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05.09.12

Crowdfunding: Was passiert, wenn ein Kickstarter-Produkt niemals ausgeliefert wird?

8,6 Millionen US-Dollar für die Spielkonsole Ouya, gar 10,2 Millionen für die Smartwatch Pebble: Kickstarter-Projekte sind in den vergangenen Monaten teils schwindelerregend erfolgreich gewesen. Aber kommen die entsprechenden Produkte jemals auf den Markt? Das ist alles andere als sicher und für den Fall der Fälle darf man keine Hilfe von Kickstarter erwarten.

Seth Quest aus San Francisco hatte einen Traum: Er wollte seine Idee über Kickstarter Wirklichkeit werden lassen. Es ging um einen iPad-Ständer, der einem das Tablet bequem vor die Nase hält, wenn man es gerade nicht festhalten will oder kann. Er war so überzeugt davon, dass er seinen VW Golf und die vom Vater geerbte Breitling-Uhr verkaufte, um das Projekt zu starten und dafür zu trommeln. Und tatsächlich überzeugte sein "Hanfree iPad Accessory" auf Kickstarter 440 Menschen, die insgesamt rund 35.000 US-Dollar gaben. Alles sah bestens aus, bis es um die Umsetzung der Idee in ein massengefertigtes Produkt ging.

Inzwischen ist mehr als ein Jahr vergangen und Seth Quest und sein Team mussten zugeben, dass der "Hanfree"-Ständer niemals auf den Markt kommen wird. Was beim Prototypen simpel und machbar erschien, entwickelte sich zum Albtraum. Fast alle benötigten Teile hätten eigens angefertigt werden müssen. Die Kosten, um die Produktion überhaupt starten zu können, lagen bald weit über dem, was das Kickstarter-Projekt eingebracht hatte. Hinzu kamen zahlreiche weitere offene Fragen, wie die das endgültige Design, die Sicherheit des Produkts, Rechtsschutz für die Macher und vieles mehr.

Inzwischen ist der Hanfree-Ständer ein Fall für die Gerichte, denn so mancher Unterstützer des Projekts will jetzt sein Geld zurück. Ein ähnlicher Fall ist die Videobrille "Eyez by ZionEyez HD", die von über 2.000 Unterstützern fast 350.000 US-Dollar eingesammelt hatte. Das letzte Update stammt vom April 2012, seitdem herrscht Funkstille.

Nach den millionenschweren Projekt-Erfolgen der letzten Monate stellt sich mehr als bisher die Frage: Was passiert eigentlich in einem solchen Fall? Die Smartwatch Pebble hat bekanntlich bereits den ursprünglichen Veröffentlichungstermin gerissen und keinen neuen mehr angekündigt. Inzwischen haben sich die Macher entschuldigt, dass sie diesen Fakt in einem Post zu einem anderen Thema nur beiläufig erwähnt hatten.

Kickstarter sieht sich nur als Vermittler

Seitdem Kickstarter im April 2009 online gegangen ist, wurden rund 30.000 Projekte erfolgreich abgeschlossen. Sprich: Sie haben innerhalb der definierten Laufzeit das Einnahmeziel erreicht. In dem Fall gehen fünf Prozent an Kickstarter und der Rest an die Ideengeber. Die können dann ihre angekündigten Pläne verfolgen.

Dieses Modell funktioniert recht gut, wenn Menschen etwas umsetzen wollen, mit dem sie vertraut sind und das überschaubar ist. Ein Beispiel sind hier Künstler, die ein neues Buch, ein neues Album oder ein anderes Werk auf diese Weise vorfinanzieren wollen.

Bei den Gadget-Projekten, die wir hier auf neuerdings.com auch immer wieder gern vorstellen, sieht die Lage etwas anders aus. Wie nicht nur Seth Quest, sondern selbst Hersteller wie Apple wissen, liegt der Teufel im Detail. Man erinnere sich nur an das um viele Monate verspätete weiße iPhone 4. Aber auch hier sieht sich Kickstarter selbst nur als der Vermittler. So mancher Unterstützer sieht Kickstarter hingegen eher als Plattform, um Produkte günstig vorab zu bestellen. Schließlich nutzen die Projektmacher gern den Anreiz, das Produkt für die Unterstützer günstiger anzubieten, als man es später kaufen kann. Dass es noch überhaupt gar kein Produkt gibt, wird dann im Schnäppchenrausch sicherlich so manches Mal übersehen.

Sollte es aber niemals fertig werden, sieht sich Kickstarter nicht in der Pflicht. Man könne kein Geld an die Nutzer zurückzahlen, weil man es selbst niemals gehabt habe, heißt es in einem aktuellen Blogpost zu diesem Thema. Auch sonst waschen die Macher eilig ihre Hände in Unschuld: Zwar würden die Projekte vor Start begutachtet, aber nur daraufhin, ob sie den Grundregeln entsprechen. So werden Fake-Projekte, bei denen es nie um ein echtes Produkt ging, frühestens von der Community aufgedeckt. Immerhin macht Kickstarter jeden Projektinhaber über diesen Hinweis darauf aufmerksam, dass sie ihre Versprechungen einhalten müssen, bevor sie ihr Projekt einreichen. Ausführlich kann man das alles auch in den FAQs nachlesen.

Kickstarter: Risiko gehört dazu

Weiterhin heißt es in dem Blogpost, dass es bei Kickstarter trotz allem aber gerade darum gehe, dass Menschen Risiken eingehen, um ihre Ideen umzusetzen. Sprich: Jeder Unterstützer sollte sich klar darüber sein, dass eine Idee trotz interessantem Video und hübschen Fotos auf der Projektseite scheitern kann. Dabei ist es vollkommen gleichgültig, wie gut die Idee an sich ist. Am Ende zählt nur die Umsetzung.

Ähnlich gilt das für alle Fälle, in denen das Produkt zwar ausgeliefert wird, aber wesentlich von dem abweicht, was einst versprochen wurde. Die Differenz von der ersten Idee über einen Prototypen bis hin zum massenhaft produzierten Gerät kann immens sein.

Wer also ein spannendes Kickstarter-Projekt entdeckt, sollte sich auf jeden Fall damit beschäftigen, ob die Macher überhaupt die entsprechenden Qualifikationen besitzen, um es umzusetzen. Wichtig ist auch zu beurteilen, wie viel Vorarbeit schon geleistet wurde und ob es Erfahrungen aus ähnlichen Produkten und Projekten gibt. Und selbst dann kann es sein, dass ein Produkt niemals fertig wird oder anders auf den Markt kommt. Das erlebt man schließlich nicht nur bei Kickstarter.

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