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05.10.13Leser-Kommentare

Gear Acquisition Syndrome: Mein Name ist Thomas und ich habe G.A.S.

Das Gear Acquisition Syndrome ist auf dem Weg, zu einer richtigen Krankheit zu werden - zumindest wenn man die immer regeren Online-Diskussionen als Indikator nimmt.

4689468720_b8408a8385_zAls Gear Acquisition Syndrome bezeichnen wir das zwanghafte Kaufen von Gadgets wie Kameras, Gitarren oder sonstigen Gegenständen, die im weitesten Sinne zur Unterhaltungselektronik gezählt werden. Entsprechend finden sich im Web auch Abwandlungen des Begriffs wie Guitar Acquisition Syndrome oder Gadget Acquistion Syndrome.

Das Gear Acquisition Syndrome oder kurz G.A.S. ist keine neue Erscheinung: 1996 hat sich der Steely Dan-Gitarrist Walter Becker darüber Sorgen gemacht - und aufgezeigt, was die Konsequenzen sein könnten:

Picture yourself dragging your ass through eternity with all those guitars strapped to your back. In hardshell cases, not gig bags.

Angesichts der drohenden negativen Konsequenzen für sein eigenes Karma bezeichnete er die Situation als gravierend und dramatisch. Bis heute hat sich die Situation nicht verbessert - im Gegenteil. Teuflische Gadget-Blogs

Die Produktinnovations-Zyklen werden immer kürzer. Jedes Jahr ein neues, bis dahin noch nie da gewesenes Smartphone. Natürlich muss man das kaufen - wer will schon nicht mit vorne dabei sein? Digitalkameras erfinden sich ebenfalls im Jahrestakt neu. Und wenn den Herstellern nichts einfällt, bleibt immer noch der Retrolook als "Feature".

Medien und natürlich das Internet mit der minutengenauen Berichterstattung verstärken diesen Trend und erhöhen den Druck. Test- und Reviewseiten, Geräte-Foren und Gadget-Blogs sind der geeignete Nährboden für wuchernde Kaufgelüste.

Aufklärung, der erste Schritt Richtung Prävention und Heilung tun Not. Joshua Sarinana hat sich auf Petapixel.com darum verdient gemacht: Eine fundierte und ernstgemeinte Darstellung der neurologischen Abläufe, die zu G.A.S. führen. Er weiss, wo das Böse sitzt:

There’s an endless supply of gear to buy and when acquiring gear is used to reduce anxiety, a vicious stress-reward cycle sets in leading to gear acquisition syndrome.

Der Fotograf Yanick Delafoge unterstützt mit einem Blogbeitrag die Früherkennung. Er listet darin 12 G.A.S.-Symptome auf, die eine Selbstdiagnose erleichtern. Er bezieht sich auf Fotografen, allerdings können Betroffene anderer Gadget-Kategorien die Testfragen einfach auf den individuellen Fall abwandeln. Ganz klare Hinweise scheinen mir die Antwort auf folgende Fragen zu geben:

  • Du wartest stundenlang am Fenster auf den DHL-Lieferwagen.
  • Du sitzt nachts um drei vor dem Computer, um das Ende der Ebay-Auktion eines japanischen Verkäufers abzuwarten.
  • Du überlegst, den Familienwagen zu verkaufen oder die Hypothek zu erhöhen, um dir neue Gerätschaften anzuschaffen.

(Wer die dritte Frage bejaht, sollte hier bitte aufhören zu lesen und sich um einen Termin beim Psychiater seines Vertrauens bemühen.)

Arbeit wertlos, wenn neues Gadget nicht vorhanden

Natürlich gibt es auch Erfolgsgeschichten: G.A.S.-Betroffene, die es nach Jahren geschafft haben, ihre Krankheit zu überwinden. Oliver Duong, ein Fotograf aus Florida, schildert seinen Leidensweg in drei Blogbeiträgen von epischem Ausmass: Confessions of an ex gear addict: How buying cameras and lenses made me miserable and lose thousands. Dabei macht er eine besonders teuflische Spirale aus:

  • Der G.A.S.-Trigger: Normalerweise eine Website oder ein Forum, ein Hinweis auf neue Gadgets, der seine Kauflust anstachelte.
  • Die G.A.S.-Routine: Der Trigger löst bei ihm die Routine aus - böse Gedankengänge, dass er und seine Arbeit wertlos seien ohne die neue Kamera oder das bessere Objektiv.
  • Der G.A.S.-Reward: Sofortig Belohnung! Das orgiastische Gefühl, die neue Kamera, das Tablet, den internationalen Stromadapter in den Händen zu halten.

Darauf folgt, wie es alle Betroffene immer wieder schildern, die Gewöhnung. Die zuverlässigste Art und Weise, wie wir neue Dinge lernen und dann für alltäglich halten: Wir gewöhnen uns daran, das neue Gadget verliert seinen Reiz und wir fallen gleich dem nächsten Trigger anheim.

