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24.11.12Leser-Kommentare

Blackberry 10, Sailfish und Firefox OS: Was die neue Generation mobiler Betriebssysteme alles kann

Der Markt für mobile Betriebssysteme scheint abgesteckt: Android ist Marktführer, an Apples iOS kommt kein Entwickler vorbei, Microsoft tut alles dafür, um Windows Phone als dritte Kraft zu etablieren. Ist da noch Platz für andere? Ja, wenn sie etwas Neues bieten. Die bald startenden drei Systeme Blackberry 10, Firefox OS und Jolla/Sailfish wollen genau das. Wir stellen sie euch vor und loten ihre Chancen aus.

Blackberry 10

Was macht jemand, der mit dem Rücken zur Wand steht und ein Bataillon seiner Feinde mit gezücktem Schwert auf sich zu stürmen sieht? Wenn er Thorsten Heins heißt und Chef des Blackberry-Herstellers RIM ist, dann greift er zu einer List. Schon in absehbarer Zeit, so Heins, würden die neuen Blackberrys Laptops und PCs überflüssig machen. Blackberry-Besitzer hätten ihren Computer bereits in der Hosentasche, sagte er der "New York Times" und präzisierte gegenüber The Verge, dass er den Wandel auch in Unternehmen schon in zwei bis drei Jahren erwarte. Und damit hat er die Front verschoben. "Feind" der anderen Smartphone-Hersteller ist eine andere Wirtschaftsbranche, RIM nun ein Mitstreiter im Kampf gegen die PC-Hersteller. Clevere Taktik von Heins - aber ist das Szenario auch realististisch?

Ein gutes Jahr vertröstete RIM seine immer noch zahlreichen Fans auf das neue, sagenumwobene Blackberry 10. Ein System, das RIM wieder auferstehen lassen und Blackberrys in jedermanns Hosentasche bringen soll. Ende Januar soll es denn auch endlich so weit sein. Auf Bildern und Videos der Entwickler-Alpha B, die RIM Ende September vorgestellt hat, war die frische Version aktueller Betriebssysteme zu sehen. Im geplanten Blackberry Hub laufen alle Benachtichtigungen des Systems (entgangene Anrufe, Kurznachrichten, neue Mail, Tweets etc.) zusammen.

Das allein wäre noch nichts, was Android und iOS nicht schon hätten. Der Blackberry Hub allerdings soll mehr liefern, Kontakte mit Terminen verknüpfen und damit vor Geschäftsterminen eine Art Zusammenfassung liefern. Ohnehin verwischen die Grenzen zwischen Apps. Wer seine E-Mails öffnet, kann sich etwa mit einem Wisch vom oberen Bildschirmrand seine Termine einblenden lassen. Crackberry hat im September einige der neuen Funktionen in einem Video vorgestellt:

Blackberry 10 soll außerdem mit Active Frames arbeiten, einer Miniaturansicht geöffneter Anwendungen auf einer Seite - eine Weiterentwicklung von Widgets wie aus Android und Live Tiles wie aus Windows Phone. "Peek and Flow" heißt eine Funktion, die es erlaubt, vordefinierte Apps mit einer Geste einzublenden, ohne die aktuell geöffnete App zu schließen. Blackberry 10 wäre das erste System, das einen privaten und einen geschäftlichen Nutzeraccount auf einem Gerät vereint. Das bedeutet zum Beispiel Apps für die Arbeit, die in der Freizeit grau hinterlegt werden und umgekehrt. Ferner soll Blackberry 10 mit anderen Funktionen zu bestehenden Systemen aufschließen. Das umfasst etwa eine Wischgesten-Eingabe wie Swype und natürlich einem Content Store für Musik, Videos und E-Books. Blackberry 10 soll jQuery und HTML5 unterstützen. Entwickler sollen außerdem mit einer eigenen Android-Runtime angelockt werden.

Jolla Sailfish OS

Nokia kündigte in diesem Jahr massive Stellenkürzungen an und verabschiedete sich außerdem von seinem Betriebssystem MeeGo. "Machen wir doch eine Tugend daraus", dachten sich ehemalige Nokia-Mitarbeiter. Sie gründeten ein Startup namens Jolla, nahmen ihre Erfahrung mit und kündigten eine Weiterentwicklung des vernachlässigten Systems oder, genauer, dessen Ableger "Mer" an. Hier ein erster Vorgeschmack:

Viel gibt es von Jolla bislang noch nicht zu sehen, doch erste Videos mit der Benutzeroberfläche zeigen den bei MeeGo typischen "unendlichen" Homescreen und einen Sperrbildschirm mit Benachrichtigungen. Ferner sollen sich mehrere geöffnete Apps in einer Mischung aus Widget und Vorschau auf einem Bildschirm anzeigen und dort auch bedienen lassen. Das Konzept wäre vergleichbar mit den oben erwähnten Blackberry Active Frames: Multitasking auf eine ganz andere Art. Einfache Wischgesten sollen den Wechsel zwischen Apps bewerkstelligen. Entwicklungsumgebung für Jolla ist der weit verbreitete Qt Creator, auf dem Entwickler Apps für verschiedene Systeme entwerfen können. Jolla soll im kommenden Jahr zunächst in China starten.

