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30.09.15

Ab 12.45 schweigt Mittelwelle 801 kHz: Das Dampfradio wird abgeschaltet

Radio - das war fast ein Jahrhundert Rundfunk auf Mittelwelle. Doch nun hat es sich ausgeknistert: Ende des Jahres schalten die letzten deutschen Mittelwellensender ab, heute mittag bereits der bayrische Rundfunk.

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Obwohl ich Funkamateur bin, hat mich der Fernempfang auf Mittel- und Kurzwelle nie so fasziniert: Die Tonqualität war einfach nie mein Fall - auf deutschen Radios mufflig-dumpf und mit Knacken und Pfeifen, nur auf amerikanischen klang sie besser, auf Kurzwelle auch noch mit Fading.

Die intensivste Radiozeit mit den Piratensendern aus Südtirol fand bereits auf UKW statt und auch den AFN hörte ich lieber in Mono mit eher schwachem Signal aus Augsburg auf UKW 100,4 MHz als auf der kräftigen Mittelwelle 1107 kHz aus Ismaning. Jedenfalls zuhause - unterwegs führte an der Mittelwelle kein Weg vorbei, und mit einem kleinen Streichholzschachtelkopfhörerradio, lange vor Walkman und Philips Taschenradio, hörte ich sie gerne. Ebenso - auf 1602 kHz - im Urlaub aus Hessen, wenn nun mein Wunschtitel doch einmal gespielt werden sollte.

Heute wäre die letzte Gelegenheit, doch habe ich nun gar kein Mittelwellenradio mehr zur Hand:

Um 12.45 schaltet der bayrische Rundfunk seine letzten Mittelwellensender ab.

Auch der AFN hat die großen Mittelwellensender in Deutschland längst abgeschaltet und wird bis Jahresende auch die kleineren stillegen, ebenso wie der Deutschlandfunk und der saarländische Rundfunk. Auch bei der Europawelle Saar, deren Mittelwellensender einst so stark war, dass die Autobahn darunter Pflicht-Teststrecke für alle Automobilhersteller wurde, nachdem einige Automotoren mit elektronischer Einspritzung unter der großen Antenne unerwartet stehengeblieben waren, ist dieser Sender längst Geschichte.

In den letzten Jahren wurde die Mittelwelle von etlichen ARD-Sendern nur noch zum Abschieben ungeliebter Jugendprogramme genutzt wie beim unrühmlichen Ende von DT64, aber zeitweise auch beim bayrischen Rundfunk oder - sinnvoller - für Wortprogramme und Musik für ältere Hörer.

Die Funkamateure, die nun selbst "Dampfradio" machen, wollen zusammen mit dem Deutschlandfunk ein Abschiedsprogramm zum Jahresende produzieren. Ob es beim bayrischen Rundfunk heute um 12.45 Abschiedsworte zu hören gibt, ist unbekannt. Bilder von der Sendeanlage Ismaning aus dem Jahr 2011 sind hier zu sehen, doch nun wird es auch dort bald knallen.

Ich persönlich höre tatsächlich seit Jahren nicht mal mehr UKW, sondern nur noch DAB und werde die Mittelwelle nicht vermissen. Für Notfälle wäre sie allerdings nach wie vor notwendig, da die meisten DAB-Radios ebenso wie das DAB-Sendenetz bei Stromausfall nicht mehr benutzbar sind. Und der Abflug am Flughafen München wird zukünftig nur noch ohne Weltempfänger möglich sein: Den muss man nämlich bei der Gepäckkontrolle einschalten, um seine Funktion zu beweisen, doch ist das Gebäude so gut abgeschirmt, dass kein einziger UKW-Sender es bis ans Röntgengerät im Terminal schafft. Nur die Mittelwelle Ismaning 801 kHz konnte den Abflug mit Radio bislang retten...

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