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18.02.13

Wie die Digitalisierung unser Arbeiten verändert I/II: Die Kompetenzen stehen im Vordergrund

Die Strukturen unserer Arbeitswelt verändern sich durch Digitalisierung und Globalisierung gerade entscheidend. Die Folge sind neue Arbeitsformen und wechselhafte Erwerbsbiografien, in denen Chancen, aber auch Risiken liegen. Die klassische Laufbahn wird ersetzt durch lebenslanges Lernen. Wie sollen Politik und Gesellschaft darauf reagieren?

Im Rahmen eines Forschungsprojektes der stiftung neue verantwortung mit dem Titel «Politik der Arbeit» war ich kürzlich zu einer Expertenrunde eingeladen. Ziel des Projekts ist es, für Politik, Arbeitgeber und Gewerkschaften Ideen, Konzepte und Handlungsempfehlungen für den Wandel der Arbeitswelt zu entwickeln. Die stiftung neue verantwortung e.V. versteht sich als partizipativer Think Tank. Zur Entwicklung neuer Ideen und Lösungsansätze zu den wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen bringt sie Vordenker und Praktiker aus verschiedenen Bereichen und Disziplinen an einen Tisch.An der Expertenrunde nahmen auch Dr. Ursula Engelen-Kefer, ehemalige Vorsitzende des deutschen Gewerkschaftsbundes und Dozentin an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Dr. Agnes Dietzen vom Arbeitsbereich Kompetenzentwicklung am Bundesinstitut für Berufsbildung, und Dr. Stephan Pfisterer, Bereichsleiter Bildungspolitik und Arbeitsmarkt beim BITKOM teil.

Unter der der Moderation von Dr. Sonja Mönkedieck, Fellow der stiftung neue verantwortung, diskutierten wir die Frage, welche Vor- und Nachteile kompetenzbasiertes Arbeiten, wie es viele digitale Arbeiter heute schon leben, gegenüber traditionellen, klaren Berufsbildern mit festen Ausbildungsstrukturen hat.

Viele tun sich schwer mit neuen Berufsbezeichnungen

Hierzulande werden Leute, die öfter mal den Job wechseln und sich autodidaktisch weiterbilden, ja gerne schief angeschaut, weil sie immer noch durch die Vorstellungsraster fallen – darüber habe ich hier schon geschrieben. Dabei werfen klassische Berufswege auch eine Reihe von Problemen auf, die vermutlich jeder, der schon mal einen Job gesucht hat, kennt.

Denn die beliebte Methode, in der Jobbörse der Wahl einen Suchbegriff einzugeben und dann das passende Ergebnis ausgespuckt zu bekommen, mag zwar praktisch sein – greift aber zu kurz. In der Regel finden viele Jobsuchende so nicht die Stellen, die zu ihren Kompetenzen passen, weil oft schwer zu erraten ist, hinter welchem Begriff sich der Job verbirgt, der genau zu ihren Qualifikationen passt.

Vor einiger Zeit ist mir da ein schönes Beispiel untergekommen: Es wurde jemand gesucht, der für die Geschäftsleitung organisatorische Aufgaben im Büro erledigt, eigentlich eine Art Mädchen für alles. Früher, in Zeiten klassischer Berufe, hätte man vermutlich Sekretärin gesagt. Heute allerdings sollte derjenige auch noch Twitter, Facebook, Xing usw. «nebenbei» miterledigen.

War die Stelle also als Social Media Manager ausgeschrieben? Oder mit einer der traditionelleren Bezeichnungen versehen: Assistenz der Geschäftsleitung, Projektmanager, Projektkoordinator, Mitarbeiter Personal- oder Rechnungswesen? Nein. Da es sich um eine gemeinnützige Organisation handelt und die gesuchte Person auch das Spenden-Sammeln koordinieren sollte, wurde die Stelle als Fundraiser ausgeschrieben. Mal ehrlich: Wer wäre darauf gekommen?

Laut einer Umfrage der Jobbörse stellenanzeigen.de wünschen sich 85% der befragten Bewerber eine bessere Auffindbarkeit von Stellen. Unter den Verbesserungsvorschlägen wurden immer wieder eine klarere Sprache sowie genauere Aufgabenbeschreibungen und Anforderungsprofile genannt. Das ist schwierig, weil sich aufgrund des technischen Fortschritts die Aufgabenbereiche heutzutage schneller verändern als die Berufsbezeichnungen bzw. Aus- und Weiterbildungen.

