Hier finden Sie weitere Artikel aus der Themensammlung Technik

09.11.14

Kurzwellensendeanlage Wertachtal: Ein selbstversorgendes, ökologisches Rotlichtviertel

Die Kurzwellensendeanlage Wertachtal, drittgrößte der Welt, die dieser Tage platt gemacht wurde, war selbstversorgend und erzeugte mehr Strom, als sie verbrauchte. Ein Alterdings-Rückblick auf ein faszinierendes Stück Technik.

Kurzwellensendeanlage Wertachtal

Es ist ärgerlich, dass Sendeanlagen dieser Tage nur noch im Zusammenhang mit "Rückbau" (= Abriss), Stilllegung und Abschaltung Schlagzeilen machen. Angst vor "Strahlen" (wobei "Radioaktivität" trotz des Namens technisch etwas ganz anderes ist als Rundfunk, sich am anderen Ende des Spektrums befindet) und Großtechnik kommt hinzu.

Dabei sind Sendeanlagen auf Lang-, Mittel- und Kurzwelle trotz ihrer auf den ersten Blick hohen Sendeleistungen und somit hohen Energiebedarfs auch ökologisch durchaus effektiv: Mit der Aussendung ist der Großteil des Stromverbrauchs abgedeckt; zur Verteilung und zum Empfang benötigt man weder stromfressende Set-Top-Boxen für Digitalfunk - ob terrestrisch oder via Satellit -, noch aufwendige und ebenfalls stromfressende Infrastruktur wie Kabelfernsehen, Internet, Mobilfunk oder auch UKW: Um eine größere Fläche mit Rundfunk zu versorgen, sind Dutzende, ja Hunderte in der Ebene nur etwa 60 km weit reichende UKW-Sender notwendig, aber nur ein Sender auf Lang-, Mittel- oder Kurzwelle. Mit letzterer ist sogar weltweiter Empfang möglich, der auch von Sonneneruptionen und Meteorschauern, die Satelliten von heute auf morgen dauerhaft lahmlegen könnten, und Infrastrukturausfällen im Internet - ob technisch oder politisch bedingt - nicht beeinträchtigt wird. Lediglich während einer Sonneneruption können hier Empfangsbeeiträchtigungen auftreten. Ein Kurzwellenempfänger kann zudem notfalls auch mit Solarzellen oder einer Handkurbel versorgt werden; er braucht keine stabile, leistungsfähige Netzstromversorgung.

In Deutschland sind Lang-, Mittel- und Kurzwelle aufgrund der zahlreichen Störungen durch elektronische Geräte und "Powerline"-Datenübertragung seit Jahren auf dem Rückzug. Zudem mangelt es an Sendefrequenzen, weshalb der Rundfunk auf UKW ja nach dem II. Weltkrieg und dem Entzug der früheren Mittelwellenfrequenzen in der Kopenhangener Wellenkonferenz in Deutschland durchstartete ("seinen Siegeszug antrat" wollte ich in diesem Zusammenhang jetzt lieber nicht schreiben...) und die Tonqualität von LMK ist natürlich für Musikwiedergabe auch nicht zu UKW, DAB, Satellit und Webradio konkurrenzfähig. In großflächigen Ländern wie USA, Russland, Indien und natürlich ganzen Kontinenten wie Afrika, Südamerika und Australien ist UKW dagegen auch heute noch eine Rarität, die nur in Großstädten zu finden ist und die Rundfunkversorgung auf dem Land läuft über Satellit (Fernsehen ist anders nicht über große Distanzen übertragbar) und Mittel- und Kurzwelle für Radio.

Für reine Wortprogramme und vor allem für Informationsprogramme bei Notfällen wäre jedoch auch in Deutschland wenigstens ein Verbleib einzelner Stationen auf Lang-, Mittel und Kurzwelle notwendig. Ebenso eine Versorgung ins Ausland auf Kurzwelle für Urlauber und deutschsprechende Hörer in anderen Ländern. Doch der Deutschlandfunk wird seine Sender auf 153 kHz und 207 kHz auf Langwelle zum Jahresende abschalten und auf Mittelwelle ist de facto nur der Sender des Bayrischen Rundfunks auf 801 kHz aus Ismaning noch mit keinem Abschalttermin versehen. Auf Kurzwelle sind die ARD-Sender ebenso wie die Deutsche Welle komplett ausgestiegen: Letztere sendet seit 2011 terrestrisch nur noch in Fremdsprachen, deutschsprachige Programme gibt es nur noch auf Satellit und im Internet - und hat die Anlage im Wertachtal im Ostallgäu, die zur Olympiade 1972 errichtet wurde und nun abgerissen wird, schon 2006 aufgegeben.

Eine faszinierende Flug-Ansicht der dieser Tage gesprengten Antennenanlage und das Konzept, den Sender mit Solanrzellen energieneutral bzw. sogar mit leichtem Gewinn versorgen zu können, wobei sich Solarzellen und Funkwellen bestens vertrugen, zeigt dieses eindrucksvolle PR-Video von Ampegon (Einbetten in den Artikel ist leider gesperrt)

Allerdings war zum Zeitpunkt der Produktion dieses Videos bereits die Kurzwellenausstrahlung aus Wertachtal beendet. Es besteht deshalb durchaus der Verdacht, dass es dem heutigen Besitzer der Anlage eher darum ging, das Gelände nun für die staatlich bezuschusste Solarstromproduktion zu verwenden - für Privatleute ist so etwas wesentlich schwieriger - und die nicht mehr ausgelastete, wegen ihrer roten Flugbefeuerung auf den Masten auch "Rotlichtviertel" genannten Sendeanlage dennoch abzubauen, die inzwischen sogar von der dortigen Bevölkerung vermisst wird, die vom Bau einst natürlich weniger begeistert war.

Morgen zeigen wir die traurigere Seite der Angelegenheit - die Sprengung der Masten und die verbliebenen Überreste. Dienstag den 11.11. um 11 Uhr 11 12 Uhr - sollen weitere Masten gesprengt werden mit einem Fernsehteam vor Ort.

Schlagworte zu diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Förderland-Newsletter

Wissen für Gründer und Unternehmer