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14.07.09Leser-Kommentare

Wie man das innere Feuer löscht

Geld scheint ein guter Anreiz zu sein, etwas zu tun - wirkt aber meistens nicht langfristig, sondern motiviert nur für kurze Zeit.

Kennt Ihr die Geschichte über den alten Mann, der ständig von den Kindern geärgert wurde? Das ging ihm natürlich bald auf die Nerven, aber er hatte eine gute Idee. Als ihn die Kinder das nächste Mal ärgerten, sagte er zu ihnen: "Wenn ihr morgen wiederkommt und mich ärgert, dann gebe ich jedem von euch 1 Euro."

Natürlich kamen die Kinder am nächsten Tag erneut und ärgerten ihn nach allen Regeln der Kunst. Da sagte er zu ihnen: "Wenn ihr morgen wieder kommt und mich ärgert, dann gebe ich jedem von euch 50 Cent." Auch am nächsten Tag standen die Kinder wieder da und nervten. Da sagte der Mann: "Wenn ihr morgen wiederkommt und mich ärgert, dann gebe ich jedem 20 Cent." Die Kinder sahen sich an, überlegten kurz und meinten dann: "Nee, für so wenig Geld machen wir das nicht." Und der Mann hatte seine Ruhe.

Eine schöne Geschichte, die zeigt, wie man Menschen demotivieren kann, und wie wenig Geld als Motivator wirkt. Rein rational hätten die Kinder den Mann natürlich weiter ärgern müssen. Immerhin hätten sie so ihr "Einkommen" steigern können. Glücklicherweise funktionieren wir aber nicht immer rein rational, sondern haben auch noch Werte, Einstellungen und einfach auch ein wenig Menschliches in uns.

Sobald die Kinder eine Belohnung erwarteten und für normal hinnahmen, waren sie nicht mehr bereit, die gleiche “Aufgabe", die sie anfangs kostenlos erledigt hatten, für weniger Geld zu erledigen. Ursprünglich waren sie von sich aus - intrinsisch - zu den Streichen motiviert. Der Anreiz, etwas zu tun, kam alleine aus ihrem Inneren und nicht von außen. Niemand hat ihnen befohlen, jemanden zu ärgern und zunächst bekamen sie auch keine Belohnung dafür.

Der Mann hat das genau erfasst. Und er wusste auch, wie er darauf reagieren musste. Sein Ziel war nämlich, die intrinsische Motivation der Kinder zu ersetzen und den Ersatz anschließend immer weniger wertvoll zu machen. Oder: Er hat ihre intrinsische Motivation durch eine extrinsische Motivation ersetzt. Jetzt waren die Kinder nicht mehr primär aus sich selbst heraus motiviert, sondern von außen, nämlich durch das Geld. Durch die wiederholte Motivation von außen wurde ihr innere Motivation ersetzt. Der Mann musste schließlich den Betrag nur noch so lange verringern, bis er eine gewisse Schwelle unterschritt. Von da an war für die Kinder der Anreiz, ihn zu ärgern, nicht mehr groß genug.

Die Geschichte zeigt sehr schön, dass ein Anreiz von außen nicht unbedingt langfristig motivieren kann. Besonders dann nicht, wenn der Anreiz in Form von Geld geschieht. Untersuchungen haben ergeben, dass der Anreiz "mehr Geld" nur für kurze Zeit wirkt. Vermutlich hätten die Kinder bald auch aufgehört, wenn sie jeden Tag 1 Euro bekommen hätten. Irgendwann wären sie einfach nicht mehr motiviert genug gewesen. Wenn es ihnen jedoch gelungen wäre, ihr inneres Feuer am Brennen zu halten, würden sie den Mann noch heute ärgern - auch wenn er die Zahlungen ganz eingestellt hätte.

Oder in den Worten von Antoine de Saint-Exupéry:

“Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben, und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer."

Kommentare

  • Paul

    14.07.09 (20:17:20)

    "Glücklicherweise funktionieren wir aber nicht immer rein rational, sondern haben auch noch Werte, Einstellungen und einfach auch ein wenig Menschliches in uns." Sie scheinen es also für irrational zu halten, wenn man entsprechend seiner Werte, Erfahrungen, Freundschaften, Gefühle (wie Mitleid) usw handelt? Lassen Sie das mal bloß keinen ernstzunehmenden Ökonomen hören - der wird Ihnen dann nämlich erklären, dass z.B. der leidenschaftliche Student einer brotlosen Geisteswissenschaft selbstverständlich völlig rational handelt, wenn er tut was er tut, und nicht in Papas Steuerberaterkanzlei einsteigt. Denn sein Nutzen (= Glück/Zufriedenheit) wird ganz offensichtlich durch sein Studium stärker gesteigert als durch noch so viel Geld aus Papas Karrieretraum für den Sohnemann. Aber auptsache mal gegen die weltfremden und geldfixierten Ökonomen mit Ihrem "Nützlichkeitsdenken" (igitt) gemeckert, was?

