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19.10.12

alterdings: Grundig Preceiver X55 – heute in Italien gefragt

Die erste Stereoanlage ist heute meist ein "Ghettohuster". Bei mir allerdings war es damals dank eines geizigen Inserenten etwas, das seinen Preis wert war und auch nach über 30 Jahren gefragt ist.

Musik gab es bei mir jahrelang von einem Grundig "Elite Boy"-Kofferradio, aufgenommen auf einen Grundig Kassettenrekorder. Ersteres ist auch heute noch in meinem Besitz und tat noch etliche Jahre im Bad Dienst, bis das normale UKW-Radioprogramm unerträglich wurde. Allerdings klang es oberhalb einer relativ geringen Lautstärke nicht mehr gut und rauschte im NF-Zweig stark.

Die Lautstärke konnte mit einer Verstärkerplatine aus einem Elektronikerhaushalt, die aus einer "Turmsteuerung" stammte (was auch immer das war - ich hoffe, kein ausgeschlachteter Panzer) auf brauchbares Niveau angehoben werden, nachdem einige strategisch im Zimmer verteilte, aus Fernsehern ausgebaute Lautsprecher angeschlossen wurden. Leider fielen diese jedoch immer mit großem Geschepper um, wenn ein Nachbar CB-Funk betrieb, Verkehrsmeldungen kamen oder die Mieter unter uns ihre Bügelmaschine anwarfen.

 

Den CB-Funker konnte ein Kondensator am Lautsprecherausgang ausfiltern, gegen die brüllend lauten Verkehrsdurchsagen und die enorm nervige Bügelmaschine war jedoch kein Kraut gewachsen. Und natürlich waren die Bässe am anderen Ende der Wohnung, im Schlafzimmer meiner Eltern, immer viel lauter als bei mir im Zimmer.

So argumentierte ich, mit einer richtigen Anlage würden die Bässe nicht mehr so dröhnen und die Lautsprecher nicht mehr umfallen, um mir eine solche anschaffen zu dürfen – gebraucht natürlich. Und bald fand sich auch im lokalen Käseblatt ein Inserat:

Stereoanlage, 1.000 DM Tel. 089/84...

Mit so einer zeilensparenden Beschreibung war ich prompt der erste und auch einzige Anrufer. Die Anlage entpuppte sich als das damalige Flaggschiff von Grundig, der Preceiver X55 mit Aktivboxen und einem Kassettendeck CNF350. Regulärer Preis 2.600 DM, farblich nicht zusammen passend und den aktuellen Besitzer von der Bedienung her überfordernd. Er wollte lieber eine Kompaktanlage.

Beim Ausprobieren war auf 103,2 MHz prompt ein neuer, mir bis dahin unbekannter Sender zu hören: Radio Bavaria International. Der Verkäufer wurde bleich, meinte, der wäre gestern noch nicht dagewesen, aber "an der Anlage liegt das nicht!!"

Ich glaubte ihm, zahlte, mein Vater lud mit mir zusammen ein und freute sich die nächsten Tage über die nun tatsächlich weit geringere Geräuschentwicklung - was natürlich daran lag, dass ich nun erstmal Kopfhörer benutzte. Aber die neuen Lautsprecher fielen auch später nicht mehr bei Verkehrsmeldungen um. Sie hatten pro Kanal drei Verstärkerzweige, für Tieftöner, Mittel- und Hochtöner - ein Prinzip, das sich heute nur noch bei Studiolautsprechern findet, obwohl es besten Klang bieten kann.

Radio Bavaria International wiederum entpuppte sich als von Funkamateuren betriebener Sender aus Südtirol, die Geschichte jener Zeit ist im Piratensenderbuch beschrieben.

Und die Anlage musste zwar alle paar Jahre nachgelötet werden, auch die Lautstärkeregler gaben den Geist auf und mussten erneuert werden, ebenso andere Bauteile, was aber in der Technik jener Jahre für Elektroniker kein Problem war: Es gab ja Servicehandbücher von Grundig. Die Anlage hatte physiologische Lautstärkeregelung, also angehobene Bässe und Höhen bei geringer Lautstärke, die dann bei höherer Lautstärke abgesenkt wurden - völlig falsch war mein Versprechen meinen Eltern gegenüber also nicht gewesen. Und der UKW-Tuner gehörte zu den besten seiner Zeit. Nur die Sensortasten gehörten zu den Modetorheiten der späten 70er - sie verschmutzten schnell und sorgten dann für Störungen. Wer sie mit einem Ring oder einem anderen Metallteil betätigte, löste gar einen Kurzschluss aus.

Erst zur Jahrtausendwende wurde zwecks Dolby-Fünfkanaltonwiedergabe von DVDs eine Onkyo-Anlage angeschafft, denn das war mit der Grundig-Anlage nicht mehr zu stemmen. Die Aktivboxen passten da leider nicht dran, außerdem hatte ich ja nur zwei davon. Der Klang konnte allerdings erst mit Nubert-Lautsprechern wieder so halbwegs mit dem Grundig-Gerät mithalten. Die Grundig-Anlage - ohne Kassettendeck, das hatte ich bereits weggegeben, da es mechanisch eine Katatstrophe war - wanderte in den Keller.

Als klar war, dass sie dort nur noch Staub ansammelte und auch kein Museum Interesse hatte, wanderte sie trotz sentimentaler Gefühle samt Anleitungen, Servicehandbüchern und Garantiekarten in "die Bucht". Dort hatte sie jedoch unerwartet innerhalb weniger Stunden 50 Beobachter. Der Grund: In italienischen Blogs wird die bei uns gegenüber japanischen Marken leider nie geschätzte Qualität der einstigen deutschen Hi-Fi-Marke Grundig hoch gelobt. Für 360 Euro ging sie schließlich in die Nähe von Venedig - nicht ganz trivial, da die Lautsprecher doch einiges wogen, aber German Parcel stemmte das. Und ich konnte nochmal jemand damit eine Freude bereiten.

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