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02.02.13

Alterdings: Sony lässt den letzten MiniDisc-Player vom Stapel laufen

Sie sollte einst die Audiokassette ersetzen, aber ein Erbfolgekrieg, hohe Einstiegspreise und der bald einsetzende Boom beschreibbarer CDs verhagelten der MiniDisc den Siegeszug. Ende März lässt Sony nun den letzten MD-Walkman vom Band laufen. Ein Rückblick.

Viele etablierte Technologien werden eines Tages durch technisch vermeintlich hochwertigere ersetzt. Und oft feiert die neue Technologie dann einen Siegeszug, wie Festplatten, die DVD oder die Musik-CD. Und dann gibt es wiederum Nachfolger, die in der Nische bleiben, gar floppen oder von einer noch neueren Entwicklung überholt werden.

Die Zip-Disk als Nachfolger der 3,5-Zoll-Diskette bot nur ein kurzes Schaulaufen - erfolgreichere Nachfolger wurden die beschreibbare CD, USB-Sticks und Speicherkarten. Die Bluray als designierter Nachfolger der DVD erreicht ihren Stellenwert nicht ganz - viele Filmfreunde sparen sich optische Medien gleich ganz und setzen lieber auf Direkt-Streaming aus dem Netz. Und auch die MiniDisc (MD) erreichte nie den gleichen Stellenwert, wie Audiokassetten es taten. Sony hat sich deswegen jetzt dazu entschlossen, keine MD-Player mehr zu produzieren. Auch wenn es die Scheiben vorerst weiter zu kaufen geben soll: Im März rollt der letzte MD-Player vom Band - nur etwas mehr als 20 Jahre nach dem Marktstart des ersten MD-Walkmans MZ-1. Warum ist die MiniDisc gescheitert?

Nun, streng genommen ist sie das nicht. Die MiniDisc war nicht derart erfolgreich wie die Musikkassette oder die beschreibbare CD. Sie ist aber weit davon entfernt, ein schlechtes oder verhasstes Produkt gewesen zu sein. In Sonys Heimatland Japan verkaufte sie sich ähnlich gut wie die CD. Viele Audiostudios und Radiosender arbeiteten auch hierzulande jahrelang mit der kleinen, digitalen Scheibe. Sie gilt als zuverlässig und wird für ihre gute Audioqualität geschätzt. Der unbestreitbare Vorteil gegenüber der Musikkassette ist ebenfalls nicht zu kontern: kein Leiern oder Bandsalat mehr möglich. Was also ist schief gelaufen?

Philips hielt dagegen

Ein Faktor war das Timing: Etwa zeitgleich mit Sonys MiniDisc brachte Philips 1993 seinen eigenen Kassetten-Nachfolger DCC (Digital Compact Cassette) heraus und beschwor damit einen Formatkrieg herauf. Laut einem "Spiegel"-Bericht aus dem gleichen Jahr lagen beide Geräteklassen trotz massiver Werbung wie Blei in den Regalen und bescherten dem längst als altmodisch verschrieenen DAT-Rekorder ein kurzes Revival.

Der Formatkrieg verunsicherte die Kunden wie rund zehn Jahre zuvor der Kampf zwischen VHS, Betamax und Video 2000: Welche Technik würde dauerhaft bestehen? Da beide Varianten hohe Anfangsinvestitionen erfoderten (ein MD-Rekorder kostete mehrere hundert D-Mark), schreckten die Kunden zurück. Laut dem "Focus" verkaufte Sony 1994 in Deutschland gerade einmal 135.000 MiniDiscs; im gleichen Zeitraum gingen 114 Millionen Leerkassetten über die Ladentheke.

Überholt durch CD-Brenner, MP3s und später iPods

Als Philips sein technisch rückständigeres, weil noch mit Band funktionierendes DCC-System im Jahr 1996 aufgab, zog der Verkauf der MiniDiscs langsam an. Der "Focus" berichtet von immerhin 5,7 Millionen verkauften Leer-MiniDiscs 1998 - im Vergleich zu allerdings immer noch stolzen 74 Millionen Leerkassetten. Der Aufschwung kam zu spät: Zu der Zeit standen die Gewinner bereits fest: Beschreibbare und wiederbeschreibbare CDs (CD-R, CD-RW) eroberten, befeuert durch den PC-Boom der 90er, Wohn- und Arbeitszimmer. Das Internet, das zu der Zeit ebenfalls in deutsche Haushalte Einzug hielt, brachte den MP3-Standard und 1999 die Tauschbörse Napster gleich mit. CD-Brennen wurde zum Volkssport. Mit ein paar Mausklicks fand sich eine MP3-Sammlung auf einer CD wieder. Möglichkeiten, MP3s vom Rechner auf MiniDiscs zu kopieren, führten nur über massive Umwege. Das Argument des besseren Klangs war kein Vorteil mehr - Einfachheit siegte. Zehn Jahre nach dem Start hatte Sony 80 Millionen MD-Player verkauft - kein Flop, aber auch nicht gerade die Eroberung eines Massenmarktes im Sturm.

Sony starte 2004 noch einmal den verzweifelten Versuch, die MiniDisc mit einem neuen Format zu retten: Der Hi-MD-Walkman sollte über ein neues Kompressionsverfahren und neue Discs mit 1 GB Fassungsvermögen bis zu 45 Stunden Musik speichern können. Die alte Minidisc fasste nur 180 Megabyte und bei höchster Kompressionsrate maximal acht Stunden Musik. Doch auch die Hi-MD-Player waren mit 250 bis 450 Euro Anschaffungspreis wieder zu teuer. Sony gängelte die Musikkäufer mit einem digitalen Wasserzeichen und versuchte ein eigenes Format einzubringen. Der zweite Anlauf floppte, auch weil die Musikfreunde zu der Zeit längst iPods wollten. Apple brachte den ersten tragbaren Musikplayer der Marke im Jahr 2001 heraus und fast zeitgleich mit Sonys MZ-NH1 kam der kleinere iPod mini auf den Markt, der zu einem Verkaufsschlager wurde.

Es wird in jedem Fall teuer

Die beste Lehre, die die Hersteller aus der Geschichte der MiniDisc ziehen können, ist vielleicht folgende: Es wird teuer werden und die Chance, dass ihr euch damit verhebt, wenn ihr den legitimen Nachfolger einer etablierten Technik lancieren wollt, ist groß. So oder so wird das Marketing teuer, weil du die Kunden erst einmal davon überzeugen musst, dass sie hier den Nachfolger der Speicherkarte, des Smartphones oder der Digitalkamera präsentiert bekommen. Teuer wird die Produktentwicklung: Etwas Disruptives muss einzigartig sein. Und selbst dann kann ein Nebenbuhler wie Philips dir noch mit einer schwächeren Technik wie DCC in die Parade fahren.

Ich habe meinen ersten MiniDisc-Rekorder erst sehr spät in den Händen gehalten: Ein Aufnahmegerät für Radiobeiträge, Anfang der 2000er Jahre. Gefallen haben mir die Handhabung und die Tonqualität der kleinen quadratischen Scheiben sehr gut. Von daher kommt bei mir zumindest ein bisschen Wehmut auf, wenn ich diese Zeilen schreibe. Auf Wiedersehen, MiniDisc! Bei manchen Dingen weiß man erst hinterher, was man an ihnen hatte.

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