 800 angenehm in der Hand, das leicht satinierte Materiel ist griffig und vermittelt einen wertigen Eindruck. Da das Display an den Seiten rund ausläuft und im Gehäuse verschwindet, entsteht eine optische Ähnlichkeit mit wasserdichten Taschen und Geräten – Ich bin ständig versucht das auf die Probe zu stellen. Der USB-Port wird durch eine Klappe mit Scharnier und Magnetverschluss gehalten. Dieser Verschlussmechanismus wird auch dann noch nutzbar sein, wenn andere Gummiabdeckungen bereits brüchig oder abgerissen geworden sind. Der Akku schafft je nach Nutzungsszenario einen Tag, bei grossem Emailaufkommen und viel Internetsurfen reduziert sich das schnell auf wenige Stunden. Den Durchschnittswert würde ich zwischen acht und zwölf Stunden Laufzeit vermuten.

Es funktioniert

Wichtigstes Kriterium bei der Nutzung eines Smartphones: Zuverlässigkeit. Das schreibe ich als Leid-geplagter Nutzer aus eigener Erfahrung. Nichts ist schlimmer, als eine wichtige Mail zu tippen, um dann festzustellen, dass sie unvermittelt und für immer verschwunden ist. Obwohl WP 7 noch ein junges OS ist, verhält es sich unauffällig im täglichen Betrieb. Kein Hängen, kein Absturz, keine unangenehmen Überraschungen, alles fliegt - und zwar wörtlich: Kacheln fliegen ins Bild, Menüs klappen sich von hinten an den Bildschirm und lösen (bei mir zumindest) ein zustimmendes Kopfnicken aus. Ja, auf grosse Hose machen, das kann WP 7 ganz bestimmt. Zieht man in der Bildergalerie ein Foto langsam zum Bildrand, schleicht sich das nächste genauso langsam ins Bild, schubst man es mit Schmackes weg, rast das folgende ebenso rasch hinterher.

Alles da, nur viel weiter weg

Wir erinnern uns, WP 7 ist WIP, «Work In Progress», manches fehlt noch oder befindet sich nicht an gewohnter Stelle. Einen vorinstallierten Audiorecorder beispielsweise vermisse ich und meine Inbox für Emails fand ich erst nach langem Suchen am Ende des Homescreens ganz unten unter «Hotmail». Man muss sich wohl umgewöhnen – wer hier ein Icon für «Email» sucht wird enttäuscht – aber immerhin, es wird einem nicht schwer gemacht. WP 7 ist übersichtlich und einfach gehalten, für leidenschaftliche Tweaker vielleicht zu sehr. Doch Microsoft hat eben genau die weniger technikaffinen oder verspielten Nutzer zur Zielgruppe erklärt.

Kernstück des neuen GUI sind sogenannte Kacheln, von denen kann man auf dem Startbildschirm maximal 256 Kacheln anordnen. Eine Kachel ist ein Widget, welches Informationen von Freunden des Nutzers anzeigen kann, beispielsweise die neuesten Facebookfotos, Tweets oder Emailnachrichten; eine Kachel kann aber auch ein direkter Link sein zu einer Applikation, einer Internetadresse oder einem Programmmenü. Jede neu erstellte Kachel wird am unteren Ende des Startbildschirms hinzugefügt. Das heisst auch: wer viel kachelt, muss viel nach unten scrollen, was auf die Dauer mühselig ist – In der Grösse veränderbare Kacheln wären vielleicht eine Lösung für dieses Problem. Ähnlich anstrengend scrollt man sich durch das Menü, das ausschliesslich alphabetisch geordnet wird. Besser gefällt die vereinte Inbox, unter der sich alle Eingangsordner zentral finden. Um eine solche Emailkachel zu erstellen, wählt man im Optionsmenü eines Postfaches «E-Mail-Konto hinzufügen». Dann kann man einen neuen Account hinzufügen. Hat man bereits mehrere Account konfiguriert, klickt man auf «Verknüpfte Posteingänge» und fügt per Klick auf den gewünschten Account selbigen zum Posteingang hinzu. Die Posteingänge kann man dann noch umbenennen (beispielsweise «Privat» oder «Geschäftlich») und schon hat man auf dem Startbildschirm eine Kachel, die Emails aller privaten respektive geschäftlichen Accounts in einem Posteingang vereint.

