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13.01.13

alterdings: Philips D1680 – Radio hören in der S-Bahn

In der Rubrik alterdings beleuchtet neuerdings.com gelegentlich Novitäten von einst. Heute ist das Thema ein Taschen-Kopfhörer-Radio, wofür es einst diente - und warum es heute leider niemand mehr braucht.

In meiner Schulzeit hörte ich unterwegs, beim Spazieren oder in Freistunden gerne den AFN auf Mittelwelle. Dazu diente ein Mini-Radio in der Größe einer Streichholzschachtel mit dem Chip ZN414 und einem Ohrhörer, das mit Knopfzellen betrieben wurde, die ich schnell durch zwei wiederaufladbare NiCd-Zellen ersetzte. Die hingen dann zwar außen am Gerät, doch war es immer noch klein - und es sah ja normalerweise niemand.

Und dann kam der Walkman...

Das Radio war ein simpler Geradeausempfänger mit geringer Trennschärfe, doch das kam dem Klang zugute, der so deutlich besser war als bei üblichen Mittelwellenradios. Natürlich konnte man so aber auch nur naheliegende Mittelwellenstationen gut empfangen - den bayrischen Rundfunk und eben AFN. Der Ohrhörer war zudem unauffällig. Doch dann baute Sony die Erfindung eines deutschen Ingenieurs, den Walkman. Und auf einmal liefen alle mit Kopfhörern durch die Gegend. Da wurde es mir auf einmal zu peinlich, mit Kopfhörer herumzulaufen.

Wobei es durchaus interessant war, einmal so einen Kopfhörer, der durchaus auch zuhause zu günstigem Preis einen sehr guten Klang bot, unterwegs ohne das zugehörige Kassettengerät aufzusetzen, die meckernden Kommentare der Mitfahrer in der S-Bahn zu hören und durch eine unerwartete Antwort diese peinlich berührt erbleichen zu lassen - "Oh, ich dachte, Sie können mich nicht hören!" Fast so gut, wie sich zu mehreren über die Schlagzeilen der "Bild" des Herrn gegenüber solange zu amüsieren, bis dieser seine "Zeitung" peinlich berührt zusammenfaltete und weglegte.

Die ersten Privatsender

Radio unterwegs war dagegen kein Thema mehr, denn statt des AFN hörte ich mittlerweile die "Piratensender" aus Südtirol, die aber nur ganz schwach zu empfangen waren - und auf UKW. Das konnte das Streichholzschachtelradio nicht. Mir immer nur meine eigenen Kassetten anzuhören, war mir dagegen zu langweilig. Und der bayrische Rundfunk mit seiner Volks- und "Autofahrermusik" ebenso.

Doch dann kamen 1984 die ersten Privatsender nach München, sendeten zunächst direkt vom Haus des bayrischen Rundfunks in der Arnulfstraße, später vom Olympiaturm. Die konnte man also mit einem Taschengerät gut empfangen. Und sie waren es damals auch wert - heute im Zeitalter von "Morningshow" und "Dudelfunk" unvorstellbar, doch auf der Frequenz 92,4 MHz sendeten nun die Stationen, die zuvor aus Südtirol gesendet hatten, wie M1 und Radio Brenner.

Walkmen konnten damals so wenig Radio empfangen wie heute iPods, deshalb erwarb ich ein Philips D1680 Taschenradio und konnte nun in Stereo in der S-Bahn meine Lieblingssender hören - mit Armand Presser, Willi Zwingmann und anderen Moderatoren, die noch ihre Musik selbst auswählen durften.

Das plötzliche Ende meines Philips D1680

Zuende ging diese Zeit, als ich im August mit einigen Freunden die Erdfunkstelle Raisting besichtigt hatte und wir dort noch auf der Wiese neben dem Parkplatz picknickten. Eine Frau mit einem Kombi war der Ansicht, dass wir auf dieser Wiese nichts verloren hätten, sondern diese zum Parken bestimmt sei - wir sollten uns doch auf die zahlreich verfügbaren Parkplätze setzen. Diese waren ihr nämlich in der Augustsonne zu heiß, die offensichtlich auch ihrem Kopf bereits zugesetzt hatte. Jedenfalls fuhr sie ohne Vorwarnung mitten in unsere Runde, beschimpfte uns, sperrte das Auto ab und zog von dannen.

Meine Füße konnte ich gerade noch rechtzeitig einziehen, der Picknickkorb war dagegen sofort zerstört. Und auch das Philips D1680 war nachher nicht mehr zu gebrauchen: Es funktionierte noch, obwohl die Frau mit ihrem Kombi direkt drüber gefahren war, aber bei der kleinsten Erschütterung setzte nun der Empfang aus - zum Spazierengehen war es nicht mehr zu gebrauchen.

Unsere Runde überlegte erst, die Polizei zu holen, doch dann hatten schon einige von uns im ersten Schock - nicht nur ich hatte meine Füße gerade noch vor der rabiaten Frau retten können - fuchsteufelswild über die Ventile die Luft aus den Reifen des Kombis gelassen, weshalb wir dann auf die Polizei doch lieber verzichteten.

Da die interessanten Sender von den Münchner Medienverantwortlichen mittlerweile von der "92,4" und generell aus dem Äther vertrieben worden waren - lediglich Armand Presser kann man noch Donnerstags abends auf Rockantenne hören - schaffte ich auch keinen Ersatz mehr an.

Heute sind die Privatsender auf maximal 20 Minuten Hörbarkeit eingerichtet - danach wiederholen sich die Titel und Flachwitze. Heute kann ja auch jedes Handy UKW über Kopfhörer empfangen - nur will das eigentlich niemand mehr, zumal bis Ende letzten Jahres dafür dann auch noch zusätzliche Rundfunkgebühren fällig wurden, wenn es ein beruflich genutztes Handy war. Mit der heute auch nicht mehr üblichen FTZ-Nummer (11/521) ist das Philips D1680 deshalb nun in zweifacher Hinsicht ein Fall fürs Rundfunkmuseum geworden. Während die Kinds heute in der S-Bahn Gangsta-Rap hören - über den Handy-Lautsprecher.

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