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11.10.13

Innovation gegen Daten: Warum Google und Apple nicht so weitermachen können wie bisher

Lange Zeit war es uns erschreckend egal, ob eine neue Erfindung auch datensicher war, allein das Erlebnis zählte. Nach den Datenschutzskandalen der jüngeren Vergangenheit ist das Gegenteil der Fall: Keine neue Erfindung ist in den Augen kritischer Nutzer noch etwas wert, wenn unsere Daten nicht sicher sind. Die Großkonzerne müssen sich langsam darauf einstellen.

Google Kalender. Sind unsere Daten ein zu hoher Preis für komfortable Dienste?

Prism hat vielleicht nicht alles verändert, aber Prism war ein Weckruf. Lange war es uns erstaunlich egal, was mit unseren Daten geschah. Wir haben Google, Facebook und WhatsApp beinahe alles in die Hand gegeben, solange die Unternehmen uns mit neuen, ansprechenden Funktionen versorgten. Spätestens seit Bekanntwerden der staatlichen Überwachungsprogramme ist es mit dieser Selbstverständlichkeit dahin, selbst wenn die Unternehmen uns versichern, dass unsere Daten nicht verkauft oder an staatliche Stellen übermittelt werden.

Das Misstrauen ist da und das Vertrauen schwindet mit jedem Datenleck. Und obwohl die Gefahr noch sehr abstrakt scheint, lässt man den Unternehmen ihre jahrelang erprobte Praxis Kostenlosdienste gegen Daten so nicht mehr durchgehen. Es dürfte sich noch verschärfen, wenn aus der abstrakten Gefahr eine handfeste wird, wenn mehr und mehr Berichte über unbescholtene Bürger in die Medien gelangen, denen ein Datenleck zum Verhängnis wurde. Wer bisher mit Daten Geld verdiente, wird nicht mehr lange so weiter machen können wie bisher und auch Journalisten müssen sich darauf einstellen.

 

Sicherlich war ich ein wenig naiv. Als Technikblogger sehe ich in erster Linie eine Innovation oder Vereinfachung und befürworte neue Ideen. Damit stieß ich in den vergangenen Wochen häufig auf Kritik, wenn diese neuen Ideen Daten zum Preis hatten oder von einem vermeintlichen Datenhändler stammten:

  • Apples Fingerabdrucksensor. Technisch gesehen clever: Nur der Benutzer kann das iPhone aufsperren und merkt dabei nicht einmal etwas von der Sensorik. Passwörter würden im Prinzip überflüssig. Die Kritik folgte aber prompt: So leicht kämen staatliche Stellen nie wieder an unsere biometrischen Daten. Die NSA kann auch lokal gespeicherte Daten auf Smartphones auslesen, die Verschlüsselung laut CCC umgangen werden. Ein zu hoher Preis für eine vermeintlich clevere technische Lösung.
  • Facebook WLAN. Mit nur einem Klick checkt man in eine Lokalität ein und verbindet sich gleichzeitig ohne Passwort mit dem WLAN. Das verschafft dem Nutzer Netz, wo er vorher keines hatte, die Lokalitäten profitieren von mehr Check-ins, der mühselige Anmeldeprozess wird beinahe automatisiert. Die Kritik folgte auch hier auf dem Fuße: Facebook erfährt dadurch zu viel von uns, könnte sogar protokollieren, welche Seiten wir im WLAN aufrufen, welche Services und Apps wir nutzen und welche Daten wir austauschen. Auch hier wieder: ein zu hoher Preis.
  • Xbox One. Technisch gesehen ergeben sich unglaubliche Möglichkeiten, mit dem Netz zu kommunizieren, Services zu personalisieren und sogar mehr über unsere eigenen Gewohnheiten zu erfahren. Auf der anderen Seite würde Microsoft schlicht zu viel von uns wissen; der Konzern könnte unsere persönlichen Daten speichern oder Profile erstellen. Datenlecks wären fatal.
  • Google Kalender und Kontakte. Bei einer Tool-Übersicht kürzlich auf unserem Schwesterblog Netzwertig warb ich unter anderem für die Einfachheit einiger Google-Dienste, die mir das Leben tatsächlich erleichtert haben: Google Kalender, Google Kontakte und auch Google Mail. Auf die Kritik musste ich nicht lange warten: Wie ich in heutiger Zeit noch derart private Daten mit Google teilen könnte, fragten einige Leser fassungslos.

Ich ärgere mich über derartige Kritik meist genauso wie über mich selbst. Noch vor wenigen Monaten hat sich niemand daran gestört, wenn man Dienste wie Google Kalender genutzt hat, und heute gilt man als verantwortungslos, wenn man derartige Dienste nicht vorgestern schon in den Wind geschossen hat. Dass die Kritiker selbst eifrig Facebook oder WhatsApp nutzen, vergessen sie da schon einmal gerne. Dennoch: Ja, man hätte selbst darauf kommen können und die Kritik ist jeweils nicht von der Hand zu weisen. Spätestens jetzt sollte man reagieren. So sorglos wie bisher können wir nicht mehr mit unseren Daten umgehen.

Bessere Lösungen müssen her

Dann wiederum stellt sich die Frage nach den Alternativen: Ja, Facebook WLAN mag dem sozialen Netzwerk zu viel über uns verraten. Aber warum ist bisher noch kein anderer auf die Idee gekommen und noch wichtiger: Warum hat niemand die Idee ansprechend umgesetzt, uns mit nur einem Mausklick mit einem benachbarten WLAN verbinden zu lassen? Warum musste da erst Facebook kommen? Alle meine Kontakte bei Google zu speichern, verrät der Datenkrake zu viel über mich selbst und, noch schlimmer, über meine Kontakte. Aber wo ist der Dienst, der es bei selbst gehosteten Daten genauso komfortabel macht, all meine Kontakte mit beliebigen Plattformen zu synchronisieren, wenn ich das Smartphone wechsle? Wo ist der E-Mail-Client, der besser ist als das zehn Jahre alte GMail?

Es ist höchste Zeit, sich nach Alternativen umzusehen, das ist klar. Weg von den Datenhändlern und den unsicheren Clouds, hin zu selbst gehosteten Lösungen. Die Zukunft geht hin zur eigenen Cloud, zu einer möglichst breiten Streuung und Verschlüsselung unserer Daten. Auch die großen Datenhändler werden irgendwann bemerken, dass sie so nicht weiter machen können - wahrscheinlich aber erst dann, wenn die Kunden schon zu besseren, selbst gehosteten Diensten umgezogen sind. Und die muss es erst einmal geben. Dies ist die große Chance alternativer Anbieter, mit cleveren E-Mail-Programmen, Kalendern oder Chatprogrammen aufzutrumpfen. Wir werden uns spätestens beim ersten großen greifbaren Datenschutzskandal nach schlagkräftigen Alternativen umschauen. Und die werden wir brauchen, wenn wir Google-Diensten, Amazon, Twitter und Facebook tatsächlich den Rücken kehren wollen.

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