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30.01.13

Mobilfunkmarkt: Wer seine Nutzer halten will, muss schnelle Updates liefern

Vor dem Start von Blackberry 10 hört man wenige Misstöne. Die Branche scheint sich auf das neue System und seine neuen Funktionen zu freuen, nicht wenige iPhone- und Android-Nutzer scheinen gar dahin wechseln zu wollen. Wie es dazu kommen konnte? Das Duopol hat Schwierigkeiten damit, seinen Nutzern neue Killerfunktionen auf allen Geräten zur Verfügung zu stellen. Das macht alternative Systeme plötzlich attraktiv.

Android 4.2: ein System mit tollen neuen Funktionen, auf das viele Android-Nutzer vergebens warten werden.

Es muss wohl am Siegeszug der Smartphones liegen, dass das Wort "Update" bei mir mittlerweile positiv besetzt ist. Das war zu Zeiten von Windows XP noch anders ("Nicht schon wieder eins! Was soll mir das bringen?"). Heute fiebere ich Updates in den meisten Fällen entgegen, weil sie viele neue Funktionen bedeuten, die mir meist zu Gute kommen. Wenn ich sie denn bekomme.

 

 

Schöne neue Funktionen, die ich nicht haben darf

Habe ich mir in den vergangenen Jahren ein Android-Smartphone gekauft, dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass ich mich ärgere. Von neuen Android-Versionen lese und höre ich zwar, die anderen erzählen begeistert davon, aber ich selbst bekomme kein Update. Es ist, als stünde ich im Vereinsheim an der Theke. Seit Jahren leiste ich dem Verein treue Dienste, Freibier gibt es aber nur für die, die erst seit zwei Wochen dabei sind. Wollen die mich auf den Arm nehmen? Ich kann mir nur eine neue Mitgliedschaft kaufen oder lieber gleich den Verein wechseln.

Als Beispiel für die Update-Problematik sei Android 4.2 genannt - ein innovatives, modernes Betriebssystem, in das Google wieder einmal viele neuen Funktionen eingebaut hat. Notifications, die endlich Spaß und das System zu einer Art Schaltzentrale machen, bessere Kamera-Funktionen wie Photo Sphere und neue Funktionen für Google Now. Android 4.2 ist aber auch ein Betriebssystem, das Anfang Januar erst auf 1,2 Prozent aller aktiven Android-Geräte installiert war. Der Vorgänger Android 4.1 bringt es mittlerweile immerhin auf 9 Prozent. Das relativ neue Android 4.0 Ice Cream Sandwich erreicht immerhin 29,1 Prozent der Android-Geräte.

Viele Altgeräte erhalten sogar noch ein Update auf 4.0, obwohl die Nutzer hier schon wieder auf Funktionen wie Google Now oder das neue Notification Center verzichten müssen - von dem sie schon längst gehört haben. Für die Hersteller bedeutet jedes Update natürlich einen Heidenaufwand. Dem Käufer ist das aber letztendlich egal. Er ist frustriert. Er hat theoretisch noch die Möglichkeit, sich das jeweils neueste Android von Hand einzuspielen. Aber nicht jeder ist technisch versiert genug dafür, außerdem besteht die Gefahr, dass nach einem Update von Hand nicht mehr alles reibungslos funktioniert.

Update Alliance schon ein halbes Jahr später tot

Google hatte seinerzeit angekündigt, dem entgegen wirken zu wollen. Auf der eigenen Entwicklerkonferenz Google I/O im Mai 2011 rief man die Android Update Alliance ins Leben, um Nutzern mindestens 18 Monate lang Updates für ihr Android-Gerät zu liefern. Die ersten Nachrufe auf die Update Alliance folgten bereits ein halbes Jahr später. In der darauffolgenden Google I/O im Mai 2012 erwähnte der Webriese die Update Alliance nicht einmal mehr. Statt dessen stellte Google das Nexus 7 vor, Android-Tablet unter eigener Marke, für das es nun regelmäßig Updates geben soll.

