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20.03.13Leser-Kommentare

Smartphones: LGs Geheimwaffe heißt Marketing

LG stellt in diesen Tagen ein gesichtsloses neues Spitzen-Smartphone in Deutschland vor; die eigenen Fernseher und Haushaltsgeräte unterscheiden sich kaum von denen der Konkurrenz. LG hat den anderen nichts voraus und doch steigen die Produkte in beiden Kategorien in der Gunst der Käufer. Grund dafür ist eine erstaunlich einfache Logik: Marketing schafft Marktanteile.

LG Optimus G

LGs Mobilfunksparte verdoppelte seine Marktanteile in Deutschland im vergangenen Herbst (August auf September) binnen einen Monats von etwa drei auf sechs Prozent. Auch bei den Fernsehern ging es bergauf. LG trotzt der Konkurrenz. Die besseren Zahlen haben nichts mit dem Start eines neuen Wunderhandys, Rabattschlachten oder herausragenden Testergebnissen zu tun. Die Koreaner haben schlicht ihre Marketingausgaben in Deutschland erhöht.

[photos name="LG Optimus G"] Das bedeutete im dritten Quartal 2012 Werbung für das alte Spitzenmodell Optimus 4X HD. Im vierten Quartal ging es dabei vor allem um das Optimus L9, das von der "Bild"-Zeitung trotz nur zufriedenstellender Testergebnisse und Ausstattung als "Volks-Smartphone" verkauft wurde. Insgesamt 5 Millionen Euro im vierten Quartal 2012 und 3,5 Millionen im ersten Quartal 2013 investierte LG in Deutschland ins Marketing. Vor allem das "Volks-Smartphone" und die Kampagne in Deutschlands größtem Boulevard-Blättchen dürfte für den doppelt so hohen Marktanteil gesorgt haben. Ein Dualcore-Prozessor mit 1 GHz, nur 4 GB interner Speicher und eine einfache 5-Megapixel-Kamera im L9 klingen da in der Tat bestenfalls nach Durchschnitt.

Kein Vorsprung, aber vorne mit dabei

Und das reicht offenbar, wenn das Marketing stimmt. Gute Zahlen vermeldete LG auf der eigenen Hausmesse vergangene Woche in Düsseldorf auch bei den eigenen Fernsehern. Die sind gut - das sah man auf der IFA - aber Innovationen wie Ultra HD, OLED und extrem dünne Bildschirme haben die Samsungs, Sharps, Sonys und Panasonics dieser Welt auch. Technisch gesehen marschiert LG munter mit, aber nicht vorneweg. Das Marketing und der inzwischen gute Ruf aber sorgen für gute Absatzzahlen. LG hat sich bei Landsmann und Branchenprimus Samsung abgeschaut, wie es funktioniert.

Und nun versucht LG den neuesten Coup mit dem Smartphone Optimus G zu landen. Hier verhält es sich wie bei den Fernsehern: Das Optimus G ist gut ausgestattet, rangiert mit seinem 1,5 GHz Quadcore Snapdragon S4 Pro gleichauf mit dem Sony Xperia Z, aber schon wieder etwas hinter den Konkurrenzmodellen von HTC (One, Snapdragon 600, 4x 1,7 GHz) und Samsung (Galaxy S4, 4x 1,9 GHz oder Octacore, je nach Ausstattung). Dabei liegt das Optimus G mit 600 Euro Herstellerempfehlung etwas unter den Preisen der Konkurrenz. Dass das Absicht ist, gab LG im Blogger-Roundtable in Düsseldorf vergangene Woche auf die Frage eines Kollegen zu. Man wolle preislich unter der Konkurrenz liegen und mit einer Marketing-Kampagne Persönlichkeit für das Produkt schaffen.

