28.01.13 05:03

, von Simone Janson

Das Internet und unser Image II/II: Wie echt sind Identitäten im Netz?

Ist die Kommunikation im «realen» Leben besser und echter als diejenige im Internet? Um diese Frage ging es iersten Teil dieses BeitragsNatürlich ist es im Internet einfacher, sich hinter einer Rolle zu verstecken. Mindestens ebenso viel zur Verfälschung trägt allerdings die Wahrnehmung des Gegenübers bei.

Amina Abdallah Araf al Omari war 2011 die Vorzeigebloggerin aus dem durch das Regime unterdrückten Syrien: Die lesbische junge Frau berichtete direkt von den Unruhen in ihrer Heimat. Bis sie von syrischen Polizeikräften abgeholt wurde und verschwand, wie in ihrem Blog zu lesen war. Aber all das stimmte gar nicht. In Wirklichkeit hatte ein 40-jähriger verheirateter weißer Amerikaner, der im schottischen Edinburgh studierte, sich als Amina ausgegeben. Er wollte mit dem Fake-Blog die Dissidenten in Syrien unterstützen. Am Ende verriet ihn die IP seiner E-Mail-Adresse.Abgesehen davon, dass er mit dieser Täuschung die echten syrischen Quellen unglaubwürdiger machte, zeigt die Geschichte vor allem eines: Wie leicht es ist, im Internet, zumindest für einige Zeit, seine Identität zu fälschen. Allerdings ist es nun trotzdem nicht so, dass es im Internet vor allem gefakte Identitäten gibt. Die meisten Menschen agieren, wie schon festgestellt, ungefähr deckungsgleich mit ihrer reellen Persönlichkeit – auch wenn manche von ihnen ein Pseudonym benutzen.

Wie echt ist man beim «Flittern»?

2011 avancierte die Veranstaltung «What's happening? Love.» zu einem der großen Publikumsmagneten auf der Blogger-Konferenz re:publica 2011. Wohl auch deshalb, weil es hier um ein Thema ging, bei dem jeder irgendwie mitreden kann: Liebe und Flirten. Wirklich spannend aber war die Diskussion zwischen Daniel Decker, bei Twitter als @kotzend_einhorn aktiv, und Moderatorin Teresa Bücker über Rollenspiele und Kommunikationsverhalten bei Twitter.

Während Bücker die Ansicht vertrat, dass Menschen, die bei Twitter sehr klug, nett und eloquent seien, das meist auch in der Realität seien, hatte Decker andere Erfahrungen gemacht: Der bekennende Telefonmuffel kann sich schriftlich viel besser ausdrücken als mündlich und musste sich daher nach erfolgreicher Kontaktanbahnung im Netz anhören: «Auf Twitter bist du viel lustiger... irgendwie bist du eine ganz andere Person.» Seine Erklärung dafür:

«Selbst wenn man im Netz unter seinem realen Namen agiert und sich möglichst wenig versteckt, ist es natürlich immer noch so, dass man [...] eine Figur kreiert. Das kann natürlich auch im realen Leben passieren. Aber der Unterschied ist, dass man sich bei Twitter vor dem ersten Treffen schon viel intimer und viel weiter ausgetauscht hat, als wenn man sich so auf einer Party trifft. Deswegen ist das Bild, das sich das Gegenüber schon gemacht hat, ein ganz anderes.»

Und er stellt ernüchtert fest, dass zwischen der Kommunikation bei Twitter und im realen Leben eben doch große Unterschiede bestehen: Twitter, so seine Erfahrung, ist eben nicht die Chance für Schüchterne, den Lebenspartner zu finden.

Wir machen uns alle ein Bild

Genau das ist der springende Punkt: Menschen machen sich nunmal ein Bild vom anderen, wenn sie mit ihm reden. Das Bild setzt sich daraus zusammen, was jemand sagt – aber unbewusst auch aus den Gesten, der Mimik und dem Tonfall der Stimme. Genau diese Merkmale fehlen bei der Kommunikation in sozialen Netzwerken, weil man in den Sozialen Medien in der Regel schriftlich kommuniziert. Dadurch fehlen uns aber wichtige Informationen, die uns unsere Gesprächspartner im persönlichen Dialog durch die Stimme, Gestik und Mimik unbewusst mitteilen.

Der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian fand 1967 in zwei Studien heraus, dass die Wirkung einer Botschaft nur zu 7 Prozent vom Inhalt des Gesagten abhängt. 55 Prozent werden durch die Körpersprache bestimmt und 38 Prozent durch Stimme, Tonfall, Betonung und Artikulation. Was aber tun, wenn uns diese 93 Prozent der Kommunikation fehlen – zum Beispiel, wenn wir mit Leuten eben nur twittern oder bei Facebook chatten, statt mit ihnen persönlich zu reden? Dann müssen wir uns diese Informationen dazudenken und neigen vielleicht dazu, ob wir wollen oder nicht, uns ein Bild zu machen, das mit der Realität nichts oder wenig zu tun – je nachdem, wie gut wir unseren Gesprächspartner wirklich kennen.

