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27.01.10

Apple iPad: Der Luxus-E-Book-Reader

Apple hat das sagenumwobene iPad, das Tablet, vorgestellt: Es ist ausgelegt als Websurf- und Lesegerät für E-Books, andere Funktionalitäten scheinen eher nebenbei mitgeliefert zu werden. Was ist Eure Meinung?

Jason Calacanis ist ein Lügner... Und er hat wenige Stunden vor der Präsentation des Apple iPads die Erwartungen weiter hochgeschraubt.

Aber eigentlich hat er mit dem satirischen Gezwitscher nur illustriert, was sich in den letzen Wochen an Erwartungen aufgestaut hat.

Ich würde behaupten, die sind nur teilweise erfüllt worden, und auch wenn man sehr realistisch auf das Tablet gewartet hat, ist die Präsentation eher etwas ernüchternd ausgefallen: Es gibt, ausser dem E-Book-Reader, keine "einzigartige" Anwendung für das iPad. Und damit ist der Zweck und nicht eine Software gemeint.

Das iPad ist kein TV-Websurf-Videokonferenz-Gaming-Gerät. Es hat keine Webcam, keine Solarzellen und keine Thumbpads.

Im Wesentlichen handelt es sich um eine aufgeblasene Version des iPod Touch; die wird ausserdem in der teuren Version des iPads eine 3G-Datenanbindung kriegen.

Das Gerät verfügt über einen knapp zehn Zoll grossen Touchscreen, der aus einem hintergrundbeleuchteten LED besteht. Der Prozessor ist eine Eigenanfertigung von Apple und läuft auf 1GHz, was im Bereich der meisten Netbooks liegt - oder auch des Nexus One Smartphones von Google.

Von den gezeigten Anwendungen auf dem ultraschlanken Gerät, das aber einen breiten Rand um den Bildschirm aufweist, überzeugt eindeutig die E-Book-Software mit integriertem Buchladen am meisten. Sie ist typisch Apple-mässig sehr gut gestaltet und auf optische Intuition ausgerichtet, was vom Kindle von Amazon wirklich nicht gesagt werden kann.

Aber für einen E-Book-Reader ist das iPad von Apple erstens ganz schön teuer, und zweitens hat es das Problem des Stromverbrauchs. Wenn Apple "bis zu zehn Stunden" Betrieb mit Surfen oder Musikhören angibt, kann man von der halben Zeit ausgehen: 5 Stunden Lesezeit, dann muss das iPad an einen USB-Stromanschluss? Auf Flugreisen oder im Urlaub am Strand (wo auch das LED in der Sonne nicht ideal ist) sind das nicht die gewünschten Bedingungen.

Zwischenfazit 1: Als E-Book-Reader ist das iPad eine schöne, aber nicht optimale Lösung, weil zu wenig netzunabhängig und zu energieintensiv.

Ist es also das magische und revolutionäre Gerät zu einem unglaublichen Preis, als den es Apple anpreist?

Selbstredend kann erst mit Software das Potential des iPad ausgeschöpft werden: Ein 9.7-Zoll-Bildschirm mit einer grossen Soft-Tastatur könnte so manchem Netbook den Garaus machen.

Nur: Um es als Netbook nutzen zu können, braucht man das iPad mit der UMTS-Anbindung. Die ist erstens ziemlich happig teuer; zweitens ist in den USA UMTS nun mal nur bei AT&T oder T-Mobile zu kriegen, und beide haben nicht den besten Ruf.

Und schliesslich wird das iPad nur Datentransfers erlauben. Eine Telefonie-Lösung ist nicht vorgesehen; ohne Webcam ist das iPad, wenn es denn überhaupt eine Form von Voice Over IP erlaubt (wie auch Skype) nur halb so sexy. Calacanis hat da mit seinem Scherz von zwei Webcams die übersteigerten Erwartungen illustriert.

Die Geeks, die Netbooks gekauft haben und mit Windows XP oder einer Linux-Version herumspielen, wollen aus den kleinen Geräten alles herausholen, was der Prozessor hergibt. Netbooks sind Surfboards fürs Web und Arbeitsstationen für Schreiberlinge wie Blogger oder IT-Menschen, die auf Distanz arbeiten. Dafür ist das iPad offensichtlich trotz Zusatztastatur nicht optimiert und zu sehr ein Lifestyle-Gerät.

Zwischenfazit 2: Als Netbook-Ersatz sitzt da iPad nicht in der gleichen Nische: Es ist auf Medienkonsum, und nicht auf Inhalteproduktion ausgerichtet. Netbooks sind aber vor allem Schreibmaschinen für Cloud-Worker.