Ich erinnere mich an den Professor einer Hamburger Hochschule , der Journalisten ausbildete und mir gestand, er wisse nicht, was er den Studenten beibringen solle – heute lernten sie App-Entwicklung, aber man wisse ja nicht, ob das morgen in den Verlagen überhaupt noch gefragt sei. Und auch Arbeitgeber sind häufig ratlos, weil sie gar nicht wissen, wie sie eine Stellenanzeige sinnvoll titulieren sollen.

Kompetenzbasierte Jobsuche - effizient und erfolgreich

Kein Wunder, dass sich viele Digital Worker andere Lösungen suchen. So wie Regine Heidorn, die mehrere Studiengänge und eine IT-Ausbildung abgebrochen hat und ohne jede formale Qualifikation seit Jahren erfolgreich als Programmiererin arbeitet. Sie hat eine andere, sehr effiziente Plattform zur Jobsuche gefunden: Twitter. Hier ist sie als Bitboutique erfolgreich unterwegs, steht im ständigen Austausch mit ihrem Netzwerk und twittert über ihre Hobbys und Interessen.

So hat sie z.B. über ihr Hobby, das Geocaching getwittert; daraus ergab sich ein Dialog bei Twitter, und sie bekam schließlich einen Lehrauftrag an einer Hochschule. Wie sie selbst sagt, hätte sie sich gar nicht gedacht, mit dieser Qualifikation gefragt zu sein. Auf diese Weise findet Regine Jobs, die genau zu ihren Fähigkeiten passen und bei denen es nicht auf die rein formale Qualifikation ankommt, sondern auf die tatsächlichen Fähigkeiten. Doch sie sagt auch selbst: Auf Stellenausschreibungen, wo nur nach der formalen Qualifikation gefragt wird, braucht sie sich erst gar nicht zu bewerben.

Darin liegen für mich die Vorteile des kompetenzbasierten Arbeitens: Der Mensch steht im Vordergrund, nicht formale Abschlüsse und der Lebenslauf. Natürlich müssen die Fähigkeiten stimmen. Und das Beispiel von Regine zeigt auch, welche Vorteile das Internet hier bietet: schnell und einfach Gleichgesinnte zu unterschiedlichsten Themen zu finden.

Die politische Sicht: Aus- und Weiterbildung als Lösung?

Der Wandel der Arbeitswelt ist allerdings kein neues Phänomen, das hat Ursula Engelen-Kefer in der Diskussion unserer Expertenrunde klar gemacht: Beispielsweise sei es bereits 1969 in Deutschland zu einem Paradigmen-Wechsel in der Weiterbildungslandschaft gekommen – bedingt durch die Strukturkrise im Bergbau. Mit dem Arbeitsförderungsgesetz habe man damals angefangen, Arbeitslose aktiv durch Weiterbildungsmaßnahmen zu fördern.

Und genau da, in der Bildung, sieht Engelen-Kefer auch das entscheidende Mittel, das Problem zu lösen. Lernen müsse sich grundlegend wandeln, weg von der Vorstellung «Ich gehe in einen Klassenraum» hin zu einer kompetenzbasierten Weiterbildung. Und weg vom Lebenskonzept Ausbildung – Beruf – Ruhestand, hin zum lebenslangen Lernen als Lebenskonzept, wie es heute bereits von einer Minderheit praktiziert werde; mit dem sich aber die Allgemeinheit nach wie vor schwer tue.

Die Weiterbildungslandschaft müsse daher grundlegend umstrukturiert werden, und auch Aspekte wie die Überforderung des Menschen, soziale Kompetenz und Teamfähigkeit sollten berücksichtigt werden. Machtausübung durch Vorenthalten von Informationen gehöre, so Engelen-Kefer, der Vergangenheit an. Ihre Hoffnung setzt sie daher in die junge Generation. Die hat, wie der zweite Teil des Beitrags zeigen wird, das Problem natürlich längst erkannt und auch erste Lösungsansätze entwickelt. Allerdings hapert es noch gewaltig mit der Umsetzung.

Zweiter Teil des Artikels: Chancen und Risiken der Flexibilisierung

 

Bild: Glory Cycles bei flickr.com (CC BY 2.0)

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