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11.01.13

Nachrichtenflut von Techblogs: Ich kapituliere

Mit tausenden von Beiträgen von der CES haben Techblogs ihre eigene Daseinsberechtigung torpediert. Sie brachten einst Farbtupfer in den grauen Nachrichtenalltag. Mittlerweile begehen sie selbst die Fehler ihrer Vorgänger, indem sie auf Masse produzieren. Der Techjournalismus muss und wird sich in den kommenden Jahren grundlegend ändern.

Für unsere Schwesterpublikation neuerdings.com habe ich versucht, eine Art Best of der diesjährigen Consumer Electrics Show (CES) in Las Vegas nachzuzeichnen. Wäre ich dafür vor Ort gewesen, wäre mir das vermutlich leichter gefallen. Denn dann hätte ich weniger mitbekommen als hier in Deutschland. Verpasst habe ich trotzdem nichts, vor allem deswegen, weil der Messejournalismus im Vergleich zu den Vorjahren noch umfassender geworden ist. Technikreporter sämtlicher Couleur berichten nicht mehr nur von jeder einzelnen Pressekonferenz, sondern zunehmend auch davon, was die kleineren Aussteller an den Ständen zu zeigen haben. Diese Fleißarbeit in allen Ehren, nur leider hat sie nicht zur Folge, dass sich Redaktionen auf das Wesentliche beschränken würden. Nun berichten 50, 60, 100, ... Technikpublikationen weltweit zeitgleich über dasselbe. Ich habe großen Respekt vor den Anstrengungen der Leute vor Ort. Vor zwei Jahren war ich selbst einmal in Las Vegas dabei und weiß, was es bedeutet, nach einem zwölfstündigem Flug übermüdet von PK zu PK zu hechten, jede sofort zu verbloggen, bevor die anderen einem zuvor kommen, und irgendwann zwischendurch mal auf der Suche nach Kuriositäten durch die Messegänge zu schlendern. Hier in Deutschland, fernab der Messe, wartet trotzdem Fleißarbeit auf mich. Flattern ansonsten pro Nacht rund 500 Meldungen in meinen Feedreader, waren es diesmal an jedem der ersten drei Tagen der Messewoche an die 1.000. Über jeden Quadratmeter der Veranstaltung wird dutzendfach berichtet. Doch eine echte Revolution haben wir auch diesmal nicht gesehen. Mit welcher Berechtigung also diese Nachrichtenflut?

Mit der Masse verdient man Geld

Und ist das eigentlich noch Bloggen? Klar, der erfahrene Reporter bewertet gleich, ordnet ein, schreibt persönlich gefärbt. Oft gibt es auch einige Eindrücke abseits des Geschehens zu lesen. Aber wie viel davon kann ein Leser noch aufnehmen und entdecken, wenn er fast hundert Meldungen pro Stunde zu lesen bekommt? Ich habe etliche Nachrichten markiert, zehn bis zwanzig Quellen verfolgt - und bei der 700. Nachricht an einem Abend schließlich kapituliert. Zu viel Berichterstattung über eine - nüchtern betrachtet - zufriedenstellende Messe, mit einigen interessanten Spielereien - und 90 Prozent Schnickschnack.

Was soll das? Wo sind journalistische Notwendigkeiten geblieben wie Auswählen und Gewichten? Die einst innovativen Techblogs wie Mashable und Techcrunch produzieren mittlerweile Masse ohne jeglichen Filter. Sie tun das, um sich zu refinanzieren: Viel hilft viel, weil jeder Beitrag zumindest einige Leser anlockt, womit sich Werbeplätze verkaufen lassen. Funktionieren wird das so lange, wie der Markt floriert und die Hersteller die Publikationen, die über sie schreiben, mit hohen Werbe-Etats indirekt unterstützen. Sollte es der Branche wieder schlechter gehen, würde auch der Markt der angeschlossenen Publikationen zusammenbrechen.

Das kann passieren, wahrscheinlicher aber ist einfach, dass der Gegentrend sich durchsetzt: Mehr Hintergrund, fundiertere Meinung, Qualität. Die Techcrunch-Aussteigerin Sarah Lacy hat mit PandoDaily ein viel beachtetes Technikmagazin eröffnet, das hintergründig berichtet und sich auf zehn bis 15 Meldungen täglich beschränkt - bei vielen anderen sind es weit über hundert. Der reine Nachrichtenjournalismus taucht - gefiltert - nur noch in einem Ticker auf. Das Blog GigaOm des ehemaligen Dotcom-Investors Om Malik änderte den eigenen Schwerpunkt früher als die Konkurrenz wieder auf unaufgeregte Artikel mit oft überraschender Meinung. Das Blog-Netzwerk Svbtle beschränkt sich auf wenige Kolumnisten, die nach Angaben der Betreiber nur dann etwas schreiben, wenn sie auch wirklich etwas zu sagen haben.

"Lasst uns den Techjournalismus töten"

Über die CES hatte "The Kernel", ein junges britisches Magazin für Technik, Medien und Politik, nicht viel anderes übrig als schallendes Gelächter. The Kernel veröffentlicht nur rund zehn besondere Beiträge die Woche und kündete vor kurzem an, bald nach Deutschland zu gehen. Schaut man sich den hiesigen Markt an, kommt mir beim Gedanken an hintergründige Technikbeiträge vor allem ZDF Hyperland in den Sinn. Das Blog eines Öffentlich-Rechtlichen als mögliches Vorbild für andere. Und so sind es denn auch jene eher hintergründigen Magazine, die die diesjährige CES kritisieren. PandoDaily sah auf der CES vor allem eins: Smartphone-Hüllen. Hyperland erklärt Hardware für tot und sieht die CES auf dem absteigenden Ast.

Ich sehe weniger die CES als das Problem als die Nachrichtenblogs. Schnickschnack hat es auf Messen schon immer viel gegeben, nur hat man früher nicht über jede einzelne berichtet. Blogbeiträge haben für mich eine höhere Qualität als Nachrichtenbeiträge, in ihrer Vielzahl aber besitzen sie inzwischen den gleichen Stellenwert wie früher eine Tickermeldung. Sie sind Massenware geworden, und wie alles, von dem es zu viel gibt, wird man auch ihrer irgendwann überdrüssig. Der Punkt ist für mich mittlerweile erreicht. Svbtle-Kolumnist Jamie Kelly zog in einem Beitrag mit der Überschrift "Let's kill technology journalism" den gleichen Schluss wie ich: alle Nachrichtenblogs aus dem Feedreader werfen bis auf eines. Weil alle inzwischen über alles berichten, ist es praktisch nicht mehr möglich etwas zu verpassen. Die Lücke lässt sich mit wirklich lesenswerten Beiträgen schließen oder man lässt sie einfach offen. Das ist keine Trotzreaktion, es ist das, was sowieso passieren wird: Wir wollen Techniknachrichten in Zukunft anders präsentiert bekommen, deswegen muss und wird sich auch die Berichterstattung grundlegend verändern.

Screenshot: The Kernel

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