Ich bin ein Geek, holt mich hier raus

Technikfreaks werden wohl mehr erwarten als Kachel-Zauber. Mich enttäuscht beispielsweise, dass ich Podcasts nicht ohne Weiteres herunterladen kann. Ein Klick auf den Podcast-Link im Internetexplorer und man erhält die Antwort, dass die XML-Datei nicht unterstützt werde. Oder wenn ich eine Webseite grösser zoome, rennt der Text aus dem Touchscreendisplay heraus und auch Emaildarstellungen verhalten sich widerborstig - ist der amerikanische Begriff «reflow» in Redmond noch nicht verstanden worden? Und warum sind Details zu Bitrate, Codec oder Verändern der MP3-Tags in der Musikansicht nicht zu sehen? Die Panorama-Menüs sind meist für die Hochkant-Ansicht geschrieben, nur wenige Programme lassen auch die Querformat-Nutzung zu. Sicherlich, das iPhone kann das auch nicht besser – aber lösen wir uns doch einmal von der Vorstellung, Apple sei das Mass aller Dinge. Warum kann ein Nokia mit WP 7 Dinge nicht, welche die Vorgänger mit Symbian spielend meisterten? Wir erinnern uns: WP 7 ist «Work in Progress» – wie iOS und Android auch.

Dieser Enttäuschungen zum Trotz, WP 7 überzeugt mich: Kein Telefon fühlt sich responsiver an und hält mehr Überraschungen bereit als Windwos Phone 7. Denn statt immer oben auf den kleinen Rechtspfeil fürs Menü zu tippen, kann man einfach den Homescreen verschieben; schüttelt man das Telefon, während man den xBox-Live-Avatar vor sich hat lange genug, dann... (mal im Laden versuchen, ist lustig) und drückt man den Kamerabutton bei gesperrtem Smartphone lange genug, startet sofort die Kamera. Zwar vermisse ich im Moment einige Einstellungen und Applikationen – wo ist Skype?. Dafür reagieren alle angepriesenen Funktionen wie erwartet, und was noch nicht ist, das wird in den kommenden Monaten werden, sagen Microsoft und Nokia.

Ich war jung und brauchte die User

Aber natürlich wäre Microsoft eben nicht genau dieser Konzern, wenn man nicht versuchte, zum dominierenden Player zu werden - so wie alle anderen Smartphone-Hersteller auch. So überrascht es auch nicht, dass Microsoft sich die gleichen Praktiken zunutze macht, die schon andere erfolgreich umgesetzt haben: Man sperrt die Nutzer in einen goldenen Käfig und andere aus. Das fängt mit der absoluten Notwendigkeit der Zune-Software an. Ist kein Zune installiert, gibt's keinen Datentransfer zwischen PC und Smartphone. Was im Smartphone drin ist, bleibt auch dort. Das geht tatsächlich so weit, dass das Lumia 800 sich am USB-Port nur als «Microsoft Corp.» anmeldet, mehr Informationen sind dem USB-Gerät nicht zu entlocken. Damit stehen Linux-User völlig im Regen und Mac-Nutzer gelangen nur auf Umwegen ans Ziel. Immerhin, wer sein Smartphone per USB an den Rechner anschliesst, kann den Akku seines Telefons laden – Bei Windows Mobile war noch nicht mal das möglich, wenn ActiveSync nicht installiert war...

Das ärgert sehr, scheint aber heutzutage gängige Praxis zu sein. Auch Android war anfangs nur mit Gmail glücklich und iPhones synchronisieren nur mit iTunes, wieso sollte Microsoft es also anders machen wollen? Dabei ist man noch subtiler und zugleich aggressiver: Eine bestimmte Wav-Datei liess sich partout nicht konvertieren und auf das Gerät schubsen, klickt man sie aber an, wird sofort die Seite im Windows Marketplace für das entsprechende Musikstück zum Kauf angeboten, sehr trickreich...

Im nächsten Testteil wird Windows Phone 7.5 intensiver unter die Lupe genommen und mit iPhone, Blackberry sowie Symbian verglichen.

[postlist "and" "Lumia" "800" "Test" "Nokia"]

Schlagworte zu diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer