08.04.13 06:13

, von Martin Weigert

Wider Komplexität und Bürokratie: Die Chancen der Simplizität

Die moderne Industriegesellschaft hat eine wahres Komplexitätsmonstrum geschaffen. Mit der Digitalisierung ist ein guter Zeitpunkt gekommen, um Simplizität in den Mittelpunkt zu stellen.

LabyrinthDie wachsende Zahl digitaler Nomaden - Menschen, die ortsunabhängig arbeiten und leben - schätzt einen minimalistischen, simplistischen Lebensstil schon länger. Je mehr materielle und immaterielle Verpflichtungen mit dem aktuellen Schaffensort verknüpft sind, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser nicht verlassen werden kann.

Doch das Streben nach Simplizität ist nicht mehr nur etwas für junge oder junggebliebene "Informationsarbeiter" auf Welterkundungstour. Nicht zuletzt seit Apple mit iPhone und iOS gezeigt hat, wie die Reduzierung um unnötigen Ballast und komplizierte Eigenschaften eine Produktkategorie innerhalb kürzester Zeit von einem Nischenphänomen in ein globales Mainstreamereignis mit weitreichenden Folgen verwandeln kann, steht die konsequente Vereinfachung zunehmend im Fokus vieler Unternehmen sowie Individuen.

Die Welt ist komplexer denn je

Unsere heutige Welt hat einen enorm hohen Komplexitätsgrad erreicht, wie dieser Artikel des Wall Street Journal sehr gut illustriert. Unendliche Wahlmöglichkeiten, Regeln, Gesetze, Anleitungen, Geschäftsbedingungen, Funktionen und Hierarchien sorgen dafür, dass nahezu sämtliche Prozesse des Lebens in all seinen Facetten erhebliche kognitive Ressourcen beanspruchen und mentale Kosten verursachen. Das fängt bei der Entscheidung über den Mobilfunktarif oder eine Versicherung an und endet bei der Steuererklärung oder der Gründung eines Unternehmens. Kein Beschluss und keine Aktion ist möglich, ohne dass dabei zeitintensive gedankliche Prozesse von Nöten sind. Egal ob es um die Auswahl des passenden Waschmittels oder die der Steuerklasse geht. Überall treffen Menschen, Firmen und Organisationen auf übermäßig komplexe Vorgänge, die ihnen knappe Mittel rauben, ohne dieses Investment zu rechtfertigen. Frustration, Ungeduld und Unzufriedenheit sind die garantierten Konsequenzen.

Umgedrehte Pyramide

Wer jetzt denkt, dass ich hier viele voneinander losgelöste Aspekt in einen großen Topf werfe, der hat Recht - außer mit der Annahme, dass Produkte und Dienstleistungen, Gesetze und bürokratische Auswüchse nichts miteinander zu tun haben. Alle sind die Konsequenz des kontinuierlichen Aufblähens eines riesigen Arsenals an mentalen Konstrukten, historischen Entwicklungen und strukturellen Gegebenheiten. Wie bei einer umgedrehten Pyramide erhält das Fundament aus einstmals äußerst simplen Alltagsregeln mit jeder neue Dimension an wirtschaftlichem, politischem, sozialem, technischem und gesellschaftlichem Fortschritt eine weitere, etwas breitere Etage. Immer verworrener sind die labyrinthartigen Gänge im Inneren, und oft führen sie in Sackgassen oder erzwingen große Umwege, um in ein Stockwerk darunter oder darüber zu gelangen.

Komplexität als Standard

Die umgedrehte Pyramide ist die kollektive Denkweise, die heutzutage zu der ausartenden Komplexität und Bürokratie führt, die Unternehmen das Leben schwer macht, Konsumenten verwirrt und Bürgern Zeit sowie Geld raubt. Belege übermäßiger Komplexität finden sich bei genauem Hinschauen überall. In einem auf Simplizität ausgerichtetes Dasein etwa wäre ein Internet-Livestream ein Internet-Livestream, nicht ein die Mühlen der Behörden und zahlreiche Bürokraten in Gang setzendes Politikum. Ein DSL-Zugang mit Flatrate wäre ein DSL-Zugang mit Flatrate, nicht eine Dienstleistung, bei der ungesunde Preis- und Angebotsdifferenzierungen in Erwägung gezogen werden. Die Möglichkeit eines digitalen Austauschs zwischen Bürgern, Firmen oder Behörden wäre mit Einfachheit und Effizienz im Fokus konzipiert worden, anstatt als für Laien undurchsichtige und unverständlich teure Nachahmung des physischen Briefes. Ein Steuersystem würde vielleicht tatsächlich auf einen Bierdeckel passen. Und natürlich wäre das vollkommen ausreichende Zitatrecht nicht um ein überflüssiges Leistungsschutzrecht ergänzt worden.

