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19.03.14

Android Wear: Alles, was du über Googles Smartwatches wissen musst

Die Techwelt ist in Aufregung, denn nun hat Google "Android Wear" vorgestellt, seinen Vorstoß in den vieldiskutierten Markt der "Wearables". Erste Produkte sollen zwei Smartwatches von LG und Motorola werden, die im Sommer auf den Markt kommen. Das Konzept klingt interessant, aber es bleiben noch viele entscheidende Fragen offen.

Beispiel für einen Anwendungsfall: Die Uhr erinnert an einen Termin. Beispiel für einen Anwendungsfall: Die Uhr erinnert an einen Termin.

Google hat es nicht so mit Geheimnissen und so ist schon seit einer Woche bekannt, dass das Unternehmen tatsächlich etwas für den Wearable-Markt und speziell für Smartwatches vorstellen würde. Die Gerüchte dazu gab es natürlich schon wesentlich länger und wie sich zeigt, waren einige davon sehr treffsicher. Im Oktober hatte ich hier über das damals noch als "Google Gem" bezeichnete Projekt einer Smartwatch geschrieben, die vor allem Googles digitalen Assistenten Google Now in den Vordergrund rückt. Und genau das sehen wir in dem Konzeptvideo, mit dem Google sein Android Wear vorgestellt hat:

www.youtube.com/watch

Kurz zusammengefasst verknüpfen die Smartwatches diese Funktionen miteinander:

     

  1. Google Now: Googles digitaler Assistent versucht, stets nützliche Informationen parat zu haben. Er analysiert dazu, wo man sich befindet, wonach man bei Google gesucht hat und einiges mehr. Die Idee: Google Now hilft einem im Alltag weiter, ohne dass man selbst etwas dafür tun müsste.
  2. Sprachsteuerung: Mit "Ok Google" eingeleitet kann man per Sprache suchen oder auch Funktionen ausführen. Entwickler können ihre Apps für bestimmte Sprachkommandos "registrieren". Als Beispiel wird genannt: "Ok Google, take a note".
  3. Apps: Android-Entwickler können ihre bestehenden Apps anpassen, damit sie Informationen auf den runden oder eckigen Displays der Wearables anzeigen können. Zudem können Apps Daten und Aktionen zwischen Smartphone und Smartwatch austauschen.
  4. Notifications: Android hat bereits von Haus aus ein recht ausgefeiltes Benachrichtigungs-System. Diese werden nun auf den Android-Wear-Smartwatches dargestellt. Das soll laut Google auch ohne Anpassungen bei vielen Apps bereits recht gut funktionieren, aber Entwickler können ihre Apps entsprechend verbessern.
  5. Sensoren: Android Wear soll auch Daten von Sensoren verarbeiten können, beispielsweise für den Fitness- und Gesundheitsbereich.

Viele entscheidende Fragen offen

Das Video oben zeigt mit großer Wahrscheinlichkeit kein tatsächlich funktionierendes Produkt, sondern die Bildschirminhalte wurden später hinzugefügt. Ob das Display beispielsweise wirklich in allen gezeigten Lichtsituationen so klar ablesbar ist, werden erst Tests unter realen Bedingungen zeigen. Unklar bleibt zunächst auch, wie sich das Display einschaltet, denn es wird wohl kaum ständig anbleiben können. Auch gibt es keinerlei Angaben zu einem weiteren wichtigen Punkt: der Akkulaufzeit. Samsungs erste Galaxy Gear blamierte sich hier jedenfalls und hielt kaum einen Tag durch. Viele Menschen werden aber kein Interesse an einem weiteren Gadget haben, das sie jeden Tag oder sogar zwischendurch wieder aufladen müssen. Und nicht zuletzt: Es gibt keinerlei Informationen zu den Verkaufspreisen der Uhren.

Abwarten würde ich persönlich außerdem, wie gut die Bedienung im Alltag tatsächlich funktioniert. In einem Werbevideo sieht immer alles erst einmal sehr einfach und logisch aus. Mir wurde aber zunächst nicht klar, wann man beispielsweise nach oben und wann man zur Seite wischt. Wie geht die Uhr mit mehreren verpassten Benachrichtigungen um? Wie löscht man alte Nachrichten? Wo und wie nimmt man Einstellungen vor? Das wird sich dann alles bei einem Test zeigen.

Google Now ist einer der Trümpfe

Beispielscreens Beispielscreens

Die Grundidee, Google Now in den Vordergrund zu stellen, finde ich dabei noch immer sehr gut. Der digitale Assistent würde dann auf jeden Fall sehr viel mehr Sinn ergeben als jetzt auf Smartphones, denn dort muss man ihn explizit aufrufen, was wiederum der Grundidee eines selbst aktiv werdenden Assistenten widerspricht. Allerdings muss man hier sagen, dass der Assistent in der Praxis noch lange nicht so funktioniert, wie die Werbung suggeriert. Nebenbei bemerkt: Warum auf einer Uhr die aktuelle Temperatur erheblich größer angezeigt wird als die Uhrzeit, muss sich auch nicht unbedingt erschließen...

Für mich fraglich auch, wie viele Menschen zukünftig wirklich mit ihren Armbanduhren reden werden, wie es im Film oben gezeigt wird. Mir erscheint das wenig praktikabel. Googles Spracherkennung ist zwar bekanntlich extrem schnell und sehr akkurat. Dennoch halte ich es für unwahrscheinlich, dass man nun seine Nachrichten per Sprache beantworten wird, zumal es meist nicht bei einer Nachricht bleibt und ich persönlich auch nicht nur Dinge schreibe wie "komme in fünf".