Daher sollten soziale Netzwerke immer nur Teil unserer Kommunikation sein – die persönliche Kommunikation sollten sie nicht ersetzten. Wenn das doch geschieht, besteht die Gefahr, dass wir uns von unseren Gesprächspartnern, sei das nun von ihnen beabsichtigt oder nicht, ein völlig falsches Bild machen. Wie sehr sich das Bild, das die Menschen von sich im Netz abgeben, vom realen Menschen unterscheidet, hängt allerdings offenbar stark von der persönlichen Zufriedenheit ab.

Kann die Online-Identität unser Offline-Ich glücklicher machen?

Die Medienpsychologen Sabine Trepte und Leonard Reinecke von der Hamburg Media School haben in mehreren Studien die Auswahl von Avataren bei Computerspielen untersucht. Die Daten belegen, dass die meisten Menschen ihre Avatare in Spielszenarien mit männlichem Anforderungsprofil vorwiegend mit positiven maskulinen Eigenschaften, etwa Größe und Stärke, ausstatten. In Spielszenarien mit weiblichem Anforderungsprofil überwiegen hingegen positive weibliche Eigenschaften. Allerdings bevorzugten die Probanden in der Regel gleichgeschlechtliche Avatare.

Und: Je zufriedener ein Mensch mit sich selbst ist, desto mehr ähnelt ihm sein Avatar. Wer dagegen mit seinem Leben eher unglücklich ist, der malt sich seine virtuelle Welt um so schöner – und um so eher unterscheidet sich sein Avatar von der eigenen Person.

Umgekehrt wirken erstaunlicherweise aber auch Avatare und Online-Verhalten auf die eigene Persönlichkeit: So fanden Trepte und Reinecke auch heraus, dass Menschen, die in Sozialen Netzwerken vieles über sich verraten, bereits nach sechs Monaten auch im realen Leben offener und mitteilsamer sind und auch mehr Freunde haben.

In eine ähnliche Richtung gehen die Ergebnisse des Honkong-Chinesen Nick Yee: Im Rahmen seiner Dissertation an der Stanford Universität belegte er, dass Menschen, die ein besonders gut aussehendes und damit beim anderen Geschlecht erfolgreicheres Alter Ego im Netz haben, irgendwann auch im realen Leben offener mit ihrem Privatleben umgehen und auch schneller zu sexuellen Kontakten neigen. Offenbar hat sie der Online-Erfolg mutiger gegenüber anderen Menschen gemacht.

 

Bild: Brian Snelson bei flickr.com (CC BY 2.0)

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Kommentare: Das Internet und unser Image II/II: Wie echt sind Identitäten im Netz?

Es ist schon so: Im “richtigen” Leben ist es ganz einfach; dort können wir uns auf die Körpersprache verlassen, wenn wir wissen wollen, ob uns jemand anlügt. Doch im Internet funktioniert dies nicht mehr, dort sehen wir die Körpersprache des Gegenübers leider nicht. Zum Glück gibt es einige Tipps, wie wir Unehrlichkeiten im Web erkennen können. Catalina Toma von der University of Wisconsin-Madison und Jeffrey Hancock von der Cornell University verglichen für eine Studie einmal die tatsächliche Größe, das Gewicht und das Alter von 78 Partnersuchenden mit ihren Profilinformationen in Singlebörsen. Dabei fanden sie Erstaunliches heraus: Lügner arbeiten oft mit Verneinungen. Anstatt “gute Figur” schreiben sie zum Beispiel “keine schlechte Figur”, anstatt “abenteuerlustig” schreiben sie “nicht langweilig”. Vorsicht also, wenn Bärchen91 schreibt, er sei nicht langweilig! Es könnte sich um einen Stubenhocker handeln. Die Forscher fanden außerdem heraus, dass Lügner im Internet versuchen, unangenehme Themen zu umgehen. Wer sich zum Beispiel auf seinem Profil ein paar Kilos leichter macht, als er tatsächlich ist, wird Themen rund um das Essen und die Ernährung meiden. Auf die Frage, was deren Lieblingsessen ist, werden diese Leute nur sehr kurz und knapp antworten und dann möglichst rasch das Thema wechseln. Zu der von euch zitierten amerikanischen Studie aus dem Jahre 1967 habe ich noch ein paar Zahlen zu Deutschland: Das Allensbach-Institut fand heraus: Die Gestik und Mimik der Deutschen macht 55 Prozent der Kommunikation aus, 26 Prozent entfallen auf die Stimme und 19 Prozent auf den fachlichen Inhalt.

Diese Nachricht wurde von Andreas Hobi am 29.01.13 (09:23:26) kommentiert.
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