Firefox OS

Bisherige Bildbeispiele von Patryk Adamczyk auf dem MozCamp in Warschau im September zeigen eine Benutzeroberfläche, die teilweise wirkt wie frisch vom Designer geschneidert. Ein Demo-Video zeigt, dass das auch in der Praxis funktionieren kann:

 

Dennoch fühlt man sich beim Firefox OS weit mehr als bei den oberen beiden Systemen an Apples iOS erinnert. Das Multitasking ist an Android angelehnt. Wesentlicher Unterschied allerdings: Firefox OS soll gänzlich auf offenen Standards basieren. Telefonica ist ein erster Partner Mozillas und will das System Anfang kommenden Jahres zunächst in einem ZTE-Smartphone nach Brasilien bringen. Selbst wenn das wirklich augenfreundliche Design auch in der Praxis reibungslos läuft: Viel Neues findet man hier nicht. Das System ist frei, ja. Aber wenn das schon das Hauptargument ist, um darauf umzusteigen, dann fehlt in meinen Augen noch etwas.

Fazit

Jetzt heißt es erst einmal abwarten und testen, wie sich die drei Systeme in der Praxis wirklich schlagen. Die bisherigen Infos sind nur als Appetithäppchen zu betrachten. Schon hier wird aber deutlich, welches der oben gezeigten Systeme am meisten Erfolg verspricht: Blackberry 10. Alle heutigen Systeme bauen ein Stück weit aufeinander auf, nehmen dieses Element von System A und jenes von System B. Bei Sailfish und Blackberry 10 fällt aber auf, dass man noch einen Schritt weiter gedacht und bisherige Entwicklungen um eigene Ideen erweitert hat; BB10 wirkt direkt innovativ. Läuft das System in der Praxis reibungslos, hat RIM wirklich die Chance auf ein erfolgreiches Comeback. Die anderen beiden werden es schwerer haben, Anwender zu überzeugen.

Und in Zukunft?

Der Trend geht weg von der isolierten, für sich alleine kämpfenden App, hin zum Hub. Windows Phone 8 zeigt das seit rund einem Monat in ersten Ansätzen: Alles in einem Raum, statt den Nutzer von der Map-App zur Messenger-App, zur Kontakte-App zur Telefon-App zur Kalender-App springen zu lassen. In Ansätzen zeigen dieses Prinzip RIM mit dem Blackberry Hub, Google mit Google Now in Android 4.1 und 4.2, sowie Apple mit der Ticketsammel-App PassBook in iOS 6. Und damit wären wir auch endlich ungefähr am Anfang von dem, was viele Visionäre vor wenigen Jahren als Web 3.0 bezeichnet haben: Systeme, die "mitdenken". Jetzt geht es damit endlich los.

Kommentare

  • predator

    24.11.12 (19:04:09)

    Sehr guter Artikel, vielen Dank dafür. Ich stimme Ihnen zu - BB 10 hat mit Abstand am meisten Potential. Ich freue mich schon sehr auf den Launch von BB 10. Bisher besitze ich kein Smartphone, da ich keines der Betriebssysteme Andoid, iOS und W.P. verwenden möchte. Daher beruhen meine Hoffnungen auf BB 10. Viele Bekannte von mir besitzen ein Android, die meisten davon sind aber nicht zufrieden damit - beim nächsten Smartphone-Kauf werden sie kein Android mehr kaufen. Vielleicht aber BB 10.

  • Drake

    26.11.12 (10:13:57)

    Hoffentlich ist auch die Laufzeit bei BB10/Sailfish/Firefox OS entsprechend lang bzw besser. Es kann doch nicht sein, das ich bei einem IOS/Android Telefon jeden Tag den Netzadapter bemühen muss, weil ich es gewagt habe eine halbe Stunde ins Internet zu gehen und eine halbe Stunde telefoniert habe... Wo sind die Zeiten geblieben in der ein Telefon noch das machte wozu es erfunden worden ist - nämlich TELEFONIEREN. Ich für meinen Teil benötige kein All-In-One-Super-Duper-Computer-Tablet-Verschnitt der alles kann - aber dafür nichts richtig. Wenn das soweiter geht, dann habe ich bald wieder ein Standard Nokia (BSP) und einen FiloFax in Leder gebunden. In der Hoffnung das auch im Handybereich die "Energiewende" kommt ;-) mfg Drake

  • Linda

    26.11.12 (11:29:58)

    Also ich habe BB10 schon getestet - haben ein DevAlpha - das ist einfach genial - total innovativ und vor allem sehr benutzerfreundlich. Der Browser ist besser als der von ios und Android, auch die Kamera ist super. Aktuell ist es mein Favorit. Das BlackBerry Hub ist leider noch nicht für Entwickler freigegeben, aber die Live-Präsentationen auf den Jams zeigen eine geniale Funktionalität. Was vergessen wurde - mit BB10 ist BYOD für Firmen simpel. Es gibt einen völlig abgeschirmten Privatbereich auf dem Gerät der mit einem Fingertup aktiviert wird. Bisher geht das nur halbwegs bei Good und sonst leider bei keiner anderen Lösung (MDM und Co.) ohne rechtliche Bedenken.

  • Johannes

    26.11.12 (17:19:18)

    Sieht auf jedenfal sehr interessant aus. Wird auch zeit das Blackberry da mal was tut sonst sind die bald weg vom Fenster wenn sie jetzt nicht den Anschluss bekommen.

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