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05.02.13

Erste Hands-ons: Firefox OS kopiert viel von Apples iOS – zu viel?

Die ersten Tests, Videos und Bilder des neuen mobilen Betriebssystems Firefox OS sind erschienen. Die Nähe zu Apples iOS ist dabei unverkennbar. Die Initiatoren, Mozilla und Telefonica, wollen nach eigenen Angaben Schwellenmärkte damit erreichen. Geht es in Wahrheit darum, Menschen ein iOS light zu geben, die sich kein iPhone leisten können oder wollen?

Wir haben in den vergangenen Wochen viel über neue mobile Betriebssysteme geschrieben und den Trend im Großen und Ganzen auch begrüßt. Neue Systeme bedeute meistens auch Innovationen, neue Funktionen, Weiterentwicklungen alter Designs, die ein wenig in die Jahre gekommen sind. Mehr Vielfalt für die Massen, die iOS und Android überdrüssig geworden sind, Alternativen zu den geschlossenen Plattformen der Großkonzerne. Und nicht zuletzt auch Systeme mit weniger Anspruch an Hardware und Entwicklungs-Ressourcen, damit auch Menschen in Schwellenmärkten Smartphones nutzen können. Mozilla und Telefonica, die Entwickler des Firefox OS, sehen ihr System als Alternative gerade für Menschen in ärmeren Ländern. Aber ganz ehrlich: Was sie da zeigen, ist mir nicht Innovation genug.

Systementwickler von heute schlafen natürlich nicht. Jeder schaut sich ein wenig was vom anderen ab. Die App-Bildschirme der meisten Systeme orientieren sich am iPhone, und das iPhone hatte hier nur die Ansicht früherer Systeme aufgehübscht. Notifications stammen von Android. Mail-Oberflächen, Einstellungsmenüs, virtuelle Tastaturen: Bei keinem OS wurde das Rad neu erfunden; einzelne Dinge: ja, alles: nein. Die Entwickler lernen voneinander und bauen ihre Software aufeinander auf. Das geht auch in Ordnung, solange man eine eigene Handschrift klar erkennen kann. Bei Firefox OS sehe ich die nicht.

Sehr viele Ähnlichkeiten

Einige Tage, nachdem die ersten Entwickler-Smartphones Keon und Peak an Tester gegangen sind, sind nun einige Hands-on-Videos des neuen Systems erschienen. Und, Mozilla und Firefox-Fans mögen mich dafür hassen, aber was ich da sehe, erinnert mich zu sehr an Apples iOS. App-Screens mit vier bis fünf Zeilen ohne Widgets, darunter eine feste Leiste mit den wichtigsten Apps. Ein einzelner Home-Button, die Typographie beim Tastenfeld der Telefon-App, die Schieberegler in den Einstellungen, die einzelnen Schaltflächen: iOS, iOS, iOS. Und was nicht wie von Apple übernommen aussieht, erinnert an Android: Die Statusleiste am oberen Bildschirmrand, das Einstellungsmenü, eine Leiste in den Notifications für das Energiemanagement, die es unter Android in ähnlicher Form als Widget gibt.

Ja, natürlich, es gibt Unterschiede. Im Firefox OS sind die App-Icons rund, unter iOS quadratisch mit abgerundeten Ecken. In die Menüleiste lassen sich offenbar auch mehr als vier Icons unterbringen. Der Startbildschirm verhält sich etwas anders und natürlich gibt es einzelne Kniffe, die anders sind. Es ist mir auch nicht unsympathisch, was ich da sehe: Es scheint solide und schnell zu funktionieren, leicht bedienbar zu sein, freundliche Typographie zu verwenden. Und natürlich: Firefox OS ist offen, will jeweils die neuesten Web Standards verwenden. Daumen hoch dafür.

Aber optisch wirkt Firefox OS auf mich im Großen und Ganzen zu nah an iOS. Näher als ein Android in seinen früheren Versionen es jemals war und auch näher als eigentlich alle anderen heutigen Systeme es sind. Blackberry 10 und Windows Phone ist die Andersartigkeit klar anzusehen, Android hat sich ebenfalls in eine völlig eigene Richtung entwickelt. Firefox OS imitiert iOS in meinen Augen wesentlich deutlicher als alle anderen.

Nicht nur Nachteile

Meinetwegen sollen sie das machen. Mozilla will mit dem System ohnehin an Schwellenmärkte heran, in denen iPhones noch keine weite Verbreitung haben. Firefox OS scheint schlanker zu sein und auf weniger leistungsfähiger, preisgünstigerer Hardware zu laufen. Apples iOS ist für seine einfache Bedienung bekannt. Firefox OS folgt dieser Devise und kann damit vielen Menschen ein iPhone-ähnliches Vergnügen zu einem deutlich geringeren Preis anbieten; iOS light sozusagen. Menschen, die nie zuvor ein Smartphone besaßen, könnten mit einer Firefox-Hardware in Bälde in den Genuss kommen: mit einer iPhone-ähnlichen Software zu einem Bruchteil dessen, was ein iPhone kostet.

Und sollten sich die Gerüchte bewahrheiten, dass Apple an einem massiven Redesign seiner Betriebssysteme arbeitet, dann könnte Firefox OS das Erbe des heutigen iOS antreten - während auf iPhones und iPads schon bald etwas ganz anderes prangt. Dennoch, trotz allem: Etwas mehr eigenes Design hätte ich mir von Firefox OS gewünscht. Wo sind die Innovationen? Wo ist das Alleinstellungsmerkmal? Was ist daran wirklich anders? Ich sehe nichts.

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