Bei alldem sind die nun gezeigten Android-Smartwatches keine Standalone-Geräte. Sie werden also auf ein passendes Smartphone in der Tasche angewiesen sein. Und da sie sehr wahrscheinlich auf das stromsparende Bluetooth 4.0 LE setzen, werden die meisten Android-Besitzer vorerst draußen bleiben müssen. Inwiefern Android Wear auch das iPhone unterstützen wird, ist nicht bekannt. In der Vergangenheit hat Google schließlich häufig auch Apples Plattform mit einbezogen. Gut möglich, dass dies hier mit etwas Verzögerung ebenfalls passieren wird. Hier gibt es schließlich sehr viel mehr Geräte, die sich auf Bluetooth 4.0 verstehen. Und vielleicht könnte eine Android-Smartwatch auch ein gutes Lockmittel sein.

Zwei Modelle angekündigt

360-Grad-Ansicht der Motorola Moto 360. Für eine 360-Grad-Ansicht der Motorola 360 die Vorschau oben anklicken (GIF, 5,1 MB).

Zwei Modelle mit Android Wear wurden im Zuge der Ankündigung vorgestellt: die LG G Watch und die Motorola Moto 360. Besonders die kreisrunde Moto 360 fällt ins Auge. Allerdings sehen beide Uhren selbst auf den Pressefotos recht dick und klobig aus, wenn man einmal genau hinsieht. Und hier muss man immer noch einiges dazurechnen, denn für die PR werden die Geräte natürlich im bestmöglichen Licht abgebildet. Das runde Display der Motorola ist dabei hübsch anzusehen, hat aber in der Praxis Nachteile, weil das mit all den rechteckigen Dingen kollidiert, die es darstellen will. Aber vielleicht fällt das im Alltag am Ende ja nicht mehr so auf.

Und ob nun mit oder ohne Android: Es stellt sich auch hier die grundsätzliche Frage, inwiefern Smartwatches eine Gerätekategorie für die Masse sind. Als reines Zusatzgerät zum Smartphone machen sie zwar manches angenehmer und leichter, wenden sich damit aber vor allem an die Vielnutzer. Als Standalone-Gerät wiederum können sie als eine Art Zweithandy herhalten, aber wie viele Menschen dafür ein Bedürfnis verspüren, vermag ich nicht einzuschätzen. Ich persönlich glaube, dass das Styling hier eine wichtige Rolle spielt, denn Armbanduhren waren auch früher schon modisches Accessoire. Motorolas Moto 360 geht da schon in die richtige Richtung. Zudem gehört mit Fossil bspw. auch ein Uhrenspezialist zu den Partnern bei Android Wear. Wenn die Hersteller es schaffen, ein gut aussehendes Gerät herzustellen, das sich dann zudem noch nützlich macht, könnte das für ein Statussymbol reichen. Auf jeden Fall dürfte eine solche Smartwatch schneller akzeptiert werden als Google Glass.

Ein Detail aus dem Werbevideo führte übrigens zu allerlei Spekulationen: Der Moment, wo das Garegentor via Sprachbefehl geöffnet wird. Wie das genau funktionieren soll, wird nicht klar. Manche vermuten, dass dies eine Vorschau auf Googles Pläne in Sachen Home Automation ist. Schließlich haben sie je erhebliches Geld für die Firma Nest ausgegeben. Im Zusammenspiel mit Smartphones und Tablets, Android im Auto und in der Uhr ergibt sich da nach und nach ein durchaus interessantes Bild – oder ein beängstigendes, je nachdem, wie man Google gegenübersteht.

Fazit

Es ist kein Zufall, wenn ein Gerät in einem PR-Foto fast nicht zu sehen ist... Es ist kein Zufall, wenn ein Gerät in einem PR-Foto fast nicht zu sehen ist...

Die teils euphorische Begeisterung für die beiden vorgestellten Smartwatches und Android Wear generell kann ich alles in allem nicht nachvollziehen. Dafür sind zu viele Dinge noch offen wie beispielsweise Akkulaufzeit und Preis. Wie gut die Smartwatches im Alltag funktionieren, sollte man zudem auf jeden Fall abwarten und sich nicht von schönen Menschen und schwungvoller Musik in Hochglanz-Werbefilmen blenden lassen. Wir wurden in der Vergangenheit schließlich schon oft genug enttäuscht.

An sich aber hat Google hier alle Trümpfe in der Hand. Sie haben schließlich mit Android die erfolgreichste Mobilplattform der Welt zur Verfügung. Zudem arbeiten sie mit erfahrenen Hardwarepartner zusammen. Unter ihnen wird übrigens auch Samsung sein, die ja bekanntlich mit ihrer Gear-Serie selbst versuchen Fuß zu fassen. Im Gegensatz zu anderen, kleineren Konkurrenten wie Pebble legt Google somit einen fliegenden Start hin. Zudem hat Google betont, dass es bei Android Wear um mehr als nur Smartwatches gehe. Da können wir also gespannt sein.

Meine Erwartungen an die erste Generation dieser Smartwatches würde ich allerdings dezent herunterdrehen.

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