GPS und Kartenanwendungen sind in der 3G-Version integriert - aber als Routenplaner im Auto ist das iPad dann wohl doch zu gross, ausserdem hat Apple noch keine solche Anwendung; als Stadtführer für Touristen ist es ebenfalls nicht grade ein Ersatz für ein iPhone.

Ein Mikrofon ist integriert, und die Multimedia-Tauglichkeit des iPads ist - abgesehen von der wie bei iPhone und iPod Touch bestehenden Flash-Inkompatibilität im Browser - über alle Zweifel erhaben.

Aber wenn das Gerät nicht für unterwegs ausgelegt ist, bleibt es das Surftablet fürs Sofa und gelegentliche Ausflüge ins Café an der Ecke. Daheim wird man indes wohl Filme nach wie vor lieber auf dem 52-Zoll-Flat-TV ansehen und dazu die Surround-Sound-Anlage benutzen.

Zwischenfazit 3: Das iPad ist aufgrund des Formfaktors und der fehlenden Kommunikationslösung kein Ersatz für Smartphones wie das iPhone; im Hausgebrauch wird es auch nicht das TV-Gerät ersetzen.

Es ist eigentlich müssig, die Erwartungen mit dem Produkt zu vergleichen, aber wir wollen dennoch kurz aufzählen, was denn jetzt übrigbleibt von den Hoffnungen auf eine technische Revolution.

- Revolutionäre Bedienung: Nicht wirklich. Multitouch-Display auf LED-Basis kennen wir inzwischen zur Genüge, Lagesensoren ebenfalls.

- Idealdesign-Lesegerät für Zeitungen und Zeitschriften: Ist das iPad zweifellos, weil es einen Farbbildschirm hat, den die bisher bekannten E-Reader in dieser Grösse nicht bringen. Auf dem Kindle sind Magazine mit Farbbildern hoffnungslos verloren.

- Neuartige Energiekonzepte: Sind nicht zu erkennen. Im Gegenteil - eine Akku-Lebensdauer von vom Hersteller ausgewiesenen zehn Stunden im Dauerbetrieb dürfte sich im Alltag eher als fünf Stunden erweisen, und das ist doch arg wenig.

- Ein Kommunikationspad im Haushalt, das als Videotelefon und Spielkonsole dient: Kommunikationslösungen sind offenbar möglich, aber darauf zielt das iPad nicht ab. Spiele und vernetzte Wifi-Parties sind zweifellos eine attraktive Option, aber derzeit noch nicht mehr. Der Prozessor kann an Videokonsolenleistung niemals heranreichen.

- Der Tablet-PC, der unterwegs alles kann, was ein Notebook-Anwender von seinem Gerät erwartet: Das wäre noch nicht einmal im Interesse von Apple, würde es doch den eigenen Notebooks Konkurrenz machen. Mit dem iPhone-Betriebssystem und damit einem Software-Pool, der vorerst nicht auf Produktivität ausgerichtet ist, und iWorks ist das iPad zur Not für den Arbeitseinsatz brauchbar, aber es ist kein Notebookersatz.

Nimmt man nun zu diesen Einschätzungen die Preise, die zwar bei 500 Dollar anfangen, was attraktiv, aber immer noch das Doppelte des Kindle und mehr als die meisten Netbooks ist; setzt oben drauf, dass die Ausführung des iPads mit den vollen Anbindungsmöglichkeiten und ausreichend Speicher für eine Videothek auf das Doppelte ansteigen, dann wird die Frage nach dem Kundensegment und dem Usecase unumgänglich.

Für Leseratten als E-Book-Reader ist das iPad zu teuer und zu stromnetzabhängig, im Vergleich zum Kindle, der sich sofort nicht nur, sondern vor allem bei einer nicht-IT-affinen Konsumentenschicht als einfaches Gerät für einen Zweck durchgesetzt hat.

Das iPad könnte also ein Luxus-E-Book-Reader sein. Oder ein zusätzliches Medientablett, das als Notfall-Videoscreen dient, wenn die Kinder den Fernseher besetzen. Eine Spielkonsole für einfachere Games.

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Ich sehe keinen eindeutigen, typischen Anwendungsfall für das iPad, ausser den als Buchlesegerät - und dafür ist es mir zu teuer, zu stromhungrig und (noch) nicht mit einer Bibliothek von der Grösse jener Amazons gestützt.

Übrigens wird morgen früh Don Dahlmann von neuerdings.com im ZDF seine Einschätzung des iPads abgeben: Um Morgenmagazin um 6.40 und 8.40 Uhr. Nicht verpassen! Und: Usability-Experte und Blogwerk-CEO Peter Hogenkamp sieht die Dinge anders als ich -für diese "eierlegende Wollmilchsau" komme der Appetit beim Essen.

Was meint Ihr? Wollt ihr das iPad sofort haben? Welche Version werdet ihr kaufen? Wozu werdet ihr es einsetzen?

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