Verkaufsargument: noch etwas schlanker als schlank

Persönlichkeit schaffen, das will LG beim Optimus G mit Hilfe einer farbenfrohen Werbekampagne. Ein spezielles Farbschema und bunte Frühlingsfarben sollen einen Erinnerungswert schaffen. Ganz anders übrigens das Telefon selbst, das vorerst nur im schlichten, wenn auch eleganten Schwarz erscheinen soll. Die Nutzer können sich immerhin eine bunte Oberfläche frei gestalten. Die Werbekampagne lockt derweil mit Botschaften wie "Das Warten hat sich G-lohnt" oder "Schon einmal Gänsehaut unter den Fingern gehabt?". In der Videokampagne dazu entwickelt ein nicht ganz so schlankes Smartphone einen Minderwertigkeitskomplex und begeht in einer Küche auf verschiedene Art und Weise Selbstmord, um Platz für ein noch etwas schlankeres Smartphone zu schaffen – das Optimus G:

Unfreiwillig spiegelt die Kampagne LGs Probleme wider: Wie soll man heute noch mit einem Smartphone begeistern, wenn sich ohnehin die meisten Modelle gleichen wie ein Ei dem anderen? LG selbst ist großer Verfechter einer nach außen hin schwer durchschaubaren Produktstrategie. Optimus L3, L5 und L7 hießen die Einstiegsgeräte des vergangenen Frühjahres, die selbstverständlich weiterhin erhältlich sind. Das "Highend-Einstiegsgerät" L9 kam im vergangenen September dazu, bereits im Juni das Optimus True HD LTE, ein Mittelklasse-Gerät mit LTE-Funk.

Kaum durchschaubare Produktpalette

Jetzt, ein Jahr nach der ersten L-Serie, kommen Optimus L3 II, L5 II und L7 II ins Programm. LG stattet diese aber nicht mit LTE aus; das soll die kommende F-Serie mit dem Optimus F5 und F7 richten. Auch das neue Vorzeigemodell Optimus G soll LTE bekommen, aber eben der G-Serie zugeordnet werden, zu dem auch der Galaxy-Note-Konkurrent Optimus G Pro zählt, ein Phablet. Weiter erhältlich bleibt natürlich auch das bisherige Spitzenmodell Optimus 4X HD.

Kurz gesagt: LG hat nach wie vor Android-Geräte in allen Formen und Ausstattungen im Programm und verlangt potenziellen Kunden viele Vergleiche ab, die ja auch noch Modelle von Samsung, Huawei oder Sony zur Wahl haben. Konkurrent HTC geht hier seit kurzem einen ebenso einleuchtenden wie gewagten Weg und fokussiert sich im Frühling auf ein einziges, sehr auffälliges Modell: das HTC One. LG hingegen traut dem Braten nicht, wie Apple und HTC nur eine Preisklasse abzudecken.

Taktik geht nur bei vergleichbar guter Technik auf

Was LG derzeit also versucht, dürfte für die Konkurrenten als ein interessantes Experiment wahrgenommen werden: Es ist der Versuch, sich alleine mit Marketing und etwas günstigeren Preisen einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Gelingt LGs Experiment, dann würde das bedeuten, dass es auf die ohnehin nur noch schwer erzielbaren Alleinstellungsmerkmale bei Smartphones kaum noch ankommt. Marketing alleine würde reichen - bei trotzdem konkurrenzfähiger Technik, versteht sich. Aber die nicht zu haben, kann sich heute ohnehin kein Hersteller mehr ernsthaft erlauben. Wir schauen also gespannt, ob LGs Schlachtplan aufgeht. Die Zeit der großen Innovationen bei Smartphones scheint vorbei, jetzt beginnt die große Zeit des Marketings.

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Kommentare

  • Flo

    20.03.13 (12:45:56)

    Man darf das Nexus 4 nicht vergessen. Ein Spitzen Android Phone das sich vorallem über den Preis definiert. Dieses Modell dürfte auch einen Teil zum Anstieg des Marktanteils beigetragen haben, oder?

  • Makos

    20.03.13 (13:44:13)

    Marketing ist der Schlüssel zum Erfolg. Erkennt man doch an Apple: Smartphones sind mit Standardtechnik versehen und trotzdem wird ein Hype drum gemacht als hätte jemand das Allheilmittel gegen Krebs erfunden.

  • Jürgen Vielmeier

    21.03.13 (08:17:30)

    Jein. Schaut man sich die Zahlen heute an, sicher. In meiner Betrachtung ging es aber um den Zeitpunkt September/Oktober. Schon da ging es vor allem wegen dieser "Volksphone"-Aktion nach oben.

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