18.04.11 04:35

, von Thomas Mauch

Zukunft: Normale Amateurintelligenz brauchen wir nicht mehr

Das Internet wird unsere Gesellschaft umpflügen. Viele Berufe werden überflüssig werden. Und niemand ist da, der uns die notwendigen neuen Dinge beibringt. Gunter Dueck hat an der re:publica XI einen vielbeachteten Vortrag gehalten.

Dein Beruf wird überflüssig

Gunter Dueck«Ihre Berufe werden verschwinden» hat Gunter Dueck seinen Zuhörern an der re:publica 11 vergangene Woche vorausgesagt. Um uns herum geschehe eine Industrialisierung der Dienstleistungsberufe, angetrieben durch das Internet. Was haben wir als Spezialisten in unserem Beruf jemandem voraus, der zwei Stunden lang im Internet gesurft ist? Das Fachwissen sei heute im Internet, dem Betriebssystem unserer Gesellschaft. «Fachliche Fähigkeiten werden obsolet», sagte Dueck. Viele Berufe wie Bank- und Versicherungsberater, Lehrer oder Apotheker würden überflüssig werden: Berufsleute, die glauben, ihre Existenz mit einem Vorsprung an Wissen rechtfertigen zu können.

Was Du wissen musst, erfährst Du bei YouTube

Der leise sprechende Professor für Mathematik, Buchautor und CTO bei IBM liebt Provokationen, die er seinem Publikum freundlich ins Gesicht klatscht. «So normale Amateurintelligenz brauchen wir nicht mehr», urteilt er etwa über Universitätsprofessoren. Die 180 Credit Points für ein Bachelor-Studium könne man schliesslich auf 360 YouTube-Videos verteilten und lernen. Für den Rest brauche es dann nur noch einige Ausnahmeerscheinungen wie Watzlawick, Einstein oder Max Planck. Sei kreativ!

Heute, so Dueck, würden wir vor allem auf den IQ setzen, eben hartes Faktenwissen, mit dem wir uns auf dem Arbeitsmarkt behaupten. Morgen würden wir viel mehr EQ brauchen: Emotionale und kreative Intelligenz, Professonials, die Teams leiten, die andere Menschen überzeugen und sich vor allem durch Kraft und Begeisterung auszeichnen. Der Lehrer müsse zum echten Pädagogen werden, der nicht Mathematik erklärt, sondern die Schüler motiviert und ein Lernumfeld schafft, in dem sie sich die Kompetenzen aneignen können. Verkaufstalent, Sinn für Sinn und Attraktivität und Liebe zum Kunden - das seien zukünftig Kompetenzen, die ein Unternehmen benötigen würde.

Wer bringt es Dir bei?

Kein Wunder, meint der Professor, würden in Stellenanzeigen die fachlichen Skills einen immer geringeren Stellenwert einnehmen: Weil dieses Wissen durch das Internet für jeden zugänglich geworden ist. Dueck sieht Umwälzungen auf uns zukommen: «Das wird die ganze Gesellschaft umpflügen.» Das Problem, meint er, sei dass wir in Zukunft diese neue Kompetenzen, diese emotionale Intelligenz benötigen würden, aber niemand hier sei, der es uns beibringen würde: Es geht ihm um Persönlichkeitsentwicklung.

Das passiert nicht erst morgen

Vieles von dem, was Dueck voraussagt, ist tatsächlich schon eingetroffen. Wir dürfen nicht vergessen: Neben dem Internet ist die Globalisierung und damit verbunden eine radikale Standardisierung eine wesentliche Triebkraft hinter diesen Veränderungen. Und dieses Stück wird auch schon seit einigen Jahren gegeben. Es finden sich auch Unternehmen, die bereits an Lösungsansätzen arbeiten. Schaut man sich etwa eine Bankausbildung in der Schweiz an, stehen dort soziale und Problemlösungskompetenzen im Vordergrund. Weil Banken oder Versicherungen erkannt haben, dass sie mit standardisierten Finanzprodukten nur eine Überlebenschance haben: bessere Beratung.

