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19.09.16Kommentieren

Software

Digital Detox: Auszeit für Smartphone-Süchtige - per App?

W.D. Roth

Das Smartphone weniger nutzen – mit Hilfe des Smartphones. Das klingt so absurd wie „Trocken werden mit Hilfe von Whisky“, was selbst mit dem übelsten Fusel schwer fallen dürfte. Doch der sogenannte Digital Detox kann klappen. Wir zeigen, wie.


(Bild: Pixabay)

Moderne Süchtige sind immer „on“

Das Internet und Smartphones haben viele Vorzüge. Egal, wo man ist, man kann sich schnell informieren, beispielsweise wo ein gutes Restaurant ist oder wie man zum Bahnhof kommt und wann der nächste Zug fährt. Man erfährt aber auch jede Menge überflüssiges Zeug: Wer gerade im ICE kein Bier mehr bekommt, wem langweilig ist, wer sich eine Kuh im Onlinespiel Farmville gekauft hat und was Herr Müller in seiner Freizeit über Frau Schmidt denkt.

Dagegen hilft eine im „Always On“-Zeitalter eine fast vergessene, doch auch bei modernen Smartphones noch vorhandene Funktion: Abschalten. Herunterfahren. Nun kann man ein Nickerchen halten, lesen (richtig, ganze Sätze, auf Papier oder einem E-Book-Reader ohne Smartphone-Funktionen), Musik hören (auf einem iPod ohne Phone).

Sie können nicht abschalten, weil Sie denken, dass Sie etwas verpassen könnten? Schauen Sie auch ständig aufs Smartpone-Display, um immer "up to date" zu sein? Dann gehören Sie wahrscheinlich zu den Millionen von Handy-Süchtigen. Laut einer Statistik der Humbold-Universität Berlin verbringen wir alle durchschnittlich fast drei Stunden am Tag mit dem Smartphone.

Digitaler Bewährungshelfer

Wissen Sie, dass Sie Smartphone-Süchtig sind und einen Digital Detox benötigen? Dann helfen Sie sich selbst - per App.

Das mag seltsam klingen: Noch mehr Beschäftigung mit dem Smartphone, um davon loszukommen? Doch spezielle Apps setzen genau da an, wo das Problem liegt: am Handy.

Die Anwendungen sollen einen davon abhalten, das Mobilgerät ständig zu benutzen. Dabei legen sie es nicht völlig lahm und nehmen einem die Angst, doch etwas Wichtiges zu verpassen und plötzlich ohne Job dazustehen. Was im Übrigen auch und gerade mit dem Smartphone passieren kann, wenn Sie Ihre Finger im Gespräch mit dem Chef auch nicht davon lassen können...

Apps für den Smartphone-Entzug

Die Idee einer „Abstinenz-App“ hatten mittlerweile einige Start-ups. Die Umsetzung ist mal simpler, mal komplizierter. In der Grundversion sind alle Apps kostenlos, ausgefeiltere Features und Statistiken sind dann später teilweise zu bezahlen.

Wir stellen Ihnen hier ein paar gute Apps für den Smartphone-Entzug vor.

STFU: Schnauze, verflucht noch mal!

„STFU“ steht für „Shut The Fuck Pp“, auf Deutsch etwa "Schnauze, verflucht nochmal". Das ist schon sehr umgangssprachlich für „Ruhe bitte“ und bereits Gegenstand von Abmahnungen gewesen. Nein, nicht wegen unflätigen Verhaltens, sondern wegen Markenrechtsverletzungen - auf T-Shirts. Für eine App durfte es also wohl durchgehen.

Die App STFU soll also dafür sorgen, dass das Handy „die Schnauze hält“? Nein, falsch geraten. Das muss schon der Besitzer selbst tun, indem er es in den Flugmodus schaltet. Dann kommen keine Anrufe und SMS mehr an. Die App zählt dann, wie lange das Telefon inaktiv geschaltet war und belohnt den Besitzer mit Gutscheinen.