Akzeptanz des Verkomplizierens

Die Beispiele zeigen die verschiedenen Formen des chronischen Drangs zum Verkomplizieren. Hinter diesen und zahlreichen anderen Fällen stecken freilich unterschiedlichste Ursachen und Motive. Die Gemeinsamkeit liegt in der bei allen Gesellschaftsteilnehmern zu beobachtenden Akzeptanz dafür, dass die Durchsetzung individueller (Partikular)-Interessen immer eine Erhöhung der Komplexität rechtfertigt. Diese anscheinend tief in den meisten Akteuren verankerte Prioritätensetzung lässt sich sicherlich nicht von heute auf morgen verändern. Würde jedoch ein breiterer Konsens über den Nutzen eines Strebens nach Einfachheit herrschen, würde sich dies automatisch in entsprechenden Handlungen niederschlagen. Bei vielen Menschen fehlt es bisher gänzlich an einem Bewusstsein für diese Thematik und für die Opportunitätskosten, die durch unnötige Komplexität entstehen. Die permanenten Zusammenstöße von leicht eingerosteter analoger Welt mit der von Experimentierfreudigkeit geprägten und partiell zu Simplizität neigenden digitalen Sphäre bieten nun die Gelegenheit, erstmals das Gesamtbild zu betrachten und sich vor Augen zu führen, welches Komplexitätsmonstrum die moderne Industriegesellschaft geschaffen hat.

Die Lösung ist einfach

Ein guter Anfang wäre, wenn jede Behörde und staatliche Einrichtung, jedes Unternehmen sowie jedes Individuum eine spezielle Maßnahme zur Simplifizierung eines Prozesses durchführen würde, etwa eine Vereinfachung von Servicekonditionen, ein Reduktion einer unübersichtlichen Produktpalette oder die Kündigung eines unflexiblen, nur bedingt sinnvollen Dienstleistungsvertrags. Alle würden so selbst spüren, was es heißt, ein Hindernis auf dem Weg zu Effektivität, Effizienz, Funktionalität, Flexibilität und Zufriedenheit aus dem Weg zu räumen. Simplizität kann auch ganz schlicht bedeuten, sich von nicht eindeutig sinnvollen, zuvor nicht hinterfragten (Konsum-)Gewohnheiten zu verabschieden.

Die von uns durch den stetigen Weiterbau eines in vielen Punkten nicht mehr zeitgemäßen Konstrukts selbstgeschaffene Komplexität der Welt ist kein Naturgesetz, auch wenn jedes Simplizitätsstreben freilich seine Grenzen hat. Wir können den Zustand selbst verändern, wenn wir dazu bereit sind. Der erste Schritt dorthin ist die Einsicht, dass sich Systeme nicht bis ins Unermessliche aufblähen lassen, ohne darunter zu leiden. Netterweise hilft uns die Digitalisierung nun dabei, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. /mw

Illustration: stock.xchng/gerard79

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Kommentare: Wider Komplexität und Bürokratie: Die Chancen der Simplizität

Das ist der Grund wieso ich mich in Hotelzimmern wohlfühle. Reduktion aufs nötigste um sich trotzdem heimisch zu fühlen. Kein unnötiger Balast welcher nur ablenkt. Klasse Artikel.

Diese Nachricht wurde von _heiko am 08.04.13 (17:58:05) kommentiert.

Sehr guter Beitrag. Eine Anmerkung: "Enorme ...", "uebermaeßige Komplexitaet" ? Es gibt keine Steigerung von Komplexitaet.

Diese Nachricht wurde von michael am 08.04.13 (18:26:31) kommentiert.

Komplexität ist soviel wie Vielfalt von Verbindungen und Zusammenhängen. Die kann natürlich höher oder geringer, also auch enorm und übermäßig sein.

Diese Nachricht wurde von Michael am 09.04.13 (04:38:32) kommentiert.

Den Wunsch kann man natürlich nur begrüßen, wenngleich ich seine Aussichten ziemlich skeptisch sehe. Dazu ist die Gesellschaft zu verkompliziert und vervorschriftet, dass sich da schnell viel ändern könnte. Ebenso skeptisch sehe ich den Glauben, rettende Ufer zu mehr Einfachheit ausgerechnet im Vernetzungs- und Komplexitätsmonster Internet zu sehen. Dass die in einzelne Individuen und unzählige Online-Angebote ausgefranste digitale Sphäre partiell zu Simplizität neigt, würde ich nämlich verneinen. Ich habe Schirrmachers Internet-Skepsis mit seinen Gehirnvermanschungs-Thesen in seinem "Payback"-Buch einst noch für lächerliche Technik-Zurückgebliebenheit gehalten - heute würde ich ihm zu großen Teilen recht geben. Das Internet und Web 2.0 tut mit seinen unzähligen winzigen Informationseinheiten an Artikeln, Tweets, Facebookeinträgen, Fotos, Links, Tools usw. eben genau das - das Gehirn vermanschen. Was durch die quasi noch kaum existierende systematische Ordnung des Internets weiter "befördert" wird. Die verbreitete Kritik an Schirrmachers Buch ist wohl auf die damals noch vorherrschende und auch nachvollziehbare Technikbesoffenheit zurückzuführen. Man war halt noch vor allem begeistert dabei, die unzähligen neuen sofort verfügbaren universellen Informationsmöglichkeiten auszuprobieren - bevor man auch ihre Schattenseiten bemerken konnte. Reduktion von Komplexität des Internets heißt dann wohl auch schlicht, das Internet weniger zu nutzen, sich nicht in seinen unzähligen winzigen Informationsschnipseln zu verzetteln, sondern sich wieder mehr auf Prioritäten zu konzentrieren, was man mit dem ganzen Zeug überhaupt will.