Verschwörung der Industrie

G.A.S. ist zur Zeit noch nicht als Krankheit anerkannt - was angesichts des globalen epidemischen Ausmasses überrascht. Aber das Leiden hat es nicht in die neue Ausgabe des ICD-10 geschafft, der internationalen Klassifikation der Krankheiten der WHO. Selbst der Eintrag im englischsprachigen Wikipedia wurde vor einigen Jahren gelöscht - es mag nach Verschwörung tönen, aber natürlich hat die Industrie das grösste Interesse, G.A.S. aus der Öffentlichkeit rauszuhalten.

Deshalb setzen wir bei neuerdings.com auf verantwortungsvollen Umgang mit Gadgets - und raten zum besonnenen und abwägenden Kauf der entsprechenden Güter. Ausser, das bereits vorhandene Equipment wäre um Monate überaltert, neue Technologien würden massive Erleichterungen mit sich bringen (Finger-Scanner!) oder - ganz generell - man hätte sich schon lange nichts mehr gegönnt. Viel Spass!

Bild: ceedub13 bei flickr.com (CC BY 2.0)

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Kommentare

  • ctn

    05.10.13 (09:40:46)

    Ich glaube, es wurde deshalb nicht ins ICD-10 aufgenommen, weil es sich meiner Meinug nach als Sammelzwangsstörung ganz gut einordnen ließe und man nicht eingesehen hat, dafür eine neue Krankheitsbildbeschreibung einzuführen. Disclaimer: Ich bin kein Mediziner. Eine endgültige Einordnung sei Fachleuten überlassen.

  • Ungeheuler

    05.10.13 (13:16:37)

    Es gibt nix was es nicht gibt. Selbstkontrolle ist wichtig. Sonst hätte ich kein Geld mehr. ;-)

  • Loba74

    07.10.13 (07:45:40)

    Liesse sich das nicht in die Oberkategorie "Kaufsucht" einordnen? Vielleicht eine spezielle Form, aber die Prinzipien sind doch mehr oder minder dieselben..?

  • mega

    07.10.13 (18:33:15)

    Gut, das man von manchen Geräten nur 1 braucht, bzw meist sogar nur 1 sinnvoll nutzen kann. Z.B. das Handy, die meisten werden wohl ihrem Modell treu sein und erst den Nachfolger kaufen. Also, nicht querbeet alles von jedem Hersteller kaufen Bei einem jährlichen Produkt-Zyklus kommt man da noch gut mit kaufen nach, das Vorgänger-Modell ist dann über eBay leicht zu Entsorgen. Ähnlich bzw sogar 'besser' ist es zumindest bei mir mit Digital-Kameras. Die Sony Nex 5R gabs vor nem Jahr schon, der neue Nachfolger ist bis auf unnützes NFC genau gleich. Also keinerlei Kauf-Grund. Ist bei anderen Herstellern aber ähnlich. Nicht jeder Nachfolger ist soviel besser, das man ihn braucht, teilweise sogar schlechter. Und Objektive sammeln, die man ständig wechseln muss? Vermutlich kommen auch Profis bei genauer Betrachtung mit einer sehr geringen Anzahl aus. Wichtig auch hier: Unnötiges verkaufen, solange es noch Geld bringt. Und man wird auch (hoffentlich) zu der Erkenntnis kommen, das Besitz belastet. Mehr Computer machen mehr Arbeit, um alles am laufen zu halten (z.B. Updates, Daten-Synchronisierung). Gleiches gilt bei Smartphones und im Grunde allen Geräten mit Akku und/oder Mechanik. Das Zeug geht einfach kaputt, wenn es ungenutzt rumliegt. Generell: Ersetzt ein neues Gerät ein altes und gibt sich nicht direkt eine sinnvolle Verwendung für das Alte, so wird sich dies ziemlich sicher auch nicht ändern. Daher dann das Alte verkaufen solange es noch Wert hat. Sollte man es zufällig irgendwann doch wieder brauchen, holt man es sich Gebraucht per eBay zurück, das kommt fast immer billiger als hätte man das Gerät selber aufgehoben. Und alles, was in Keller, Dachboden, Garage o.ä. länger lagert, rostet, schimmelt, verdreckt, o.ä. (Was auch ein Vorteil sein kann, so kann man es nach ein paar Jahren wegwerfen, da man es ja doch nicht mehr brauchte) Ich mag moderne und gute Technik. Dennoch überlege ich, ob der Kauf sinnvoll ist. Und das alte Gerät wird verkauft. Die Erfahrung zeigt, das es sonst doch nur rumliegen würde, bzw nach dem Verkauf auch nicht vermisst wird.

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