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22.11.06

Mein Mac (oder PC) ist jetzt auch ein 100-Dollar-Laptop

Das 100-Dollar-Laptop-Projekt, auch bekannt als "One Laptop per Child" (OLPC) ist eines der meistdiskutierten Vorhaben überhaupt in der IT-Branche. Der Gründer des MIT Media Lab, Nicholas Negroponte, will Entwicklungsländer mit billigen Laptops ausstatten, die Schulkindern zur Verfügung stehen sollen. Damit will man den Rückstand der ärmeren Länder in Bezug auf moderne Ausbildung zumindest ein wenig aufholen. Neuerdings.com hat neulich schon über das Design der 100-Dollar-Laptops berichtet.

Wer auch mal die Software dieser völlig neuartigen Geräte ausprobieren will, muss nicht warten, bis womöglich die ersten Exemplare auf Ebay auftauchen. Da der OLPC unter Linux läuft, kann man das Betriebssystem auf jedem Intel-Mac oder PC installieren, am einfachsten mit Virtual-Machine-Software.

Wir haben die OLPC-Software auf einem Mac mit der Virtual-Machine-Software Parallels ausprobiert. Um das OLPC-Paket, das auf der Linux-Distribution Fedora (mit ein paar Red-Hat-Komponenten) basiert, zum Laufen zu bringen, sind ein paar Konfigurationsbasteleien nötig, aber die Beschreibung auf der OLPC-Website ist ausreichend genau. Das gleiche läuft auch auf jeder Windows- oder Linux-Maschine.

Nach einigem Gebastel bootet die OLPC-Oberläche, "Sugar" genannt, ordnungsgemäss. Ein niedlicher Pinguin ziert den Boot-Bildschirm. Es wird gleich klar, dass hier die Linux-Fraktion regiert und sich nicht hinter dem Berg hält. Der Linux-Pinguin begegnet einem noch öfter, beispielsweise heisst der eingebaute RSS-Reader "Penguin TV".

Die OLPC-Benutzeroberfläche soll Kinder ansprechen, die noch nie einen PC gesehen haben, Darum ist sie auch anders und simpler als das meiste, was man sonst so kennt. Um die Menüs des Systems aufzurufen, bewegt man den Mauszeiger einfach an den Bildschirmrand. Dort kann man dann neue Applikationen starten oder zu bereits laufenden Programmen wechseln.

"Etoys": programmierbares Zeichnen und Animieren.

Vorinstalliert kommen ein Web-Browser, eine einfache Textverarbeitung, ein RSS-Reader, ein Zeichen- und Animationsprogramm namens "Etoys", eine Chat-Software sowie zwei Programme, deren Zweck ich nicht eindeutig entschlüsseln konnte. Eins war so eine Art Memory-Spiel, das andere dient wohl musikalischen Zwecken, aber mangels Soundunterstützung auf der Virtual Machine war nichts zu hören.

Einwandfreies Browsen, aber ohne Werbung

Der Web-Browser ist sehr brauchbar und zeigt auch locker moderne AJAX-Applikationen wie Google Maps anstandslos an. Es handelt sich offenbar um eine Mozilla-Variante, und daher werden alle üblichen Features unterstützt. Nur Flash-Werbebanner werden nicht angezeigt, aber darauf kann die Zielgruppe vermutlich auch gut verzichten. Auch sonst sind die Features auf das Nötigste beschränkt. Es gibt eine einfache Bookmark-Funktion, aber das war's auch schon. Die Startseite des Browsers ist Google. Ob da der Suchmaschinen-Gigant wohl mit etwas Spendengeld nachgeholfen hat? Ein paar Dutzend Millionen mehr junge Kunden schaden schliesslich nicht...

Texte schreiben mit den allernötigsten Funktionen

Die Textverarbeitung ist ebenfalls nur rudimentär, aber für Schulaufsätze dürfte das wohl reichen. Immerhin kann man Dokumente in einer ganzen Reihe von Formaten speichern, inklusive HTML und (gasp) Microsoft Word.

Auch RSS lesen ist kein Problem.

Der RSS-Reader ist etwas verwirrend. Offenbar ist das Ding als multimediale Content-Download-Station samt Bittorrent gedacht, aber so richtig funktionierten diese fortgeschrittenen Funktionen nicht. Aber das kann auch an der Emulation in der Virtual Machine liegen. Oder an der immer noch frühen Version der Software.

Unix-Shell und Systemmenü

Für jugendliche Hacker bietet das System auch vollen Unix-Shell-Zugriff. Da ein ausgewachsenes Linux unter dem System läuft, gibt es wohl nicht viele Grenzen dafür, was man mit dem Ding machen kann. Da der OLPC natürlich nur mit sehr einfacher Hardware und wenig Speicher auskommen muss, ist das System entsprechend abgespeckt. Aber immerhin: alle wesentlichen Komponenten sind da.

Mit der OLPC-Software herumzuspielen, ist ein eigenartiges Erlebnis. Natürlich vermisst man viele Funktionalitäten, die auf normalen PCs (oder Macs oder Linux-Maschinen) selbstverständlich sind, aber man könnte sich irgendwie doch vorstellen, dass man mit diesem beschränkten Funktionsumfang einen schönen Teil der täglichen Arbeit vernünftig abwickeln könnte, so lange man sich primär auf webbasierte Anwendungen beschränkt. Und das ist wohl auch das Ziel des OLPC-Projekts: Nicht die Corporate IT mit ihren hochgezüchteten Windows-Maschinen zu verdrängen, sondern Kindern in weniger begünstigten Ländern einen einfachen Einsteig in die Welt der globalen Informationstechnolgie zu bieten. Und das scheint die Software durchaus leisten zu können.

Es wäre aber gut, wenn die OLPC-Schöpfer der Benutzeroberfläche etwas weniger Linux-Ideologie und etwas mehr gesunden Menschenverstand angedeihen lassen würden. Manche Dinge sind wirklich nicht intuitiv, und dass Konfigurationsänderungen auf Linux-Konfigurationsfile-Ebene durchgeführt werden müssen (VI lässt grüssen), entspricht wohl wirklich nicht der Zielgruppe. Trotzdem: Das OLPC-Betriebssytem ist ein interessanter Versuch darin, Personal Computing radikal zu vereinfachen, und man kann dem Projekt nur allen Erfolg wünschen.

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