Diese Nachricht wurde von Michael am 09.04.13 (07:31:38) kommentiert.

Hallo Martin Die immer komplexer werdende Welt ist zwar selbst geschaffen, aber dieser Prozess ist - entgegen deiner Behauptung - wie ein Naturgesetz: unaufhaltsam und in immer neue Bereiche vordringend. Dies ist von Soziologen oft beschrieben worden. Demgegenüber steht unsere Sinnesausstattung und die Verarbeitung von Daten, die als relevant vom Gehirn eingestuft werden. Dabei wird der allergrößte Teil der Daten einfach verworfen. Das geht gar nicht anders, weil das Körper-Geist-System ansonsten wegen Informationsüberflutung nicht funktionsfähig wäre. Diese Tendenz zur Reduktion von Komplexität gibt es auch in sozialen Systemen, die ebenfalls darauf ausgelegt sind, Informationen zu reduzieren. Es gelangt nur das ins System, was für das Funktionieren notwendig ist. Alles andere wird nicht beachtet. Ich will damit sagen: steigende Komplexität ist ein Prozess, den wir als Menschen kaum beeinflussen können, aber es gibt starke Mechanismen, die das wieder abschwächen. Gruß Ralf

Diese Nachricht wurde von Ralf Wienken am 09.04.13 (08:09:25) kommentiert.

Die Welt wird individuell komplexer, je mehr man von ihr in Anspruch nimmt. Das passt zu der Entwicklung, dass heute jedermann deutlich mehr Ziele verfolgt, als in vergangenen Zeiten. És ist also eine selbstgeschaffene Komplexität - für jeden einzelnen. Man kann recht leicht ein verhältnismäßig unkompliziertes Leben führen, wenn man sich von manchen Dingen abwendet. Ich will damit keiner Retro-Bewegung das Wort reden, aber es ist eben eine Vielzahl von Aufgaben, die für sich anspruchsvoll sind, die wir gleichzeitig verfolgen wollen: Sich gesund ernähren und das mit fundiertem Wissen, das sich ständig ändert. In sozialen Netzwerken aktiv sein, sie sich ständig entwickeln. Technologisch Schritt halten bei Telefon, Fernseher, Computer, wo es all Nasen lang Innovationen zu geben scheint. Umfangreiche Verträge eingehen und die ständig wechseln, um zu optimieren. Und, und, und. Wir sind einer Bedürfnisweckungswelt ausgesetzt und versuchen Schritt zu halten. Das ist individuell komplex. Und daran kann jeder etwas ändern. Für sich.

Diese Nachricht wurde von Wim am 09.04.13 (09:00:35) kommentiert.

Digitaler Minimalismus ist Klasse, aber, wie Herr Weigert passend bemerkte: Jede Minimalisierung hat ihre Grenzen; Ich nehme mal ein Beispiel aus meinem persönlichen Interessengebiet: Computer. Während Microsoft mit Windows 8 die übermäßig komplexe Gestaltung auf das wesentliche reduziert hat, Farben und (teils) auch Übergänge sowie Hintergründe belassen hat, oder sogar Metaphern der Realität einsetzt, reduziert Apple sein Mac OS X und iOS auf eine rein-weiße, rein-hässliche Oberfläche, die nach nix aussieht, weil sie eigentlich nix ist. Allerdings muss ich so sagen, _heiko, dass ich mich in Hotelzimmern durchaus auch wohlfühle, mein Eigenheim schätze ich aber dennoch. Und meine knapp 200 Bücher will ich auch nicht loswerden. Es gibt eben Grenzen, diese sind allerdings IMMER Geschmackssache. Manche sind Komplett-Nomaden und haben nur noch eine Briefkastenaddresse und leben nur in Hotelzimmern; Ich habe noch einen festen Wohnort, den ich nicht verlasse oder nur selten. :D

Diese Nachricht wurde von Eric Freiberg am 17.08.13 (18:25:11) kommentiert.
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