Unschön dabei:

  • Ein komplettes Abschalten wird nicht belohnt, nur der Standby-Modus
  • Wichtige Anrufe gehen verloren
  • WLAN ist auch im Flugmodus möglich: E-Mail, WhatsApp, Facebook, Twitter und Schlimmeres bleiben also aktiv.
  • Der User wird nicht von der Nutzung des Smartphones abgehalten.

Shut App: Schnauze!

Ähnlich arbeitet die immerhin etwas höflichere App namens Shut App. Ungeschickt hierbei ist, dass unter diesem Namen auch andere, artfremde Apps zu finden sind.

Shut App setzt mehr auf das spielerische Element: Der Nutzer gibt selbst eine Zeit vor, während der er das Smartphone nicht anfassen will. Diese läuft dann als Stoppuhr ab. Blockiert wird allerdings nichts, und reagiert der Besitzer vor Ablauf der Zeit auf Telefonklingeln, WhatsApp-Benachrichtigungen oder simples Fingerjucken, so hat er „verloren“. Wobei die App das nicht immer mitbekommt. Der User kann also sich und die App betrügen.

Interessanter fällt das Feature aus, mit Shut App eine Gruppensitzung zu veranstalten: In diesem Fall verabreden sich mehrere Freunde, gemeinsam eine bestimmte Zeit „abstinent“ zu bleiben. Wer dann zuerst wieder zum Smartphone greift, hat verloren. Allerdings könnte dies dann wiederum gerade dazu verleiten, öfters nach dem Gerät zu sehen.

Offtime: Auszeit!

Sinnvoller erscheint uns Offtime. Hier wird tatsächlich geblockt, und zwar nach Einstellung des Nutzers auf Wunsch in unterschiedlichen Profilen: In der Arbeit werden private Kontakte geblockt, zuhause dagegen berufliche und bei „Zeit für den Partner“ möglichst alle. Schließlich will man ja nicht mitten in Dingen gestört werden, bei denen Telefonieren denkbar ungünstig ist. Notfälle werden auch dann durchgestellt, womit mehrfache Anrufe gemeint sind. Damit kommen dann allerdings auch ausgerechnet nervige Werbeanrufe und andere penetrante Nervensägen durch.

Mit der Blockier-Funktion werden nicht nur Telefonkontakte geblockt, sondern auch andere Kommunikationskanäle und auf Wunsch ganze Apps wie Facebook oder Whatsapp. Auch hier kann man Freunde zum gemeinsamen Nicht-Kommunizieren einladen. Ebenso ist eine Nutzungsstatistik verfügbar. In Firmen können auch ganze Teams mit Offtime verwaltet werden – ob nun dazu, dass in Meetings Ruhe herrscht, am Arbeitsplatz nicht gespielt wird oder der Chef zuhause niemand stören kann.

Knifflig ist hier nur, dass die App natürlich über jegliche Kommunikation Bescheid wissen muss, um sie blockieren zu können. Wer auf Datenschutz Wert legt, könnte Bedenken haben.

Flipd: App-Verschwindibus

Ebenfalls interessant ist das vom Kollegen Frank Müller getestete Flipd: Hier werden für einen voreinstellbaren Zeitraum alle Apps außer Telefon, E-Mail und Rechner versteckt. Man ist also noch erreichbar, doch kann man nicht mehr mit „Herumdaddeln“ prokrastinieren.

Eine gangbare Lösung, wenn das Problem der ständigen Unterbrechungen nicht von außen kommt, sondern man selbst nicht bei der Sache bleiben kann.

Weniger ist mehr?

Alternativ kann man natürlich selbst darauf achten, sich nicht in Kommunikationsmöglichkeiten zu verzetteln: Ein WhatsApp, das erst gar nicht installiert ist, kann auch nicht stören; ein Spiel, das sich nicht auf dem Handy befindet, keine Zeit stehlen.

Zudem: Das Telefon lässt sich auf Lautlos stellen, nur Chef und Partner dürfen noch vibrieren und E-Mail muss man nur ansehen, wenn dazu Zeit ist, ohne Benachrichtigung außer dem Symbol in der Leiste. Und es muss ja auch nicht jeder die Mobilfunknummer haben.

Schon stresst das Smartphone weit weniger, doch die Freiheit, selbst wichtige Dinge nachzuschlagen, bleibt.

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