Neuer Blick auf Dich

Wir brauchen andere Kompetenzen, da hat Dueck recht. «Wir sind heute nicht mehr ein Job. Wir sind nicht Informatikerinnen, Ärzte, Betriebsökonomen, Verkäufer oder Bauleiterinnen. Wir sind eine Ansammlung von Kompetenzen in Informatik, Medizin oder Marketing» habe ich vor einem Jahr hier geschrieben. Wir müssen uns in einem ganzheitlichen Sinne darüber klar werden, welche Kombination von Kompetenzen wir morgen benötigen, um erfolgreich zu bleiben - eben über diese fachlichen Kompetenzen hinaus. Dann geht es auch um persönliche Werte und Einstellungen.1999 hat der Management-Guru Peter F. Drucker fünf Fragen formuliert, mit denen man dazu Licht ins Dunkel bringen kann - Management Challenges for the 21st Century, hat er das genannt.

Dinge, die Du wirklich lernen musst.

Die Herausforderung der Zukunft, so Dueck, sei diese Bildung zur Professionalität. Er fragt denn auch, wie die wohl geht und wer diese immer stärker erforderliche Persönlichkeitsentwicklung denn übernehmen würde. Die grobe Richtung scheint mir hier klar: Wir werden wohl zu einem grossen Teil selbstverantwortlich dafür sorgen müssen. Warten, bis sich die Universitäten bewegen, geht nicht. Morgen deshalb ein weitere Artikel dazu: Dinge, die Du wirklich lernen musst.

Gunter Duecks Vortrag an der re:publica XI in Berlin kann man sich hier als YouTube-Video ansehen. Das Video ist nicht ganz vollständig, die ersten rund 15 Minuten fehlen, was dem Ganzen aber keinen Abbruch tut: Sehr sehenswert!

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Kommentare: Zukunft: Normale Amateurintelligenz brauchen wir nicht mehr

Weiterführende Literatur zum Thema: http://sethgodin.typepad.com/ (englisch) Oder Zusammenfassung von "Linchpin", einem der vielen Bücher von Seth Godin: http://sectorvii.de/d-chan/wordpress/2011/04/12/inspirationen-von-seth-godins-linchpin/ (deutsch) Schönen Tag noch :) Dori

Diese Nachricht wurde von Dori am 18.04.11 (07:04:38) kommentiert.

Ein sehr interessantes Thema, das noch viel zu wenig Bedeutung erlangt hat - denn schließlich können wir alle mittlerweile ohne Internet nicht mehr leben!

Diese Nachricht wurde von Tanja Handl am 18.04.11 (07:53:45) kommentiert.

Die Herausforderungen der Zukunft bestehen vor allem in der selbstverantwortlichen Entwicklung eines Menschen. Gemeinsam an Aufgaben arbeiten, statt zu konkurrieren, die Weisheit des anderen respektieren und ihn als Menschen achten. Menschen mit Überblick, vernetztem Denken und einer hohen sozialen Verbindlichkeit werden gebraucht. It´s time to come in your heart. Der Artikel könnte von mir sein. Mit dem Unterschied, dass ich im Hinblick auf meine eigene Aufgabe nicht sagen würde, es gibt niemanden, der uns da beibringt. Die Entwicklung solcher Persönlichkeiten ist der Kern meiner Arbeit und zwar seit mehr als 10 Jahren.

Diese Nachricht wurde von Brigitta Jellenko-Dickert am 18.04.11 (09:37:01) kommentiert.

Im Internet findet man alles - und auch jede Menge Mist. Durch manche Fragestellungen muss man sich durchwühlen, bis man die Essenz (falls die vorhanden ist) findet.

Diese Nachricht wurde von Andi am 18.04.11 (11:12:06) kommentiert.

Im Netz findet sich eine Fülle von Informationen, eine Suche nach "Elvis lebt" oder "9/11 fake" wird das bestätigen. Insofern gebe ich dem Autor recht. Spezialisten unterscheiden sich vom Normalsurfer in der Fähigkeit Angaben auf Grund von fachlicher und sozialer Kompetenz, erworben in fundierter Ausbildung, anwenden zu können.

Diese Nachricht wurde von noname am 16.09.11 (10:27:43) kommentiert.

Das ist ein Argument, dass Gunter Duck gerade diese Tage als Argument auf einen Schirmacher-Artikel wieder betont hat, auf seinem Blog:

Wir brauchen zu der höheren Bildung (die uns mit dem Internet leichter fällt) nun auch das höhere Können, das Hochprofessionelle, mehr Empowerment zusätzlich zum Enlightenment.

Diese Nachricht wurde von Thomas Mauch am 16.09.11 (11:23:33) kommentiert.
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