  • Ivan Blatter

    15.07.09 (07:49:21)

    @Paul: Was man da alles aus diesen Texten herauslesen kann, wenn man nur will... Die Kinder hätte den Mann ja auch für 20 Cent weiter ärgern müssen, gerade weil ihr Nutzen gestiegen wäre: Sie hätten ihren Spass gehabt und hätten ein höheres Einkommen erzielt. Sie wäre also auf zwei Ebenen besser gestellt gewesen ("Zufriedenheitseben" und der pekuniären Ebene). So habe ich es zumindest in meinem Ökonomiestudium gelernt. Ich bin nämlich zu einem Drittel so ein "weltfremder", "geldfixierter" Ökonom (Volkswirtschaftslehre im Nebenfach)...

  • Axel Speitmann

    15.07.09 (08:33:59)

    Die Perspektive des Artikels gefällt mir. Normalerweise schaut man immer auf das, was motiviert und fragt sich: "Wie kann ich die Motivation steigern?" Hier wird uns gezeigt, wie ich die Motivation killen kann. Und das der monetäre Anreiz in Bezug auf Motivation vielfach einfach zu hoch eingeschätzt wird. Eine tolle Headline, eine schöne Geschichte, und mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry ein runder Abschluß.

  • Stefan

    15.07.09 (09:15:11)

    Danke für den Artikel. Eine nette Geschichte um die eigene Situation zu reflektieren. Den nächsten Artikel dann bitte über "lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer." :-)

  • BG

    15.07.09 (10:52:10)

    Jan Delay als Motto... "Doch das Wichtigste ist, dass das Feuer nicht aufhört zu brennen, denn sonst wird es ganz bitterlich kalt" Aber es stimmt: Wenn die Sache an sich schon belohnt, dann versauen externe Belohnung nur den Spaß. Ich habe auch mal gelesen (leider grad keine Quelle parat), dass freiwillige Helfer (also z.B. beim Kirchentag oder bei politischen Kampagnen à la Obama) wesentlich loyaler und zufriedener sind wenn sie unbezahlt sind! Leider werden wir größtenteils dazu erzogen, uns lediglich extrinsisch motivieren zu lassen. Das fängt spätestens mit den Noten in der Schule an (am Besten noch mit Taschengeld für gute Zensuren von der Oma...). Dabei ist es doch am Schönsten, einfach für eine Sache zu brennen und sich dann selbst Ziele zu setzen.

  • Mike

    15.07.09 (11:17:04)

    Ein sehr interessantes Thema, das mich selbst immer beschäftigt. Ich funktioniere nämlich nur so, dass Motivation und Leistung nur bei innerem Feuer vorhanden sind. Wenn versucht wird von aussen meine Motivation zu steigern, oder beizubehalten, dann geht der Schuss praktisch immer nach hinten los. Ganz besonders wenn es um Geld geht - Stichwort Bonus und Anreizsysteme. Das hat bisher bei all meinen Arbeitgebern, ohne Ausnahme, zu schlechter Stimmung und Eigenbrötlerei geführt. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, weshalb Firmen viel Geld in Teambuilding, Incentives und andere Leistungen stecken, anstatt diese Energie in ein angenehmes Arbeitsklima und eine Perspektive für jeden einzelnen Mitarbeiter zu investieren.

  • Michael Kieweg

    15.07.09 (12:25:26)

    Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, weshalb Firmen viel Geld in Teambuilding, Incentives und andere Leistungen stecken, anstatt diese Energie in ein angenehmes Arbeitsklima und eine Perspektive für jeden einzelnen Mitarbeiter zu investieren. Weil das in den meisten Firmen nicht so einfach ist. Das funktioniert vielleicht ab einer gewissen Managementebene oder für kleinere Firmen im Kreativbereich, aber kaum im "normalen" Produktionsbetrieb. 1. müssten das alle Mitarbeiter auch erst mal wollen 2. kann ich Belohnungen einfacher an die wirtschaftliche Situation des Unternehmens anpassen 3. wird von Otto-Normal-Malocher das "angenehme Betriebsklima" auch "intern" in Geld umgerechnet Nicht umsonst trennt der Großteil der arbeitenden Bevölkerung zwischen "Arbeit" und "Leben". Ich muss arbeiten um mir mein Leben leisten zu können....

  • Thorsten

    15.07.09 (20:18:00)

    Mit diesen Geschichten ist es immer so eine Sache. Sie wurden irgendwann von jemanden um eine Aussage herum gebastelt. In der Realität hätten die Kinder den "dummen" Opa trotzdem weiter geärgert Und warum? Weil es ihnen schlicht von Anfang an Spaß gemacht zu haben scheint. Denn das war die Motivation es zu tun, oder liege ich da falsch. Und es wäre so lange gegangen, bis ein Spaßersatz gefunden worden wäre. Dies ist auch der Grund warum Ehrenamtliche loyaler und treuer zu ihrer Aufgabe stehen könnten, wie BG beschreibt. Der Spaß und die Identifikation ist der Motivator des Handelns. Legt man das allerdings auf den 9 to 5 Durchschnitts-Büromenschen oder den Mitarbeiter in der Produktion um, darf man nicht vergessen, dass hier der schlichte Broterwerb im Fordergrund steht. Da steht Loylität und Zugehörigkeit aus ideellen Gründen wohl nicht an erster Stelle.

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