Und so nimmt sich Google dieser Problematik mittlerweile selbst an: Eigene Nexus-Geräte werden mit "nacktem" Android ausgeliefert, zum Schleuderpreis angeboten und regelmäßig mit Updates ausgestattet. Und die anderen Android-Hersteller? Könnten der Devise nach ja auf eigene Android-Oberflächen verzichten und auf Eigenentwicklungen gleich mit. Nokia-Chef Stephen Elop hat Google kürzlich eben dafür kritisiert, dass man der Update-Problematik mit einem "noch geschlosseneren Android" Herr zu werden versuche. Kritisiert haben dürfte er damit auch, dass Windows Phones künftig über Exchange ActiveSync keine Google-Accounts mehr nutzen können, weil Google die Unterstützung einstellen wird. Er dürfte aber auch die Update-Problematik gemeint haben.

Die Updateproblematik von Windows Phone

Die allerdings betrifft mittlerweile auch Windows Phone. Wer sich vor einem halben Jahr oder früher ein Smartphone mit Microsofts mobilem Betriebssystem gekauft hat, wartet bis heute auf ein Update der "Zwischenversion" 7.8. Das wird nicht einmal alle Funktionen erhalten, die Windows Phone 8 hat. Und dass Entwickler lange dazu Lust haben, Apps für das alternde System bereitzustellen, ist ungewiss. Wer sich also vor einem oder einem halben Jahr ein Windows Phone gekauft hat, hat schlicht und einfach Pech gehabt. Immerhin: Der wichtigste Hersteller Nokia hat damit begonnen, das Update auszuliefern , andere Anbieter wie Samsung oder HTC aber noch nicht.

Die mittlerweile recht stattliche Zahl an Endgeräten, Herstellern, Konfigurationen und Carrier-Vorgaben macht es zunehmend auch Microsoft und seinen Partnern schwer, Updates zeitnah auszuliefern. Auch ein geplantes Update für die ersten Nokia-Endgeräte mit Windows Phone 8, das einige längst bekannte Probleme beheben soll, ließ mehrere Wochen auf sich warten. Die Windows-Phone-Anbieter ahnen mittlerweile, woher Androids Update-Problematik rührt.

Android-Geräteanbieter wie Samsung oder HTC reagieren darauf, indem sie einfach ein neues Modell des jeweiligen Smartphones herausbringen, es mit einem "+" versehen und darauf dann die jeweils neueste Android-Version installieren. Das Update spart man sich damit. Die Kunden kommen am ehesten an neue Funtionen, indem sie sich ein neues Phone kaufen.

Und das ist die Chance, die die Entwickler neuer Betriebssysteme entdeckt haben. Das Duopol aus Apple und Android kann man knacken, indem man die Nutzer mit neuen Funktionen ködert. Bei Android gibt es immer wieder spannende neue Funktionen, aber die Nutzer bekommen sie nicht. Und auch Apple liefert mit jedem Update nicht jede Funktion aus. Das aktuelle iOS 6 steht zwar selbst für das drei Jahre alte iPhone 3GS noch zur Verfügung. Dafür fehlen Funktionen wie Siri auf iPhone 3GS, iPhone 4 oder iPad 2. Auf dem iPad mini hingegen steht Siri zur Verfügung, obwohl es den gleichen Prozessor wie das iPad 2 besitzt.

Für neue Funktionen auf ein anderes System umsteigen

Blackberry 10 hätten wir vermutlich so oder so gesehen. Aber hätte RIM überhaupt eine Chance, wenn Android seine Update-Problematik nicht hätte? Oder würde man die neuen Funktionen von Jollas Sailfish OS, Windows Phone 8 und Ubuntu for Phones so interessiert verfolgen, wenn Apples iOS 6 schon Funktionen wie Räume, Hubs, bearbeitbare Notifications, App-Vorschauen oder eine Schaltzentrale wie den Blackberry Hub hätte?

Die Leute wollen neue Funktionen. Und das könnte den alternativen System-Anbietern in die Hände spielen. Um nicht selbst eines Tages an der Update-Problematik zu scheitern, wäre es ratsam, die Zahl der eigenen Geräte gering zu halten. Neue Funktionen müssen aber trotzdem sein, und man muss auf irgendeine Art und Weise dafür sorgen, dass der Kunde schnell daran kommt. Denn er kann seine Drohung wahrmachen, wegzulaufen. Alternativen stehen ihm bald einige zur Verfügung.

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